360 Grad

A Country for Old Men

von

Die vergangene Wahlnacht bei MSNBC hat vor allem eines gezeigt: Alte Männer sind super für televisionäre Gesprächsrunden. Ein Kommentar.

Ich habe ein gewisses Faible für alte Männer als Polit-Analysten.

Nehmen wir Chris Matthews: In den siebziger Jahren hat er für verschiedene demokratische US-Senatoren gearbeitet, anschließend als Redenschreiber für Präsident James Carter, bevor er Stabschef des Sprechers des Repräsentantenhauses wurde. Danach zog es ihn in den Journalismus, erst nur ins Printgeschäft, anschließend ins Fernsehen, wo er seit 1997 die tägliche Show «Hardball» moderiert, zuerst bei CNBC, seit 1999 bei MSNBC.

Der Mann hat die Höhen und Tiefen der amerikanischen Politik der letzten vierzig Jahre hautnah miterlebt. Dementsprechend kann ihn nichts mehr schocken, wenn er heute in einer Wahlnacht im Panel sitzt. Ok, fast nichts. Und selbstverständlich hat er noch nie eine Veranlassung dazu gesehen, in Interviews ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Bei «Hardball» ist der Name Programm.

Oder nehmen wir Tom Brokaw, den langjährigen Host der «NBC Nightly News», der auch in der vergangenen Wahlnacht bei MSNBC dabei war, wo sein Handy kurz alles zum Stillstand brachte. Macht nichts, kurz rangehen, einen kleinen Witz reißen, dann gemächlich weiter im Text. So geht Understatement bei Legenden. Herrlich!

Für televisionäre Gesprächsrunden sind alte Männer geradezu prädestiniert. Da sie sich oft schon lange aus dem aktiven Politiker- oder Wirtschaftsboss-Dasein, bzw. der täglichen redaktionellen Arbeit verabschiedet haben, haben sie auch keine Talking Points und keine Agenda mehr, die sie abhaken und schmackhaft machen müssen – und können dementsprechend frei reden, ohne nachher in der Fraktionssitzung völlig isoliert zu werden oder die Wut der Shareholder auf sich zu ziehen.

Das soll aber nicht heißen, dass es nur die alten Männer können. Nein, die Beispiele für herausragende jüngere Polit-Analysten und –Analystinnen sind selbstverständlich auch im amerikanischen Raum zahlreich. Ob Rachel Maddow in exzellenten Beiträgen den Erklärbär macht oder die Jungtürken das Zeitgeschehen kommentieren – beides ist exzellenter Journalismus.

Doch während Maddow als Host in der Wahlnacht den Laden zusammenhalten und den Überblick behalten muss, wer wo gerade Senator oder Gouverneur geworden ist, kann sich die alte Garde gelassener zurücklehnen. Been there, done that. Gerade, wenn es hoch her geht, ist das manchmal ganz beruhigend.

Außer natürlich, Sie heißen Barack Obama. Dann wird Sie in der Nacht auf Mittwoch nicht einmal Tom Brokaws Handyklingelton erheitert haben.

Kurz-URL: qmde.de/74300
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