Die Kino-Kritiker

«Maps to the Stars»

von

Hollywood hat 'nen Schatten! Und Kultfilmer David Cronenberg hält ihn in aller Präzision auf der großen Leinwand fest.

Hinter den Kulissen

  • Regie: David Cronenberg
  • Produktion: Saïd Ben Saïd, Martin Katz und Michel Merkt
  • Drehbuch: Bruce Wagner
  • Musik: Howard Shore
  • Kamera: Peter Suschitzky
  • Schnitt: Ronald Sanders
David Cronenberg ist spätestens seit 1981 nicht mehr aus dem Kino wegzudenken. Damals gelang ihm mit dem Sci-Fi-Horrorthriller «Scanners» der internationale Durchbruch, in den Folgejahren erhärtete der kanadische Regisseur mit Schockern wie «Videodrome» oder «Die Fliege» seinen Ruf als Meister des Bodyhorrors. In jüngeren Jahren widmete sich Cronenberg zwar verstärkt dramatischen Stoffen, dennoch blieb er bislang zwei Prinzipien treu: Seine Regiearbeiten sind von einer subtilen Düsternis geprägt und entstehen allesamt außerhalb der USA.

Mit «Maps to the Stars» betritt der 71-Jährige nun allerdings (wortwörtlich) Neuland. Denn das satirische Drama verstößt gegen eines der genannten Prinzipien und stellt das US-Debüt des Kultregisseurs dar. Befürchtungen, dass Cronenberg auf seine alten Tage weich wird, sind jedoch unberechtigt. Die in Los Angeles sowie in der kanadischen Millionenstadt Toronto gedrehte 13-Millionen-Dollar-Produktion mag Cronenberg zwar bezüglich des Settings und der Thematik näher an Hollywood rücken, tonal bleibt der «eXistenZ»-Regisseur aber weiterhin meilenweit von typischer Blockbuster-Glückseligkeit entfernt.

Der wohl einzige Funken Freundlichkeit, der «Maps to the Stars» anhaftet, lässt sich hinter den Kulissen finden: Das Drehbuch zum Film stammt von Bruce Wagner, der in Hollywood aufwuchs und dort die Scheinwelt der Traumfabrik regelrecht hassen gelernt hat. Dieser Abneigung machte er schon vor einigen Jahren im Skript zu «Maps to the Stars» Luft. Schon damals versuchte Cronenberg, das Projekt zu verwirklichen, Finanzierungsschwierigkeiten machten diesem Plan aber einen Strich durch die Rechnung. Daraufhin verarbeitete Wagner Teile des Skripts in seinem 2012 veröffentlichten Roman „Dead Stars“, aus Freundschaft zum Romanautor gab Cronenberg «Maps to the Stars» aber trotzdem nicht auf. Im Juli 2013 fiel dann endlich die erste Klappe – und Wagners hypnotische Abrechnung mit Hollywood wurde endlich in all ihren Facetten fürs Kino aufbereitet.

Das Ergebnis ist ein etwas weltlicheres, aber nicht minder verstörendes Gegenstück zu David Lynchs surrealem Mysterydrama «Mulholland Drive». Mit beißendem Humor und unzähligen an Kenner der Filmindustrie gerichteten Anspielungen gespickt entwerfen Wagner und Cronenberg ein soghaftes Puzzlespiel aus dunklen Schicksalen. Da wäre die rätselhafte 18-jährige Agatha (Mia Wasikowska), die mit einem Medikamentencocktail gegen ihre psychischen Probleme ankämpft und sich nach jahrelangem Dasein in Abgeschiedenheit aufmacht, in Hollywood zu arbeiten. Ihr Weg kreuzt sich unter anderem mit dem jovialen Chauffeur Jerome Fontana (Robert Pattinson), der seit Jahren hofft, den Sprung ins Filmgeschäft zu machen, sowie mit der allmählich alternden Schauspielerin Havana Segrand (Julianne Moore). Diese will mit aller Macht wieder zurück ins Rampenlicht und giert daher nach der Hauptrolle im Remake des 60er-Jahre-Klassikers, der ihre Mutter einst berühmt machte. Das allein sorgt in der Branche bereits für Aufsehen, immerhin hatte Havana eine ziemlich unglückliche Beziehung zu ihrer Mutter. Ausreichend ist dieser Medienrummel aber noch immer nicht, weshalb Havana sich zudem an den üblichen Tinseltown-Tricks versucht, um im Gespräch für den Gig zu bleiben: Lügen, Arschkriecherei und Sex.

Derweil hat auch der Kinderstar Benjie Weiss (Evan Bird) Karrieresorgen: Der 13-jährige Multimillionär machte erst kürzlich einen Drogenentzug durch, weshalb das Studio Zweifel hegt, ob der eitle Bube wirklich das Sequel zu seinem Megaerfolg «Bad Babysitter» drehen sollte. Benjies Mutter Christina (Olivia Williams) ist aber eine knallharte Verhandlungspartnerin und setzt somit den Willen ihres Sohnes immer wieder erfolgreich durch. Sein Vater Stafford (John Cusack) wiederum scheint die Ruhe in Person zu sein. Doch in Beverly Hills hat jeder Leichen im Keller, selbst der vielfach verehrte Psychoanalytiker, Esoteriker und Physiotherapeut …

Im Gegensatz zur nebulösen Lynch-Mär «Mulholland Drive», die mit einer unwirklichen Atmosphäre beginnt und kontinuierlich in eine Albtraumlogik abdriftet, beginnt Cronenbergs düstere Satire zwar schwer durchschaubar – nach und nach schließen sich allerdings die Lücken. Eingangs ist die Beziehung, in der die Subplots zueinander stehen, vollkommen unklar und nicht zuletzt aufgrund von Howard Shores bedrückendem Score würde es kaum überraschen, käme heraus, dass einer der Storyfäden bloß der paranoide Fiebertraum eines Hollywood-Starlets ist. «Maps to the Stars» verzichtet jedoch auf derartige Plottwists. Die Handlungsfäden finden zusammen und aus den deprimierenden Einzelschicksalen formiert sich eine verstörende Legende der Unterhaltungsindustrie.

Neu ist es selbstredend nicht, dass ein Kinofilm mit einer wenig schmeichelhaften Erzählung die Stadt der Schönen und Reichen entzaubert. Doch nur selten bestechen diese Hollywood-Dekonstruktionen mit guter Umsetzung und sehenswerter Story. Abscheu allein macht halt keinen guten Filmstoff. Cronenbergs schwarzhumoriges Drama dagegen hebt sich von platten Komödien wie «Fahr zur Hölle, Hollywood!» ab und präsentiert sich als faszinierendes Kaleidoskop der (unterhaltsam aufbereiteten) Abscheulichkeit. Wann immer die pointierten Seitenhiebe auf Hollywood-Schwergewichte wie Harvey Weinstein und die gehässigen Angriffe auf die im Filmgeschäft allgegenwärtige Geldgeilheit zu ermüden drohen, widmen sich Cronenberg und Wagner anderen Aspekten ihrer Satire.

Durch das verworrene Handeln der vernarbten Agatha und Benjies schleichenden Wandel vom schmierigen Egomanen zum paranoiden Soziopathen fügen die Filmschaffenden ihrem Stoff zudem eine willkommene Prise Spannung hinzu. Spätestens, wenn neben den gesponnenen Intrigen noch unsachgemäß mit Pistolen umgegangen wird und der Tod in den Augen der Protagonisten seinen Schrecken verliert, lässt der stets präzise arbeitende Regisseur Cronenberg sein Publikum wieder gebannt die Fingernägel in die Sessellehnen graben. Die komplexeste Figur in diesem Schauerkabinett der gezielt überspitzten Irren ist übrigens Julianne Moores Havana: So widerlich ihre abgebrühte Seite ist, so menschlich und mitleiderregend sind die in Moores Spiel aufblitzenden Überbleibsel der verletzten Seele eines ausgebrannten Filmstars.

Während die Figuren und ihr Handeln fesselnd-widerwärtig sowie urkomisch-niederträchtig sind, hält sich Cronenbergs Bildsprache in «Maps to the Stars» bewusst zurück, um dem fiesen Treiben den nötigen Raum zur Entfaltung zu geben. Der Digicam-Look und die langen, auf die Mimik der Akteure fokussierten Einstellungen verleihen dem Film auf der visuellen Ebene einen leicht dokumentarischen Beigeschmack, womit Cronenberg und Kameramann Peter Suschitzky auch optisch dem Hollywood-Glamour den Kampf ansagen. Der albtraumhaften Wirkung von «Maps to the Stars» tut dies wohlgemerkt keinen Abbruch. Die mitunter poetische Sprache der Figuren, die elliptische Erzählweise Wagners und die selbst im sonnigen Los Angeles weiterhin unterkühlte Farbpalette Cronenbergs machen diesen zweistündigen Hollywood-Besuch stattdessen zu einer unvergesslichen Brandschatzung der glänzenden Filmhauptstadt. Und dies sogar, obwohl Cronenberg im Finale auf alberne CG-Flammen setzt.

Fazit: Makaber, böse und pointiert: David Cronenberg erschafft mit seinem Hollywood-Abstecher einen neuen Albtraum – mit Schauspielern, statt Monstern und Familientragödien, statt Mutationen.

«Maps to the Stars» ist ab dem 11. September 2014 in einigen deutschen Kinos zu sehen.

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