Bei manchen schlechten Filmen erkennt man wenigstens, wo das Geld geblieben ist. «Batman & Robin» war absurd teuer, sah aber auch teuer aus. Andere Produktionen scheitern an übertriebenen Ambitionen, schlechten Spezialeffekten oder einer chaotischen Entstehungsgeschichte. Und dann gibt es «After Last Season». Regisseur Mark Region behauptete, sein 2009 veröffentlichter Science-Fiction-Film habe rund fünf Millionen Dollar gekostet. Wer «After Last Season» sieht, dürfte sich allerdings schon nach wenigen Minuten eine ganz andere Frage stellen: Wo um alles in der Welt sind diese fünf Millionen Dollar geblieben?Der Film sieht nicht nach fünf Millionen aus. Er sieht häufig nicht einmal nach 50.000 Dollar aus. Die Kulissen bestehen teilweise aus offensichtlich an Wände geklebtem Papier und Pappe. Medizinische Geräte wurden aus Kartons gebastelt. Räume wirken praktisch leer. Schauspieler stehen herum, führen merkwürdig steife Gespräche und scheinen gelegentlich selbst nicht genau zu wissen, was ihre Figuren eigentlich gerade tun.
Das Erstaunlichste daran: «After Last Season» war keine YouTube-Produktion von ein paar Freunden. Der Film wurde auf 35-Millimeter-Material gedreht und kam tatsächlich in amerikanische Kinos. Die Geschichte beginnt zunächst wie ein Science-Fiction-Thriller. Matthew Andrews und Sarah Austin sind Mediziner und beschäftigen sich bei der Prorolis Corporation mit Neurologie. Gleichzeitig treibt ein Serienkiller sein Unwesen und ermordet Studenten. Mit experimentellen Mikrochips sollen sich neuronale Vorgänge visualisieren lassen. Matthew und Sarah hoffen schließlich, mithilfe dieser Technologie die Morde nachvollziehen und womöglich sogar den nächsten Angriff vorhersehen zu können. Das klingt auf dem Papier gar nicht vollkommen verrückt. Ein wenig «Minority Report», etwas Mystery, ein Serienkiller und eine Technologie, die Bilder aus dem menschlichen Gehirn sichtbar macht – daraus könnte zumindest ein brauchbarer kleiner Science-Fiction-Thriller entstehen. Doch «After Last Season» wird zunehmend unverständlicher.
Die Visualisierungen bestehen aus ausgesprochen primitiven Computeranimationen. Formen bewegen sich durch sterile digitale Räume, Figuren wirken wie frühe Versuche mit 3D-Software und das Publikum soll offenbar daraus ableiten, dass hier komplexe Vorgänge im Gehirn dargestellt werden. Schließlich kommen Matthew und Sarah zu der Erkenntnis, dass hinter den Morden möglicherweise ein Geist steckt. Und am Ende erfahren wir auch noch: Das alles war ein Traum.
Damit liefert der Film praktisch die Königsklasse des frustrierenden Filmendes. Nachdem das Publikum 90 Minuten lang versucht hat herauszufinden, was die verschiedenen Ebenen, Experimente, Morde und Visualisierungen miteinander zu tun haben, erklärt das Drehbuch letztlich, dass man sich darüber gar nicht so viele Gedanken hätte machen müssen.
Regisseur Mark Region nannte ausgerechnet «The Sixth Sense» und «The Exorcist» als Vorbilder. Bei «The Sixth Sense» verändert die finale Enthüllung allerdings rückwirkend die Bedeutung zahlreicher zuvor gesehener Szenen. Man möchte den Film danach fast noch einmal ansehen, weil plötzlich Details verständlich werden. «After Last Season» erreicht beinahe den gegenteiligen Effekt. Die Traumauflösung sorgt nicht dafür, dass das zuvor Gesehene klüger erscheint. Sie wirkt eher wie eine Notausgangstür für ein Drehbuch, das sich selbst verirrt hat.
Noch faszinierender als die Geschichte ist deshalb die Produktion. Die eigentlichen Dreharbeiten sollen lediglich fünf oder sechs Tage gedauert haben. Gedreht wurde im Wesentlichen in einem einzigen Haus. Die vermeintlichen medizinischen Gerätschaften bestanden teilweise aus Pappe. Trotzdem bezifferte Region das Budget auf fünf Millionen Dollar. Nur ungefähr 30.000 bis 40.000 Dollar seien für die Dreharbeiten selbst ausgegeben worden. Der größte Teil des restlichen Geldes sei demnach in die animierten neuronalen Visualisierungen geflossen. Genau diese Erklärung macht den Film noch mysteriöser.
Denn ausgerechnet die Animationen sehen nicht so aus, als hätten sie Millionen verschlungen. Im Gegenteil: Sie gehören zu den Elementen, die «After Last Season» besonders billig erscheinen lassen. Deshalb entwickelte sich die Frage nach dem Budget fast zu einem Bestandteil der Legende des Films. Die fünf Millionen Dollar stammen letztlich aus den Angaben des Regisseurs selbst. Eine detaillierte öffentlich bekannte Abrechnung, mit der sich nachvollziehen ließe, wohin diese Summe tatsächlich floss, gibt es nicht.
Schon der Trailer löste 2009 im Internet deshalb eine ausgesprochen ungewöhnliche Reaktion aus. Viele Zuschauer hielten es schlicht für unmöglich, dass dieser Film ernst gemeint sein könnte. Es entstanden Theorien, das Ganze sei eine ausgeklügelte virale Werbekampagne. Zeitweise wurde sogar vermutet, Spike Jonze könnte dahinterstecken und auf ungewöhnliche Weise Werbung für seinen damals bevorstehenden Film «Where the Wild Things Are» machen. Andere Internetseiten stellten sich eine noch grundsätzlichere Frage: Existierte Regisseur Mark Region überhaupt? Das ist vielleicht die härteste denkbare Kritik an einem Film. Nicht: „Das sieht amateurhaft aus.“ Sondern: „Das kann unmöglich ein echter Film sein.“
Doch «After Last Season» existierte tatsächlich. Am 5. Juni 2009 kam er in einigen wenigen amerikanischen Städten ins Kino, darunter Lancaster in Kalifornien, Austin in Texas, North Aurora in Illinois und Rochester im Bundesstaat New York. Von einem regulären großen Kinostart konnte also keine Rede sein. Die Zuschauer, die sich tatsächlich in eine Vorstellung verirrten, lieferten dafür bemerkenswerte Reaktionen. Ein Besucher bezeichnete den Film schlicht als „amazingly bad“. Ein anderer beschrieb das Erlebnis wesentlich ausführlicher: Zunächst habe er gehen wollen, danach den Film anschreien, irgendwann sei alles lustig geworden und schließlich habe der Film eine Ebene erreicht, auf der er sich unter die Haut arbeite und einen allein durch die Fragen irritiere, die seine bloße Existenz auslöse.
Das trifft «After Last Season» erstaunlich gut. Denn nach einer gewissen Zeit interessiert kaum noch, wer der Mörder ist oder wie die Mikrochips funktionieren. Man schaut auf die Wände. Man betrachtet die Kartons. Man fragt sich, warum eine Szene so geschnitten wurde. Man versucht herauszufinden, ob ein Anschlussfehler Absicht sein könnte. Der Film verwandelt sich unfreiwillig von einem Science-Fiction-Thriller in eine Untersuchung seiner eigenen Herstellung.
Auch die Kritiken waren entsprechend vernichtend. Scott Von Doviak beschrieb den Film als extrem langweilig, vollkommen desorientierend und technisch derart inkompetent, dass er einige zutiefst verstörende Wirkungen ausgerechnet versehentlich erzeuge. Der spätere «Sinister»-Drehbuchautor C. Robert Cargill ging noch weiter: Für ihn war «After Last Season» nicht nur der schlechteste Film des Jahres 2009, sondern der schlechteste regulär im Kino ausgewertete Film der modernen Ära. Diese Formulierung ist entscheidend. Natürlich existieren zahllose Amateurfilme, Studentenproduktionen und Mikro-Budget-Projekte, die technisch schlechter aussehen. Doch «After Last Season» beanspruchte einen anderen Status. Es gab einen Kinostart, einen Trailer, 35-Millimeter-Material und vor allem dieses angebliche Budget von fünf Millionen Dollar.
Das Ergebnis sieht trotzdem aus, als habe jemand einen Science-Fiction-Film in einem leerstehenden Bürogebäude während eines verlängerten Wochenendes gedreht. Einen klassischen finanziellen Flop kann man daraus allerdings nur bedingt konstruieren. Belastbare öffentliche Einspielergebnisse sind kaum vorhanden, und angesichts der winzigen Kinoauswertung wäre ein nennenswertes Box Office ohnehin überraschend gewesen. Wenn das genannte Fünf-Millionen-Dollar-Budget tatsächlich stimmt, ist kaum vorstellbar, dass die Kinoauswertung auch nur einen relevanten Teil davon zurückbrachte. Präzise Verlustzahlen wären jedoch Spekulation.
Auch einen großen Karriereabsturz gab es nicht – aus einem einfachen Grund: Die meisten Beteiligten hatten gar keine große Hollywoodkarriere, die hätte abstürzen können. Mark Region wurde nach «After Last Season» jedenfalls nicht zum neuen M. Night Shyamalan. Der Film blieb sein berüchtigtes Werk, während Hauptdarsteller Jason Kulas und Peggy McClellan ebenfalls keine größeren Hollywoodstars wurden.







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