Interview

Dennis Sand: ‚Wir müssen mehr Popkultur wagen!‘

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Mit «MusikerGrillen» wollen WELT und „Rolling Stone Germany“ echtes Musikfernsehen zurückbringen. Dennis Sand und Sassan Niasseri sprechen über verbrannte Würstchen, ungewöhnlich offene Künstlergespräche und darüber, warum Popkultur gerade heute ein verbindendes Element sein kann.

«MusikerGrillen» verbindet Musikjournalismus mit einem gemeinsamen Grillabend. Wie ist die Idee entstanden, ausgerechnet Essen und ein ausführliches Künstlergespräch miteinander zu verbinden?
Dennis Sand:
Die besten und tiefsten Gespräche entstehen erfahrungsgemäß nicht in einem sterilen Studio, sondern in einer natürlichen Umgebung. Gerade im Musikjournalismus finde ich es spannend, den Künstler in seiner Gänze zu verstehen. In einer lockeren, Atmosphäre kommt man ihm dabei sehr viel näher, weil man ihm mehr Raum gibt, sich zu öffnen.

„WELT“ und „ROLLING STONE Germany“ stehen journalistisch für durchaus unterschiedliche Markenwelten. Was bringt jeder der beiden Partner in das Format ein und wie werden die redaktionellen Verantwortlichkeiten aufgeteilt?
Sassan Niasseri:
Wichtig war für mich persönlich, dass Dennis und ich unsere Gäste gleichermaßen wertschätzen, wir ihr Leben sowie ihre Karriere spannend finden. Die Schnittmengen zwischen „WELT“ und „ROLLING STONE Germany“ gibt es bei allen unseren Gästen, vom NDW-Helden Joachim Witt, der zur Neuen Deutschen Härte wechselte, bis zu Thomas Anders, einem Musiker, der sich von Dieter Bohlen längst emanzipiert hat. Ich würde daher nicht mal sagen, dass „ROLLING STONE Germany“ als Musik- bzw. Kulturmagazin einen anderen Ansatz wählt als „WELT“.

Dennis Sand: Ich glaube, der größte Unterschied liegt in der Art, wie wir den Künstler erzählen. „WELT“ ist ein Massenmedium, das eine Geschichte dem Mainstream begreiflich machen will, der „ROLLING STONE Germany“ steht wahrscheinlich für die größte Musikexpertise, die es in Deutschland gibt. Genau dieser Wechsel zwischen Massentauglichkeit und Musiknerdtum ist für mich das Spannendste an der Kombination. Sassan und ich nähren uns aus unterschiedlichen Perspektiven dem Künstler an. Aber beides ergänzt sich.

Jede Folge soll ein übergeordnetes Thema wie Treue, Haltung, Freiheit oder Wandel bekommen. Wie finden Sie dieses Thema für einen Gast, ohne ihm bereits vor dem Gespräch eine bestimmte Geschichte überzustülpen?
Sassan Niasseri:
Wir recherchieren ausgiebig. Das Thema „Treue“ zieht sich beispielsweise wie ein roter Faden durch Doro Peschs Leben. Das Metal-Genre lebt von Traditionen und Verbundenheit. Doro konnte sich mit „Treue“ sofort anfreunden, ohne sich überrumpelt zu fühlen.

Dennis Sand: Und wenn wir die Musiker mit dem Thema ein wenig fordern, schadet das auch nicht. Prinz Pi hat gerade angekündigt, seine Karriere zu beenden. Da sprechen wir mit ihm über das Thema „Loslassen“. Das kann auch schmerzhaft sein.

Sie betonen ausdrücklich, dass «MusikerGrillen» kein klassischer Promo-Termin für Album, Tournee oder Single sein soll. Wie schwierig ist es heute überhaupt noch, prominente Musiker für längere Gespräche zu gewinnen, bei denen sie nicht in erster Linie ihr aktuelles Produkt bewerben?
Dennis Sand:
Ich glaube, für Künstler ist es tatsächlich interessant, dass sie auch mal nicht in dieses klassische Promo-Fenster gepresst werden, in dem sie immer dieselben Fragen gestellt bekommen. Bei uns bekommen sie den Raum, zu zeigen, wie sie wirklich denken, was sie geprägt hat, was sie künstlerisch beschäftigt. Wir arbeiten Brüche in ihren Künstlerbiografien raus, aber reden auch über gegenwärtige Themen wie KI, den Einfluss der Digitalisierung auf die Kunst, gesellschaftliche Konflikte. Dazu werden sie sonst ja kaum befragt. Und da wird es dann richtig spannend.

Das gemeinsame Kochen oder Essen wird in Interviewformaten gerne eingesetzt, um eine besondere Nähe zu erzeugen. Wie verhindern Sie, dass die Grill-Idee lediglich zum hübschen Gimmick wird, und stellen sicher, dass am Ende tatsächlich ein substanzielles Musikinterview entsteht?
Dennis Sand:
Bei uns ist es eher umgekehrt. Wir sind oftmals so tief in den Themen drin, dass das Grillen hin und wieder zu kurz kommt. Bei Doro waren die Würstchen ziemlich schwarz, bei Joachim Witt der Fisch noch recht roh. Aber das ist gut, auch daraus entstehen neue Situationen, auf die man reagieren muss. Davon lebt das Format.

Nissan Niasseri: Die Interviews sind derart ergiebig, dass wir auch das Essen fast vergessen. Manchmal muss ich daran erinnert werden, mir die Gabel in den Mund zu führen. Wir reden ja zum Glück nonstop. Ich kann also nicht behaupten, dass ich nach dem Dreh immer satt bin!

Spontaneität gehört ausdrücklich zum Konzept. Gleichzeitig müssen Sie eine Fernsehsendung planen und journalistisch vorbereiten. Wie viel einer Folge ist dramaturgisch vorgegeben und wie viel hängt tatsächlich davon ab, was während des Grillens passiert?
Nissan Niasseri:
Das übergeordnete Thema steht natürlich, aber alles andere ist erlaubt. Prinz Pi könnte stundenlang über «Star Wars» reden, Doro Pesch über ihre wilden Anfangsjahre auf Tour in England – Punks zeigten dort ihren Respekt, indem sie die Musiker auf der Bühne anspuckten.

Dennis Sand: Die Sendung besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil am Grill arbeite ich mit dem Künstler die Biografie durch und lege dort einen Fokus auf die Brüche, im zweiten Teil, steht Sassan mit ihm am Tisch und geht weiter in die Tiefe. Diese grobe Dramaturgie ist gesetzt, alles andere lassen wir laufen. Wir klammern uns nicht krampfhaft an ein Skript. Das macht die Sendung so besonders.

Welche Musiker suchen Sie für das Format? Geht es vor allem um große bekannte Namen oder sollen bewusst auch Künstler eingeladen werden, deren persönliche Geschichte spannender ist als ihre aktuelle kommerzielle Reichweite?
Nissan Niasseri:
Optimal ist beides. Im besten Fall erzählen große Namen etwas, das man noch nie gehört hat, und etwas kleinere Namen eine Story, durch die wir sie erst richtig kennenlernen.

Dennis Sand: Thomas Anders ist ein schönes Beispiel dafür. Jeder kennt ihn, jeder assoziiert ihn mit Modern Talking. Aber dass Anders eine Phase hatte, in der er RnB- und Soul-Musik gemacht hat, das wissen die wenigsten. Im Übrigen: Das sind die besten Platten seiner Karriere. Und da wird es für uns dann spannend. Bei den großen Namen neue Facetten aufzeigen. Thomas Anders mal in einen neuen Kontext rücken, ihn auch als Musiker komplett ernst zu nehmen, statt nur auf Gossip zu schauen, wie cool ist das?

Das Format wird samstags auf WELT ausgestrahlt, gleichzeitig sind Videos, Social-Media-Ausschnitte sowie Beiträge auf WELT.de, rollingstone.de und möglicherweise in beiden Printprodukten vorgesehen. Denken Sie bei der Produktion zuerst an eine Fernsehsendung oder von Beginn an ein Format, das auf sehr unterschiedlichen Plattformen funktionieren muss?
Nissan Niasseri:
Beides mitzudenken, kann nie schaden. Bei der Fülle an Anekdoten ergibt sich sehr viel Material für Reels, etwa, wenn ich erstmals gezwungen werde, Scampi zu essen und dann auch noch ein Koriander-Dressing darüber kippen soll. Thomas Anders ist ein absolut großartiger Koch, aber genau diese Kombination aus Meeresfrüchten und Seifengewürz brachte mich an meine Grenzen.

Ein exklusiver Unplugged-Auftritt auf der Dachterrasse kann eine Folge abschließen, ist aber ausdrücklich kein Pflichtbestandteil. Soll damit verhindert werden, dass am Ende doch wieder die Performance und nicht das Gespräch mit dem Menschen hinter dem Musiker im Vordergrund steht?
Nissan Niasseri:
The Style is the Substance! Doro Pesch hat mit einem Freund unseres Hauses an der Gitarre improvisiert „All We Are“ gesungen, Joachim Witt eine A-cappella-Version von „Der goldene Reiter“. Die Gäste teilen sich durch diese neuen Versionen mit – wir sehen die Menschen hinter den Musikern.

Woran werden Sie feststellen, ob «MusikerGrillen» funktioniert: an der klassischen TV-Reichweite, den digitalen Abrufen und Social-Media-Clips – oder vor allem daran, ob aus den Gesprächen Momente entstehen, die man aus üblichen Musikerinterviews bislang nicht kennt?
Nissan Niasseri:
Reichweite ist eine wichtige Einheit, klar. Aber wir spüren auch, ob sich «MusikerGrillen» auf anderen Kanälen ausbreitet und zum Talk of the Town wird.

Dennis Sand: Ich bin einfach verdammt glücklich, dass wir mit dem Format mal wieder echtes Musik-TV machen. Wir gewinnen ganz viel, wenn wir Popkultur auch wieder im linearen Fernsehen vorkommen lassen, denn sie ist ein verbindendes Element in einer zutiefst gespaltenen Gesellschaft. Wir müssen mehr Popkultur wagen!

Vielen Dank für eure Zeit!

«Musikergrillen» ist ab 3. Oktober um 15.00 Uhr samstags bei Welt zu sehen. Zum Start ist Doro Pesch dabei.

Kurz-URL: qmde.de/176039
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