Am Anfang denkt man bei Glauben sehr schnell an Gott oder Religion, aber wir haben immer wieder erlebt, dass Menschen vor allem nach Sinn, Orientierung, Hoffnung und Zugehörigkeit suchen. Selbst in sehr säkularen Gesellschaften verschwindet dieses Bedürfnis offenbar nicht – es bekommt nur andere Namen und Formen.
Die Reihe führt von den San in der Kalahari über einen ukrainischen Militärseelsorger bis zu einem ehemaligen Ultraorthodoxen in Israel. Wie verhindert man bei einer solchen Vielfalt, völlig unterschiedliche Formen von Glauben unter einem sehr westlichen Religionsbegriff zusammenzufassen?
Indem man versucht, nicht zu fragen: Ist das Religion nach unseren Kriterien? Sondern: Was bedeutet diese Praxis für die Menschen selbst? Bei den San sind Natur, Ahnen, Gemeinschaft und Spiritualität kaum voneinander zu trennen – das passt nicht unbedingt in unsere Kategorien von religiös und nichtreligiös. Uns war wichtig, diese Unterschiede stehen zu lassen und eher danach zu fragen, welche menschlichen Bedürfnisse sich hinter den sehr verschiedenen Formen verbergen.
In „Die Natur des Menschen“ steht die These im Raum, dass Glaube eine Art menschliches Überlebensprogramm sein könnte, weil wir überall Muster, Zeichen und Bedeutung suchen. Wie weit trägt diese wissenschaftliche Erklärung und wo stößt sie bei Ihren Protagonisten an Grenzen?
Sie erklärt erstaunlich viel: Unser Gehirn sucht nach Ursachen, erkennt Gesichter in Wolken und vermutet im Zweifelsfall lieber einmal zu oft eine Gefahr – evolutionär kann das sehr sinnvoll gewesen sein. Aber damit ist noch nicht erklärt, was Menschen persönlich erleben, wenn sie beten, mit ihren Ahnen sprechen oder sich als Teil von etwas Größerem empfinden. Die Wissenschaft kann beschreiben, warum wir für Glauben empfänglich sind; sie kann den Menschen aber nicht sagen, welche Bedeutung diese Erfahrung für sie hat.
Sie waren für die Reihe auch an der Front in der Ukraine. Was haben Sie dort darüber gelernt, wie sich das Verhältnis zu Religion und Spiritualität verändert, wenn Menschen unmittelbar mit Gewalt, Angst und Tod konfrontiert sind?
Dort wurde sehr unmittelbar sichtbar, dass Glauben eine zusätzliche Ressource sein kann, wenn die eigenen Kräfte nicht mehr ausreichen. Unser Militärseelsorger Jewgeni sagt sinngemäß: Wenn man am Nullpunkt angelangt ist, versucht selbst ein Atheist, sich an etwas Größeres zu wenden. Gleichzeitig haben wir erlebt, dass Religion den Schrecken nicht einfach verschwinden lässt – auch der Seelsorger muss mit Tod, Beerdigungen, Ohnmacht und eigener Verzweiflung umgehen. Glaube ist dort weniger eine abstrakte Weltanschauung als etwas, das Menschen helfen kann, den nächsten Tag überhaupt zu bewältigen.
Die zweite Folge trägt den Titel „Götter, Geister und Gurus“. Während klassische Kirchen Mitglieder verlieren, entstehen neue Formen von Spiritualität. Erleben wir tatsächlich einen Bedeutungsverlust des Glaubens – oder lediglich einen gewaltigen Wandel dessen, woran und wie Menschen glauben?
Nach unseren Dreharbeiten würden wir eher von einem Wandel sprechen. Die Bindung an Institutionen nimmt vielerorts ab, aber die Suche nach Sinn verschwindet nicht – sie wird individueller. Menschen kombinieren Meditation, Naturerfahrung, traditionelle Religion oder neue spirituelle Angebote zu etwas Eigenem; im Film fällt dafür der Begriff des „Bastel-Glaubens“. Der Glaube verschwindet nicht mit den Kirchen, er verändert seine Form.
Sie begleiten unter anderem einen jungen Niederländer, der Sadhguru nach Indien folgt, und zeigen zugleich die mögliche Grenze zwischen Spiritualität, Kommerz und Abhängigkeit. Wie schwierig war es, offen für die Erfahrungen der Menschen zu bleiben und trotzdem kritisch auf Machtstrukturen und mögliche Ausbeutung zu schauen?
Das war eine Gratwanderung: Marc erlebt diesen Ort ganz offensichtlich als etwas, das seinem Leben Richtung und Tiefe gegeben hat – das wollten wir nicht entwerten. Gleichzeitig sieht man einen sehr streng organisierten Alltag, klare Regeln und eine starke Autorität, und natürlich muss man dann nach Abhängigkeit, Geld und Macht fragen. Wir sehen unsere Aufgabe darin, die subjektive Erfahrung eines Menschen ernst zu nehmen und trotzdem das System um ihn herum kritisch anzuschauen.
In Japan treffen Sie auf Menschen, die sich selbst als unreligiös verstehen und gleichzeitig Rituale pflegen oder Popstars und Anime-Figuren beinahe religiös verehren. Hat diese Begegnung auch Ihre Vorstellung davon verändert, wo Religion endet und etwas anderes beginnt?
Ja, weil Japan besonders deutlich zeigt, wie unscharf diese Grenze ist. Menschen bezeichnen sich als unreligiös und praktizieren gleichzeitig Shinto-Rituale oder sprechen bei ihrer Fan-Kultur von „Göttern“ und sogar „Religionskriegen“. Dabei erfüllen Popstars oder Anime-Figuren Funktionen, die wir aus Religionen kennen: Sie stiften Gemeinschaft, geben Trost, Orientierung und Motivation. Die Frage „Ist das Religion?“ verschiebt sich in den Hintergrund, weil interessanter wird, welche Praktiken Etwas für Menschen religiös machen.
Die dritte Folge stellt mit einer atheistischen Seenotretterin ganz bewusst jemanden vor, der nicht an Gott glaubt, aber sehr wohl an Gemeinschaft und Verantwortung. Verwenden Sie „Glaube“ damit absichtlich in einem wesentlich größeren Sinne als Religion?
Ja, ganz bewusst – aber nicht in dem Sinne, dass plötzlich alles irgendwie „Glaube“ ist. Isa glaubt nicht an Gott, aber sehr entschieden daran, dass Menschen Verantwortung übernehmen müssen und gemeinsam etwas verändern können. Im Film sagt sie, dass gerade der Glaube an eine gemeinsame Kraft einem Menschen Energie geben kann. Uns interessierte deshalb auch Glaube als Vertrauen, Überzeugung und verbindliche Vorstellung davon, wie wir miteinander leben wollen.
Religion kann Menschen Hoffnung geben und zu gesellschaftlichem Engagement bewegen, sie kann aber ebenso zur Kontrolle und Instrumentalisierung genutzt werden. Wie gelingt es einer dreiteiligen Dokumentation, diese Ambivalenz zu zeigen, ohne am Ende entweder zur Verteidigung oder zur Abrechnung mit Religion zu werden?
Indem man die Widersprüche nicht auflösen will. Wir zeigen die Augustiner-Nonne Soeur Laure, deren Glaube sie zur Fürsorge verpflichtet, ebenso wie Systeme, in denen religiöse Autorität missbraucht werden kann. Einer unserer Gesprächspartner sagt treffend: Religion ist ein fundamental ambivalentes Phänomen – sie kann instrumentalisiert werden, aber das gilt auch für Politik oder Moral. Wir wollten kein Urteil über Religion fällen, wir wollten verstehen, was Menschen mit dem Glauben machen – und was der Glaube mit Menschen macht.
Sie haben gemeinsam mit Jobst Knigge und Susanne Utzt über Kontinente, Religionen und Weltanschauungen hinweg gearbeitet. Gab es eine Begegnung oder einen Moment während dieser Reise, der eine Ihrer eigenen Überzeugungen besonders stark ins Wanken gebracht hat?
Mich hat besonders die Ukraine beschäftigt. Dort wird aus einer philosophischen Frage plötzlich etwas Existentielles: Was trägt einen Menschen noch, wenn Sicherheit und vielleicht sogar das Vertrauen in die eigene Kraft wegfallen? Ich bin dadurch nicht gläubiger oder ungläubiger geworden. Aber ich habe verstanden, warum Glauben für Menschen in solchen Situationen eine reale Kraft ist – unabhängig davon, ob man selbst ihre Glaubenssätze teilt.
Am Ende steht die provokante Frage, ob Vernunft allein ausreicht, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Nach all Ihren Begegnungen: Braucht eine Gesellschaft möglicherweise sogar Menschen, die an etwas glauben, das sich nicht wissenschaftlich beweisen lässt?
Vernunft ist unverzichtbar – Medizin, Wissenschaft oder Menschenrechte brauchen keinen Gottesbeweis, um zu funktionieren. Aber Vernunft allein beantwortet nicht unbedingt die Frage, warum wir Verantwortung für einen Fremden übernehmen, Hoffnung bewahren oder uns für etwas einsetzen sollen, dessen Erfolg wir nie erleben werden. Eine Gesellschaft braucht keine Religion – aber sehr wohl Menschen, die an Werte, an Gemeinschaft und an die Möglichkeit einer besseren Zukunft glauben.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
arte strahlt «Woran wir glauben» am Samstag, 3. Oktober, ab 21.40 Uhr aus. Die Doku-Reihe ist bereits seit 22. September in der arte-Mediathek abrufbar.







Quotencheck: «Comedy Allstars – Meilensteine des Humors»
Welche Programmfarbe das «heute journal» wirklich stark macht

Mediengestalter Bild & Ton / 2nd Broadcast Operator (m/w/d)
TV Producer Live Shopping (m/w/d)




Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel