Interview

Steffen Schwarzkopf: ‚Trump hat keine Bühne mehr‘

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Welt-Journalist Steffen Schwarzkopf ist stets in der amerikanischen Machtzentrale vor der Kamera. Er begleitete die Presse-Briefings unter US-Präsident Trump, war beim Sturm auf das Kapitol dabei und wird die Zwischenwahlen präsentieren. Quotenmeter sprach mit dem Welt-Reporter über die vergangenen zwei Monate.

Herr Schwarzkopf, nach dem Sturm auf das Kapitol haben sich auch führende Republikaner von Donald Trump distanziert, die ihm bis dato die Stange gehalten haben, die wichtigsten sozialen Medien haben ihn ausgesperrt und die Amtseinführung seines Nachfolgers Joe Biden verlief geradezu unspektakulär. War es das mit der Medienmaschine Trump – oder müssen wir auch in den nächsten vier Jahren mit seiner ständigen Fake-News-Beschallung rechnen?
Die ersten Tage des Ex-Präsidenten sind deutlich ruhiger ausgefallen als von vielen erwartet – was aber tatsächlich damit zusammenhängt, dass Donald Trump momentan schlichtweg keine Plattform hat, kein Twitter, kein Facebook, kein Instagram – und vor allem: Er hat auch nicht die Möglichkeit, Fernsehsender als Bühne für seine eigenen Interessen zu nutzen (so, wie er es vier Jahre lang ausgesprochen erfolgreich mit Fox News, CNN und MSNBC getan hat). Wird das so bleiben? Ich glaube kaum. Trumps Fokus liegt momentan darauf, sein Anwaltsteam für das Impeachment-Verfahren zusammenzustellen – aber dann wird er "back in some form" sein, wie er es beim Verlassen des Weißen Hauses angekündigt hat.

Die Pläne, eine eigene Partei zu gründen, beispielsweise mit dem Namen "Patriots Party", scheinen erst einmal auf Eis gelegt zu sein. Dass er aber bei den stetig an Reichweite gewinnenden Digitalsendern wie OANN oder Newsmax vermehrt auftaucht, vielleicht sogar einen eigenen Kanal aus dem Boden stampft und dann weiter seine Sicht der Dinge laut, hör- und sichtbar hinausposaunt – das halte ich doch für sehr wahrscheinlich. Genug Zuschauer und Fans hat er ja.

Im Fadenkreuz der Aufständischen am Kapitol standen auch explizit Journalisten. Auch das Equipment von deutschen Kamerateams wurde zerstört. Trotz aller pressefeindlichen Enthemmung bei den bekannten Trump-Rallys: Das hat es in Amerika in dieser Brutalität noch nicht gegeben. Werden Sie und Ihr Team deshalb in Zukunft verstärkte Sicherheitsmaßnahmen ergreifen – und was war Ihre erste Reaktion auf diese erschreckenden Bilder?
Wir waren ja am 6. Januar selbst vor Ort am Kapitol und haben für WELT stundenlang live berichtet. Was wir dort erlebt haben, war absolut bemerkenswert - oder besser: irritierend. Wir wurden von Demonstranten und von Kapitolsstürmern beschimpft, angeschrien und beleidigt. In dem Moment aber, in dem wir mit laufender Kamera auf sie zugingen, wurde der Schalter in Sekundenschnelle umgelegt: Menschen, die eben noch auf Polizisten eingeprügelt hatten, beantworteten nun höflich unsere Fragen – und verteidigten ihr Handeln live bei uns im TV. Ich erinnere mich an zwei junge Männer – nackter Oberkörper, die Augen geschwollen vom Reizgas der Polizei, immer noch absolut unter Strom, die den Eindruck erweckten, jeden Augenblick unsere Kamera runterzureißen – die tatsächlich stehen blieben und uns in nahezu ruhigem Ton erklärten, dass das Kapitol schließlich das Haus des Volkes sei.

Habe ich mich um unsere Sicherheit gesorgt, als wir mitten im Getümmel standen? Nein. Vielleicht lag das aber auch an meiner Erfahrung aus vier Jahren Trump-Rallies: Wir hatten auch mit noch so radikalen Unterstützern des Präsidenten bis auf wenige Ausnahmen nie größere Probleme. Um Ihre Frage also abschließend zu beantworten: Nein, wir werden wohl auch in Zukunft keine verstärkten Sicherheitsmaßnahmen ergreifen.

In Washington riecht jetzt alles nach einer Normalisierung der Verhältnisse. Im Weißen Haus wird es wieder tägliche Pressekonferenzen geben, Jen Psaki wird anders als ihre Vorgängerin Kayleigh McEnany keine befremdlichen Videos veröffentlichen, die man so eher vom nordkoreanischen Staatsfernsehen kannte und für den neuen Staatschef sind die Vertreter der Presse keine Volksfeinde. Kann (und soll) man als Reporter überhaupt wieder in den Normalmodus wechseln – und fiele das amerikanischen Journalisten oder ihren ausländischen Kollegen leichter?
Ich finde es ausgesprochen interessant, wie schnell viele amerikanische Kollegen in einen anderen Modus umgeschaltet haben. In den vergangenen vier Jahren – so ist zumindest mein Eindruck – haben es viele (Fernseh-) Kollegen geradezu darauf angelegt, sich on air mit den Pressesprechern des Weißen Hauses zu streiten. Zweite Kameras wurden eigens in den Briefing Room gebracht, um den Zuschauern zu zeigen, wie heroisch der Reporter Donald Trumps Sprachrohr die Stirn bietet – ich habe das immer befremdlich gefunden. Insofern ist es angenehm, dass dies jetzt nicht mehr in diesem Maße passiert. Gleichzeitig sind wir Journalisten es den Zuschauern und Lesern aber auch schuldig, dass die jetzige Regierung unangenehme oder kritische Fragen gestellt bekommt – und nicht alle in einen Kuschelkurs verfallen. Aber ich bin mir sicher, dass das nicht passieren wird.

Das Interesse an der amerikanischen Politik dürfte auch in Deutschland ungebrochen sein. Doch wie schwierig ist es, der hiesigen Öffentlichkeit im schnelllebigen News-Geschäft die Widrigkeiten des amerikanischen Politbetriebs, etwa die Komplexität des Impeachment-Verfahrens, näherzubringen – und ist das im Detail überhaupt notwendig, um den Medienkonsumenten hierzulande ein stimmiges Bild der amerikanischen Verhältnisse zu präsentieren?
Ich glaube, in den vergangenen vier Jahren sind viele Zuschauer, Zuhörer und Leser in Deutschland zu wahren Amerika-Experten geworden. Dass es einer Zweidrittelmehrheit im Senat bedarf, um Donald Trump im bald anlaufenden zweiten Amtsenthebungsverfahren zu verurteilen, muss ich kaum noch in meinen Beiträgen und Schalten erklären – das wissen inzwischen die meisten. Das Interesse an den Entwicklungen in den USA war unter Donald Trump so groß, dass sich viele mehr als nur oberflächlich mit politischen Abläufen befasst haben. Das bestätigen mir auch meine Freunde und Kollegen in Deutschland. Aber natürlich müssen und sollten wir Journalisten da am Ball bleiben: Was kann Joe Biden mit seinen executive orders erreichen? Bei welchen Entscheidungen braucht er den Kongress? Diese Fragen gilt es weiterhin zu beantworten. Auch, wenn es vermutlich in den nächsten Monaten doch etwas ruhiger wird als unter seinem Vorgänger.

Obwohl Joe Biden schon in den ersten Stunden seiner Amtszeit zahlreiche Dekrete unterschrieb, um Kernmaßnahmen der Regierung Trump zurückzudrehen oder unverzüglich zu stoppen: Die letzten vier Jahre werden sich nicht aus den Geschichtsbüchern radieren lassen. Was wird Ihrer Meinung nach bleiben von der Ära Trump – und ist sie überhaupt schon zu Ende?
Ich habe mich gerade erst vor wenigen Tagen mit unserem Kameramann Bill über die vergangenen vier Jahre unterhalten. Was ich hier als Korrespondent von 2016 bis 2020 erlebt habe, so meinte er, reiche normalerweise für 15 bis 20 Jahre. Und so ist es tatsächlich. Es war, wenn ich das so banal sagen darf, irre. Doch auch die nächsten Jahre dürften es in sich haben: Der Wahlkampf für die Zwischenwahlen 2022 hat bereits begonnen – und Donald Trump wird, wie angesprochen, weiterhin mitmischen. Hinzu kommen die Millionen von Amerikanern, die ihn weiterhin für den rechtmäßigen Präsidenten halten – und ein extrem radikaler Kern, dem man zutraut, mit terroristischen Mitteln gegen die "linke" Regierung zu kämpfen. Das zweigeteilte Amerika wird nicht wie durch Zauberhand wieder zusammenwachsen – und wer weiß: Vielleicht steht schon der nächste Trump in den Startlöchern. Populisten können es weit schaffen, das ist eine Lektion aus den zurückliegenden Jahren.

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