Basierend auf dem gleichnamigen Roman folgt das raue Drama «Nationalstraße» einem vermeintlichen Nationalhelden immer tiefer hinein in den gesellschaftlichen Abgrund.
Er ist ein Kind der Vorstadt und die Faust sitzt ihm locker. Seine Klappe ist gigantisch und sein Spitzname ist nicht ironisch gemeint: Vandam (Hynek Čermák). Wie Jean-Claude van Damme. Vandam hat seine Neubau-Siedlung nie verlassen und darauf ist er stolz. Sein Leben scheint ein bisschen aus der Zeit gefallen – doch globale Entwicklungen halten sich nicht an Stadtgrenzen. Immobilien-Haie haben es auf seine Lieblingskneipe abgesehen. Auf sein Revier, seine Heimat, sein Zuhause. Jetzt soll die Kneipe abgerissen und das Grundstück neu bebaut werden. Aber das ist noch nicht alles: Die Kneipe gehört der Frau, die er liebt. Irgendwie. Heimlich. Lucka (Kateřina Janečková) heißt sie. Lucka und die Kneipe sind wie ein Licht im Dunkeln – auch wenn er das so nie sagen würde. Aber ein Krieger ist ein Krieger und kämpft für das, was ihm heilig ist. Also zieht Vandam breitbeinig in die Schlacht. Er bedroht den neuen Besitzer des Grundstücks, pöbelt in dessen Firmenzentrale herum und bittet am Ende sogar seinen neureichen Bruder, mit dem er seit Jahren nicht mehr redet, um Geld. Vandam wirft alles in den Ring und sieht nicht, dass er einen Kampf führt, der schon längst entschieden ist.
„Frieden ist nur die Pause zwischen zwei Kriegen!“ lautet einer der ersten Sätze in «Nationalstraße». Er verseucht die Atmosphäre von Anfang an; entlarvt selbst Vandams anklingend zärtliche Seite als vorgeschoben. Dabei ermöglicht die tschechisch-deutsche Koproduktion dem Zuschauer auch den Blick direkt in seine Seele. Wenn er von der Vergangenheit seines „sich die Eingeweide auskotzenden“ Vaters spricht. Wenn er mit seinem Bruder über die verlorene Kindheit zankt. Wenn er melancholisch von seinem Balkon herabblickt und sich an der Stille des Waldes labt. Die hin und wieder aus dem Off eingestreuten Gedankenfetzen machen Vandam fast zu einem Poeten. Aber eben nur fast. Denn letztlich haben seine Gedankenstränge eben doch nur die Substanz von Abreißkalendersprüchen – würden Proleten Glückskekszettel schreiben, kämen dabei vermutlich solche Textzeilen wie hier heraus. 
Vandam (Hynek Čermák) hat alles gegeben und alles verloren. Aber für Leute seines Kalibers ist die Schlacht nie geschlagen.
Hynek Cermák («Stalingrad») mimt Vandam als Prototypen des innerlich verletzten Schlägermackers. Dass er in der deutschen Fassung von Adam Sandlers Stammsynchronsprecher Dietmar Wunder gesprochen wird, lässt sein Auftreten ein wenig an Sandlers Performance in «Der schwarze Diamant» erinnern. Dabei legt er nicht nur eine bemerkenswerte Physis an den Tag und zeigt sich in leidenschaftlichen Sexszenen vollkommen losgelöst von jedweder Eitelkeit. Man nimmt ihm auch die in subtilen Gesten zum Ausdruck kommende Traurigkeit, genauso wie die Glückseligkeit während der wenigen kleinen Freuden seines Lebens ab. Eine Performance, die insgesamt einen besseren Film verdient hätte. Denn nicht nur tonal setzt sich „Nationalstraße“ zwischen die Stühle. Regisseur und Drehbuchautor Štěpán Altrichter («Schmitke») hat seiner Geschichte auch einfach nicht mehr hinzuzufügen, als es Milieustudien wie der leider viel zu unbekannte «Tyrannosaur» längst eindringlicher und intensiver präsentiert haben. 

• Nationalstraße • Stalingrad • Der schwarze Diamant • Schmitke • Tyrannosaur
Manager Creative Productions (m/w/d)
Jungredakteur/Redakteur Casting (w/m/d)
Pflicht/-Orientierungspraktikant Redaktion (w/m/d)
Redakteur (w/m/d) oder Jungredakteur (w/m/d)
Jungredakteur/Redakteur (w/m/d)
Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel