Jonah Hills Regiedebüt «Mid90s» entführt den Zuschauer in die US-amerikanische Skaterszene der Neunzigerjahre. Und damit diese vollends zur Geltung kommt, bedarf es keiner konstruiert-komplexen Geschichte, sondern einfach nur viel Liebe für diese Zeit.
Durch dieses Gefühl der Authentizität fühlt man sich allerdings noch lange nicht automatisch wohl. Erinnern wir uns nur einmal an Filme wie «Kids» oder «Trainspotting» – auch das sind Milieustudien, in dessen Mittelpunkt junge Erwachsene stehen, mit denen der Zuschauer jedoch allenfalls Leinwandmomente, jedoch kaum Zeit im richtigen Leben verbringen wollen würde. Die Teens in «Mid90s» sind – genauso wie der ganze Film – anders. Jonah Hill, der nicht nur Regie führte, sondern auch das Drehbuch schrieb, zeichnet seine jungen Protagonisten zwar als rebellische, naive Menschen, die beileibe nicht in jeder Situation korrekt handeln und die Grenze zwischen Legalität und Illegalität immer wieder ausloten. Doch die Macher forcieren den Lifestyle der Teens nie als Problem, machen das Milieu nie zu etwas Abgründigen. Zu den ersten sexuellen Erfahrungen auf der einen, gehört auf der anderen Seite eben auch der erste Konsum von Rauschmitteln, genauso wie durchzechte Nächte. Hill lässt seine Protagonisten vor der Kamera all das erleben, was Jugendliche in ihrem Alter, im Speziellen zur damaligen Zeit, eben in ihren Jahren des Heranwachsens durchgemacht haben.
Nicht alle von ihnen standen vor ihrem Mitwirken an «Mid90s» bereits vor der Kamera. Das zahlt sich aus: Die Interaktion der Clique wirkt so intuitiv, als hätte Jonah Hill am Set nie explizit darauf hingewiesen, dass gerade gefilmt wird. Das wiederum lässt Rückschlüsse darauf zu, was genau dem Regiedebütanten als Vorlage für seinen Film diente: In sogenannten Reverse-Skate-Videos steht nicht das Skaten selbst im Mittelpunkt, sondern vor allem die Interaktion der Menschen, die drumherum stehen. So fühlt sich alles an «Mid90s» auch ein wenig so an, als solle man sich gar nicht zwingend auf das konzentrieren, was im Film gerade erzählerisch in den Fokus gerückt wird. Stattdessen geht es darum, die Stimmung aufzusaugen. Damit das noch besser funktioniert, hält sich Hill auch bei der Verwendung expliziter Sprache nicht zurück (von seinem selbst homosexuellen Produzenten Scott Rudin holte sich Hill sogar so etwas wie die Absolution, das Wort „Faggot, zu Deutsch: Schwuchtel, zu verwenden, einfach weil es Kids zur damaligen Zeit genauso unverblümt verwendet hätten, wie es nun hier im Film geschieht).
So ganz ohne Geschichte kommt «Mid90s» letztlich aber doch nicht aus. Am ehesten ließe sich der Film vermutlich als „Coming-of-Age eines Dreizehnjährigen“ beschreiben, zumal der kleine Stevie hier der Einzige ist, der mit seiner alleinerziehenden Mutter Dabney und seinem gewalttätigen Bruder Ian immerhin noch das Grundgerüst eines sozialen Backgrounds spendiert bekommt. Stevies familiäre Situation steckt voller interessanter Detailbeobachtungen (vor allem eine Prügelszene zwischen den beiden Brüdern ändert ihre tonale Ausrichtung von Umschnitt zu Umschnitt). Dennoch ist es fast ein wenig schade, dass sich Hill bei seinem Film fast ausschließlich auf Look and Feel verlässt sowie die zwischenmenschliche Interaktion abseits der Skaterclique nur am Rande betrachtet. Die Andeutungen zu Stevies Umfeld besäßen nämlich durchaus das Potenzial, noch weiter auserzählt zu werden. Doch auch so ist «Mid90s» beständig tonalen Schwankungen unterworfen, die mitunter sogar an die besten Filme der Coen-Brüder erinnern (tatsächlich holte sich Jonah Hill vor den Dreharbeiten Ratschläge bei Ethan Coen und auch Martin Scorsese). 

• Stranger Things • Captain Marvel • Mid90s • Moneyball • The Wolf of Wall Street • Kids • Trainspotting • Ballers • The Killing of a Sacred Deer • Certain Women • Der verlorene Sohn
Manager Creative Productions (m/w/d)
Jungredakteur/Redakteur Casting (w/m/d)
Pflicht/-Orientierungspraktikant Redaktion (w/m/d)
Redakteur (w/m/d) oder Jungredakteur (w/m/d)
Jungredakteur/Redakteur (w/m/d)
Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel