Selten hat sich das deutsche Fernsehen in so authentischer, direkter und ergreifender Form mit dem Tabu-Thema Brustkrebs befasst, wie es Jenke von Wilmsdorff in seiner neuen Reportage tut. Dass eine solche Sendung für RTL entsteht, ist bemerkenswert genug, doch für den Primetime-Sendeplatz gebührt dem Privatsender ein besonders großer Respekt.
Gibt es sie eigentlich noch, die ganz großen Tabu-Themen für das deutsche Fernsehen? Vielleicht weniger in der Hinsicht, dass eine Obrigkeit oder strenge Sittenwächter von ausreichender Relevanz wären, um vorgeben zu können, welche Dinge vermeintlich nicht öffentlich angesprochen werden dürfen. Sehr wohl aber bestehen manche Tabus fort, welche die Ausrichtung von vor allem großen, nach hohen Einschaltquoten strebenden Sendern anbetrifft - bitte nicht zu komplex und fordernd, vor allem aber nicht allzu deprimierend sollten die Inhalte sein, mit denen RTL, ProSieben und Co. einen typischen Abend um 20:15 Uhr begehen. Und es gibt verdammt viele typische Abende um 20:15 Uhr.
Was man zu sehen bekommt, wenn man sich auf diese schonungslosen zwei Stunden einlässt? In allererster Linie einen kleinen, aber intensiv begleiteten Ausschnitt aus dem zermürbenden alltäglichen Kampf (vorwiegend) weiblicher Brustkrebs-Patienten gegen den Feind in ihnen. Neben diesem reinen Reportagen-Aspekt versucht sich Jenke aber auch an dokumentarischen Inhalten, indem er diverse Zahlen und Fakten zu der Erkrankung in seine Sendung einbettet und mehrfach auch mit kleinen Erklärfilmchen arbeitet, die wirklich sehr verständlich verbalisieren und anschaulich visualisieren, wie etwa eine typische Chemotherapie so abläuft.
Ein paar Momente des Durchschnaufens gönnt uns die Sendung dann allerdings doch zwischen all diesen bedeutungstragenden Momenten: Jenke macht sich in einer der weniger mitreißenden Szenen etwa auf die Suche nach dem Geheimnis der Bewohner der japanischen Insel Okinawa, wo die Menschen im Schnitt deutlich älter werden und deutlich seltener an Krebs ertragen als der gemeine Westeuropäer. Das ist nett, ja irgendwie sogar wichtig, um auch mal ein paar Minuten einfach ganz unbeschwert fernsehen zu können, aber natürlich bei weitem nicht so ergreifend wie der große Rest des Zweistünders. Zudem versucht sich Jenke über diesem Wege auch, den nicht ganz leicht sinnvoll und fair einzubettenden Aspekten vegane Ernährung und Naturheilkunde gerecht zu werden - gelingt insofern, dass hier einmal nicht die üblichen in ihrer Dümmlichkeit langweilenden Ökofreak-Klischees bedient werden. Die großen, über "vegane Ernährung ist eigentlich ganz cool" und "Naturheilkunde kann eine sinnvolle Ergänzung zur klassischen Schulmedizin darstellen" hinausgehenden Erkenntnisse verschaffen diese thematischen Ausritte dann aber nicht.
Doch so liebevoll die Reportage auch gestaltet ist, so viel Mühe man sich auch gegeben hat, dem schweren Thema gerecht zu werden und es eben nicht zugunsten der Privatfernsehtauglichkeit zu simplifizieren und so bewegend es auch sein mag, den Geschichten der Betroffenen zu folgen, muss man sich darauf ja erst einmal einlassen. Und es scheint durchaus möglich, dass viele Menschen darauf schlichtweg keine Lust haben bzw. diesem Thema lieber ausweichen, so lange es keine unbedingte Notwendigkeit gibt, sich ihm zu widmen. Diese Drei-Affen-Mentalität kann sich gut und gerne auf die Einschaltquoten in negativer Art und Weise niederschlagen - das dürfte RTL auch wissen, sich aber diesen Abstecher hin zum Niveaugipfel einfach mal gegönnt haben. Vielleicht aber unterschätzt man das Publikum auch einmal mehr, was in der langen Geschichte des Fernsehens auch bereits das eine oder andere Mal vorgekommen ist.
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