Fernsehfriedhof

Der Fernsehfriedhof: Disney am Nachmittag

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Christian Richter erinnert an all die Fernsehformate, die längst im Schleier der Vergessenheit untergegangen sind. Folge 85: Die Serien und Moderatoren des legendären «Disney Clubs».

Liebe Fernsehgemeinde, heute gedenken wir einer der populärsten Kindersendungen überhaupt.

Der «Disney Club» wurde am 05. Januar 1991 im Ersten geboren und entstand zu einer Zeit, als es noch keine eigenen Fernsehkanäle für Kinder gab. Stattdessen existierten Flächen-Formate, in denen importierte Cartoons in ein eigenproduziertes Mantelprogramm eingebettet waren. Auf Tele 5 erfolgte dies beispielsweise bei «Bim Bam Bino», während RTLplus in ähnlicher Weise beim «Li-La-Launebär» vorging. Als die ARD zu Beginn der 1990er Jahre für rund 150 Millionen DM die Lizenzen für die Filme und Serien des Disney-Konzerns erwarb, konzipierte man ebenso eine 90minütige Show, in deren Rahmen die im Lizenz-Paket enthaltenen Highlights für Kinder gezeigt werden sollten. Damit griff man schlicht auf jene Form zurück, die bereits in mehreren anderen Ländern erfolgreich erprobt war – allen voran in den USA, wo «The Disney Afternoon» viele optische und inhaltliche Parallelen aufwies. Das deutsche Ergebnis unterschied sich damit kaum von den übrigen internationalen Versionen, denn sogar die Kulisse mit den schiefen Häuserfassaden, den Kunstbäumen, dem kleinen Marktplatz sowie einem roten Schiff, auf dem eine große Monitorwand stand, tauchten schon in anderen Ländern auf. Die fertigen Folgen liefen dann in der Regel am Samstagnachmittag gegen 16.00 Uhr, bevor sie am folgenden Sonntag gegen 08.00 Uhr noch einmal wiederholt wurden.

Dabei blieb der Aufbau der einzelnen Ausgaben über die Jahre nahezu unverändert. So begann man den Nachmittag stets mit dem sogenannten «Classic Cartoon», also einem kurzen Zeichentrickfilm aus den Anfangsjahren von Walt Disney. Danach schloss sich gewöhnlich ein kurzer Einspielfilm an, der sich einer Attraktion aus den Disney Themenparks oder einem anderem Produkt aus dem Hause Disney widmete. Im weiteren Verlauf folgten noch ein weiterer Filmbeitrag, der sich meist mit regionalen Besonderheiten oder Sehenswürdigkeiten beschäftigte, ein Studio-Spiel und Gäste mit interessanten Geschichten oder Hobbies. Am Ende rundeten schließlich Auftritte von bekannten und noch unbekannten Musikern den Ablauf ab. Beispielsweise erlebte dort die noch junge Boygroup Take That einen ihrer ersten deutschen TV-Auftritte.

Das alles war aber im Grunde nur schmückendes Beiwerk, denn eigentlich schalteten die damaligen Kids nur wegen ihrer geliebten Disney-Serien ein, also für «DuckTales – Neues aus Entenhausen», «Die Gummibärenbande», «Chip und Chap – Die Ritter des Rechts», «Käpt’n Balu und seine tollkühne Crew», «Darkwing Duck» oder «Arielle, die Meerjungfrau». Waren von diesen 20minütigen Trickfilmen, von denen stets zwei im Wechsel dargeboten wurden, vorrangig die kindlichen Zuschauer begeistert, sollte die dritte Serie am Ende jeder Ausgabe eher ein älteres Teenie-Publikum ansprechen. Deswegen waren dies real-gefilmte Fortsetzungsreihen, in denen hauptsächlich Teenager auftraten – wie in der Abenteuer-Miniserie «Das Geheimnis von Lost Creek» mit Shannon Doherty oder im Mystery-Drama «Teen Angel» mit Jason Priestley. Witzigerweise spielten die Hauptdarsteller beider Geschichten später das Zwillingspaar Brenda und Brandon Walsh in der Teenie-Soap «Beverly Hills, 90210».

Anfangs führte das Moderationstrio Stefan Pinnow, Ralf Bauer und Antje Pieper durch den Club. Doch schon nach rund zwei Jahren stieg Bauer aus, um sich seiner Schauspielkarriere widmen zu können, für die er noch sehr bekannt werden sollte. Seinen Platz nahm kurzfristig Benedikt Weber ein, der allerdings bereits nach wenigen Monaten wieder verschwand, um sich den Kinderprogrammen «Junior Club» (BR), «Pumuckel TV» (Das Erste) und «Art Attack» (Disney Channel/SuperRTL) zuzuwenden. Im Jahr 1995 verließ Antje Pieper ebenso das Team und schlug einen journalistische Werdegang ein. Der noch verbliebene Stefan Pinnow erhielt daraufhin mit Judith Halverscheid eine neue Kollegin, die ihn bis zur Einstellung der Sendung begleiten sollte.

Im Jahr 1995 ging der Disney-Konzern nämlich eine umfangreiche Kooperation mit der RTL-Mutterfirma Compagnie Luxembourgeoise de Telediffusion (CLT) ein und fand damit nicht nur einen finanzstarken Abnehmer der Lizenzware, sondern konnte zusätzlich eine Teilhaberschaft am neuen TV-Anbieter SuperRTL übernehmen. Um diesen Wechsel vollziehen zu können, kündigte das Unternehmen seinen Vertrag mit der ARD vorzeitig, wodurch das Erste fast alle Rechte an den Figuren, Serien und Filmen verlor. Die beliebten Cartoons aus dem «Disney Club» wanderten somit auf den Nachmittag und Vorabend von SuperRTL, unterdessen RTL die neuen Hits «Aladdin», «Timon und Pumba», «Goofy und Max» oder «Quack Pack – Onkel D. und die Boys» am Vormittag der Wochenenden ausstrahlte. Auch dafür schuf man Mantelformate, welche die Namen «Team Disney» und «Disney & Co.» trugen. Angesagt wurden diese unter anderem vom späteren Daily Talker Franklin Schmidt. Die ARD setzte dessen ungeachtet ihre Produktion mit einem identischem Konzept fort und tauschte dazu die Disney-Charaktere nur durch die Figuren des Kinderbuchautors Janosch aus. Der neue «Tigerenten Club», der den selben Sendeplatz erhielt und sogar weiter vom Duo Pinnow/Halverscheid präsentiert wurde, knüpfte damit nahtlos an seinen Vorgänger an. Schon deswegen, weil man weiterhin Episoden von «Duck Tales – Neues aus Entenhausen» zeigte, deren Rechte man als einzige behalten durfte.

Der «Disney Club» wurde am 30. Dezember 1995 beerdigt und erreichte ein Alter von 261 Folgen. Die Show hinterließ den Moderator Stefan Pinnow, der zwischenzeitlich noch durch das Kinder-Quiz «Jagd um die Welt - Schnappt Carmen Sandiego!» führte. Zwischen 2001 und 2002 war er zudem das Gesicht des ProSieben-Dauerbrenners «taff» und ab 2006 des WDR-Magazins «daheim und unterwegs». Er ist mittlerweile mit seiner damaligen Kollegin Judith Halverscheid verheiratet. Ralf Bauer war nach seinem Ausstieg aus der Kindersendung insbesondere in den Serien «Gegen den Wind» und «5 Sterne» zu sehen. Außerdem spielte er in den Filmen «Workaholic», «Tristan und Isolde» und «666 – Traue keinem, mit dem Du schliefst» mit. Antje Pieper absolvierte derweil eine erfolgreiche Journalisten-Karriere, die sie von den Kindernachrichten «logo!» über den «ZDF Länderspiegel» zur Leiterin des ZDF-Studios in Rom aufsteigen ließ. Seit Sommer 2014 ist sie die Gastgeberin vom «auslandsjournal» im ZDF. Damit blieb lediglich Benedikt Weber dem Kinderfernsehen treu, denn er wirkte zuletzt am Wissensmagazin «Woozle Goozle» von SuperRTL mit. Davor stand er in unzähligen weiteren Kinderformaten wie dem Verkehrsspiel «Cool oder Crash» (BR), dem Kids-Casting «Dein Song» (KI.KA) sowie den Disney-Flächen «live@five» (Disney Channel) und «Disney Time» (ProSieben/Kabel eins) vor der Kamera. Parallel war er übrigens auch als Reporter bei «Galileo» sowie als Synchronsprecher tätig. Vor allem lieh er der sehr un-disney-mäßigen Figur Stan Marsh in «South Park» seine Stimme.

Möge die Show in Frieden ruhen!

Die nächste Ausgabe des Fernsehfriedhofs erscheint am kommenden Donnerstag und widmet sich dann einem «Wer wird Millionär?» für Arme.

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