Pixelpunkt

Warum «American Truck Simulator» noch immer begeistert

von

2016 begann «American Truck Simulator» mit Kalifornien und Nevada. Zehn Jahre später ist daraus eine gewaltige virtuelle USA und eine der langlebigsten Simulationen überhaupt geworden.

Manchmal möchte man nach einem langen Tag keine Welt retten. Keine Zombies erschießen, kein Königreich erobern und nicht in den letzten Sekunden eines Online-Matches angeschrien werden. Manchmal reicht ein Truck, ein voller Tank und eine mehrere hundert Meilen lange Straße bis zum nächsten Ziel. Genau darin liegt seit zehn Jahren die große Stärke des «American Truck Simulator». Am 2. Februar 2016 veröffentlichte SCS Software seine amerikanische Schwester des «Euro Truck Simulator 2». Was damals noch vergleichsweise überschaubar begann, gehört 2026 zu den beeindruckendsten Langzeitprojekten der Simulationswelt.

Das grundlegende Spielprinzip könnte kaum einfacher sein. Spieler übernehmen Transportaufträge und fahren mit amerikanischen Trucks quer durch die Vereinigten Staaten. Die Ladung reicht von gewöhnlichen Waren bis zu schweren Spezialtransporten. Für erfolgreich absolvierte Aufträge gibt es Geld und Erfahrungspunkte. Damit werden neue Fähigkeiten freigeschaltet, bessere Zugmaschinen gekauft und schließlich eigene Garagen eröffnet. Aus dem angestellten Fahrer entwickelt sich langsam der Chef eines Transportunternehmens.

Diese wirtschaftliche Ebene ist allerdings fast nur der Vorwand dafür, möglichst viel Zeit auf der Straße zu verbringen. Der eigentliche Star ist die Reise. Autobahnen ziehen sich durch Wüsten, Wälder, Gebirge und Städte. Tankstellen tauchen am Straßenrand auf, Verkehr fließt an einem vorbei und irgendwann verschwindet die Sonne hinter dem Horizont. Dann werden die Scheinwerfer eingeschaltet, im virtuellen Radio läuft Musik und bis zum Ziel sind es noch einige hundert Meilen.

«American Truck Simulator» besitzt eine Ruhe, die im Medium Videospiel erstaunlich selten geworden ist. Natürlich gibt es Zeitlimits und Verkehrsregeln. Ein Unfall kostet Geld, Geschwindigkeitsüberschreitungen können bestraft werden und wer seinen Fahrer nicht rechtzeitig schlafen lässt, bekommt Probleme. Trotzdem erzeugt das Spiel nur selten echten Stress. Die meiste Zeit besteht die Aufgabe schlicht darin, konzentriert eine Straße entlangzufahren.

Das klingt eigentlich langweilig. In der Praxis entsteht daraus jedoch ein beinahe meditatives Spielerlebnis. Gerade längere Fahrten entwickeln einen eigenartigen Rhythmus. Man beobachtet den Verkehr, wechselt die Spur, kontrolliert die Spiegel und plant den nächsten Tankstopp. Kleine Ereignisse werden plötzlich wichtig. Eine Baustelle verändert die Route, ein langsamer Wagen blockiert die Fahrbahn oder eine enge Ausfahrt verlangt mehr Aufmerksamkeit als erwartet.

Hinzu kommt die Faszination der amerikanischen Trucks. Während europäische Lastwagen aufgrund gesetzlicher und infrastruktureller Bedingungen meist als Frontlenker gebaut werden, besitzen viele amerikanische Modelle die charakteristische lange Motorhaube. SCS Software arbeitet mit zahlreichen realen Herstellern zusammen und bildet die Fahrzeuge entsprechend detailliert nach. Innenräume, Armaturen und Fahreigenschaften unterscheiden sich deutlich. Wer genügend Geld verdient hat, kann seine Zugmaschine zudem umfangreich konfigurieren.

Besonders befriedigend ist das Rangieren. Eine mehrere Tonnen schwere Ladung über hunderte Kilometer zu transportieren, ist nur die halbe Aufgabe. Am Ziel muss der Auflieger schließlich noch an die richtige Stelle gebracht werden. Gerade Einsteiger lernen dabei schnell, dass ein Anhänger beim Rückwärtsfahren nicht unbedingt dorthin möchte, wo man ihn vermutet. Was zunächst mehrere hektische Korrekturmanöver benötigt, gelingt nach einigen Spielstunden plötzlich in einem Zug. Kaum eine andere Simulation vermittelt Fortschritt derart unspektakulär und gleichzeitig befriedigend.

Der entscheidende Unterschied zwischen dem «American Truck Simulator» von 2016 und der heutigen Version ist allerdings die Spielwelt. Zum Start standen lediglich Kalifornien und Nevada zur Verfügung, Arizona folgte kurz darauf kostenlos. Seitdem arbeitet SCS Software praktisch ununterbrochen daran, die virtuelle Landkarte zu erweitern. Immer neue Bundesstaaten kamen als kostenpflichtige Erweiterungen hinzu und ließen aus dem ursprünglich überschaubaren Straßennetz eine gewaltige Reise durch die Vereinigten Staaten entstehen.

Damit verändert sich auch das Gefühl für Entfernungen. Eine Fahrt innerhalb Kaliforniens ist etwas vollkommen anderes als eine Tour, die mehrere Bundesstaaten durchquert. Landschaft, Architektur und Vegetation wechseln unterwegs, während große Metropolen und kleine Orte unterschiedliche Charaktere besitzen. Natürlich handelt es sich nicht um eine maßstabsgetreue Nachbildung der USA. Entfernungen werden stark verkürzt und Städte konzentrieren sich auf markante Bereiche. Trotzdem gelingt es SCS Software erstaunlich gut, den Eindruck einer langen Reise zu erzeugen.

Dabei profitieren gerade ältere Gebiete von regelmäßigen Überarbeitungen. Die Entwickler haben sich nicht darauf beschränkt, immer neue Erweiterungen an eine technisch eingefrorene Basis anzuhängen. Teile der ursprünglichen Karte wurden modernisiert, Straßen und Städte neu gestaltet und die grafische Technik weiterentwickelt. Das ist einer der Gründe, weshalb ein zehn Jahre altes Spiel heute deutlich weniger alt aussieht, als sein Veröffentlichungsdatum vermuten lässt.

Auch technisch hat sich viel getan. Beleuchtung, Wetter, Vegetation und Fahrzeugdarstellung wurden über die Jahre verbessert. Neue Funktionen kamen hinzu und bestehende Systeme wurden erweitert. «American Truck Simulator» ist deshalb weniger ein abgeschlossenes Spiel aus dem Jahr 2016 als eine Plattform, die seit einem Jahrzehnt kontinuierlich weiterentwickelt wird.

Ein weiterer Faktor ist die Community. Modifikationen erweitern Fahrzeuge, Sounds, Karten und zahlreiche Details. Manche Spieler verbringen hunderte oder sogar tausende Stunden mit dem Titel. Mit Lenkrad, Pedalen und entsprechendem Zubehör kann aus der gemütlichen Feierabendfahrt zudem eine erstaunlich intensive Simulation werden. Gleichzeitig funktioniert das Spiel problemlos mit Tastatur oder Controller. Diese niedrige Einstiegshürde ist ein wichtiger Bestandteil seines Erfolges.

Wer möchte, kann außerdem gemeinsam mit anderen unterwegs sein. Der offizielle Convoy-Modus ermöglicht gemeinsame Fahrten, während sich rund um das Spiel längst eine große virtuelle Trucking-Szene gebildet hat. Plötzlich wird aus der einsamen Autobahnfahrt ein gemeinsamer Roadtrip, bei dem mehrere Trucks dieselbe Strecke bewältigen.



Natürlich besitzt das Geschäftsmodell nach zehn Jahren eine Besonderheit: Wer heute sämtliche verfügbaren Karten- und Inhaltserweiterungen kaufen möchte, blickt auf eine entsprechend lange DLC-Liste. Neue Bundesstaaten kosten zusätzlich, ebenso zahlreiche kosmetische oder spezialisierte Erweiterungen. Für Neueinsteiger kann das zunächst abschreckend wirken. Das Basisspiel allein bietet allerdings weiterhin genügend Möglichkeiten, um herauszufinden, ob einen die ungewöhnliche Faszination überhaupt packt.

Denn «American Truck Simulator» ist definitiv nicht für jeden geeignet. Wer nach permanenten Herausforderungen und spektakulären Ereignissen sucht, dürfte sich schnell langweilen. Große Teile des Spiels bestehen tatsächlich daraus, eine Straße entlangzufahren und Verkehrsregeln einzuhalten. Gerade darin liegt aber seine besondere Qualität.

Nach zehn Jahren muss «American Truck Simulator» niemandem mehr beweisen, dass dieses Konzept funktioniert. SCS Software hat aus einer vergleichsweise kleinen Truck-Simulation ein fortlaufendes Projekt gemacht, dessen virtuelle USA immer weiter wächst. Neue Gebiete, technische Verbesserungen und eine treue Community halten den Titel lebendig.

Kurz-URL: qmde.de/176284
Finde ich...
super
schade
Teile ich auf...
Kontakt
vorheriger ArtikelQuotencheck: «Promi Big Brother»nächster ArtikelCensus+ im Oktober: Fußball übermächtig, «Sommerhaus» konstant stark
Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel
Weitere Neuigkeiten

Letzte Meldungen


Mehr aus diesem Ressort


Jobs » Vollzeit, Teilzeit, Praktika

◄
►

Surftipp


Surftipps

Fortune Relations

Fortune Relations is committed to building strong digital partnerships and connecting businesses with quality audiences worldwide.

Contact Us:
info@fortunerelations.com


Werbung