Der vielleicht größte Irrtum über Kevin Hart besteht darin, dass man ihn bis heute vor allem als Filmschauspieler wahrnimmt. Tatsächlich sind seine Kinokomödien – ob mit Dwayne Johnson, Mark Wahlberg oder nun in «72 Stunden» – stets Ableger einer Bühnenfigur, die längst vollendet war, bevor Hollywood sie für sich entdeckte. Hart gehört zu den wenigen Stand-up-Comedians der Gegenwart, deren gesamtes filmisches Werk ohne ihre Bühnenpersona kaum denkbar wäre. Wer seinen neuen Netflix-Film «72 Stunden» verstehen will, sollte deshalb weniger auf die Handlung schauen als auf den Komiker, der sie trägt.Die Prämisse des Films ist schnell erzählt: Ein erfolgreicher, kontrollierter Geschäftsmann gerät durch eine Verkettung unglücklicher Umstände in einen exzessiven Junggesellenabschied in Miami, wo innerhalb von drei Tagen sämtliche Routinen seines Lebens außer Kraft gesetzt werden. Das ist eine klassische Komödienklamotte, wie Hollywood sie seit den achtziger Jahren liebt – irgendwo zwischen «The Hangover», «Old School» und den Buddy-Komödien der frühen 2000er. Neu ist daran zunächst wenig, und interessant wird «72 Stunden» erst dadurch, dass Kevin Hart diese vertraute Geschichte nicht einfach spielt, sondern sie vollständig seiner eigenen komischen Grammatik unterwirft.
Denn Hart erzählt seit fast zwanzig Jahren im Grunde dieselbe Geschichte. Nicht dieselbe Handlung, wohl aber dieselbe Figur. In seinen Stand-up-Programmen begegnet man immer wieder einem Mann, der verzweifelt versucht, Kontrolle über eine Welt zu behalten, die sich beharrlich weigert, kontrollierbar zu sein. Ob als Familienvater, Ehemann, Freund oder Unternehmer – Kevin Hart inszeniert sich stets als jemand, der überzeugt ist, alles im Griff zu haben, bevor das Leben ihn innerhalb weniger Minuten eines Besseren belehrt. Genau dieses Prinzip bildet auch das Fundament von «72 Stunden».
Das mag zunächst wie eine Einschränkung klingen, ist aber tatsächlich Harts größte Stärke. Kaum ein heutiger Stand-up-Comedian versteht es so gut, Eskalationen zu erzählen. Seine Programme funktionieren selten über einzelne Pointen, sondern vielmehr über Kontrollverlust. Eine harmlose Alltagssituation entwickelt sich langsam zur Katastrophe. Aus einem Missverständnis entstehen zehn weitere. Jede vernünftige Entscheidung macht alles noch schlimmer. Irgendwann befindet sich der Erzähler in einer Lage, aus der es keinen eleganten Ausweg mehr gibt. «72 Stunden» überträgt genau dieses Prinzip auf Spielfilmlänge.
Das erklärt zugleich, warum Kevin Hart im Film häufig überzeugender wirkt als viele seiner Kritiker behaupten. Ihm fehlt vielleicht die Wandlungsfähigkeit großer Charakterdarsteller. Dafür besitzt er eine außerordentlich präzise Bühnenidentität. Er weiß exakt, wie lange eine peinliche Situation dauern muss, wann Überforderung komisch wird und wann Hysterie in Slapstick umschlägt. Diese Rhythmussicherheit stammt nicht aus Hollywood, sondern aus Tausenden Stunden auf Stand-up-Bühnen.Gerade deshalb lohnt sich der Blick zurück auf seine bekannten Stand-up-Programme. Dort zeigt sich, dass Hart seine Komik nie über schlagfertige Bonmots definiert hat. Sein eigentliches Talent liegt in der körperlichen Dramatisierung alltäglicher Situationen. Er spielt Gespräche nicht bloß nach, sondern verwandelt sie in kleine Theaterstücke. Stimmen, Körperhaltungen und Bewegungen werden zu eigenständigen Pointen. Auch «72 Stunden» profitiert enorm von dieser Erfahrung.
Dabei wird häufig übersehen, dass Kevin Hart trotz aller Hektik ein ausgesprochen präziser Beobachter sozialer Rollen ist. Seine Bühnenfigur definiert sich fast immer über Status. Sie möchte respektiert werden, ernst genommen werden, souverän erscheinen. Der eigentliche Witz entsteht daraus, dass genau dieser Wunsch regelmäßig scheitert. So auch beim unverhofften Junggesellenabschied in Miami in «72 Stunden».
Der Film «72 Stunden» befindet sich im Streaming-Angebot von Netflix.







Bei Einbruch Mord: ARD setzt Krimi fort
Quotencheck: «taff weekend»

Requisiteur (m/w/d)
Light Operator / Fachkraft für Veranstaltungstechnik (m/w/d) – Schwerpunkt Licht
Kreditoren-Buchhalter (m/w/d)




Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel