Es gibt Fernsehserien, die ihre Zeit widerspiegeln. Und es gibt Fernsehserien, die ihre Zeit konservieren. «The Big Bang Theory» gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Zwölf Staffeln lang feierte die Sitcom den Triumph einer Popkultur, in der Nerdtum plötzlich massentauglich geworden war – allerdings nur unter der Voraussetzung, dass man darüber weiterhin lachen durfte. Die Serie machte ihre Figuren zu Helden und gleichzeitig zu Karikaturen. Sie liebte ihre Wissenschaftler, aber sie traute ihnen nie ganz zu, ohne soziale Unbeholfenheit, Infantilisierung oder stereotype Eigenheiten interessant zu sein. Das war über viele Jahre äußerst erfolgreich. Ob es auch besonders klug war, darüber lässt sich bis heute streiten.Nun also «Stuart Fails to Save the Universe»: Schon der Titel verrät, dass sich das neue Spin-off auf Stuart Bloom konzentriert – jene tragikomische Figur des ewigen Verlierers, deren Comicladen über Jahre hinweg eine Art zweites Wohnzimmer der Hauptfiguren bildete. Stuart war vielleicht die ambivalenteste Figur des gesamten «Big-Bang-Theory»-Kosmos. Einerseits verfügte er über genau jene Selbstironie, die vielen Hauptfiguren fehlte. Andererseits bestand ein erheblicher Teil seiner Existenz als Zielscheibe flacher Witze. Seine Einsamkeit, seine Depressionen, seine finanzielle Unsicherheit – all das wurde regelmäßig zur Pointe.
Dass ausgerechnet Stuart nun zur Hauptfigur einer eigenen Serie wird, könnte deshalb ein kluger Perspektivwechsel sein, ebenso gut aber auch die Verlängerung eines Problems darstellen, das das Mutterformat nie wirklich gelöst hat. Denn die eigentliche Schwierigkeit liegt nicht bei Stuart selbst, sondern in der erzählerischen DNA von «The Big Bang Theory»: Die Serie war immer bemerkenswert konservativ – nicht politisch im engeren Sinne, sondern kulturell. Sie präsentierte Wissenschaft als bewundernswert, dabei aber soziale Reife als Ausnahmezustand. Sie erzählte von hochintelligenten Menschen, die im Alltag regelmäßig an einfachsten zwischenmenschlichen Situationen scheiterten. Diese Konstellation war zweifellos komisch, entwickelte sich über die Jahre jedoch zunehmend zur Karikatur einer ganzen Subkultur.
Dabei ist bemerkenswert, wie sehr «The Big Bang Theory» von einer Außensicht auf Nerdkultur lebte. Die Serie zitierte Comic-Hefte, Star Trek, Star Wars, Dungeons & Dragons oder Videospiele mit enormer Detailkenntnis. Gleichzeitig behandelte sie diese Leidenschaften oft wie Marotten. Genau darin unterschied sich das Format fundamental von Produktionen wie «Community» oder «Futurama», wo der Humor aus echter Vertrautheit mit den jeweiligen Milieus entstand. Bei «The Big Bang Theory» hatte man dagegen häufig das Gefühl, als würde jemand eine Kultur gleichzeitig feiern und von außen ironisch kommentieren.Auf dem Papier klingt «Stuart Fails to Save the Universe» zunächst erstaunlich ambitioniert: Ein Multiversumszenario als dramaturgischer Ausgangspunkt eröffnet schließlich die Möglichkeit, mit alternativen Versionen vertrauter Figuren zu spielen und zugleich liebevoll auf Jahrzehnte populärer Science-Fiction Bezug zu nehmen. Gerade Stuart als Hauptfigur besitzt das Potenzial, den üblichen Heldenmythos bewusst zu unterlaufen. Dass ausgerechnet der ewige Nebencharakter plötzlich Verantwortung für das gesamte Universum übernehmen muss, ist zunächst einmal ein reizvoller Gedanke.
Entscheidend wird sein, ob es «Stuart Fails to Save the Universe» tatsächlich gelingt, einen neuen Blick auf seine Hauptfigur zu wagen, oder ob das Format dabei bleiben will, lediglich alte Mechanismen in größerem Maßstab zu wiederholen: Denn Stuart war über viele Jahre die Verkörperung des sympathischen Scheiterns, seine Misserfolge waren beliebte Running Gags. Sein Unglück gehörte fast zum Inventar der Serie. Ihn nun erneut zum Verlierer zu machen – diesmal eben auf kosmischer Ebene – wäre zwar konsequent, aber kaum besonders originell.
Hinzu kommt ein grundsätzliches Problem des gesamten Franchise: «The Big Bang Theory» lebte weniger von erzählerischer Entwicklung als von Wiederholung. Charaktereigenschaften wurden ritualisiert. Sheldon musste Sheldon bleiben, Howard Howard, Raj Raj. Veränderung fand nur so weit statt, wie sie die Grundkonstellation nicht gefährdete. Gerade diese Beharrlichkeit machte die Serie für Millionen Zuschauer zum Wohlfühlfernsehen. Sie verhinderte allerdings oft jene echte Figurenentwicklung, die langlebige Sitcoms besonders interessant macht.Ein Spin-off müsste deshalb eigentlich genau das leisten, was das Original nur selten wagte: seine Figuren ernst nehmen. Nicht im Sinne humorloser Bedeutungsschwere, sondern indem ihre Eigenheiten nicht bloß Gagmaschinen bleiben. Stuart eignet sich dafür vielleicht besser als jede andere Figur des Franchise. Seine Verletzlichkeit, seine Selbstzweifel und seine Hartnäckigkeit besaßen immer eine erstaunliche Menschlichkeit. Vielleicht erlaubt ihm diese Serie endlich jene Entwicklung, die ihm zuvor über Jahre verwehrt blieb.
Die Serie «Stuart Fails to Save the Universe» startet am 23. Juli bei HBO Max.







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