Herr Oldenburg, «Elf Helden – Ein Albtraum» blickt auf eine WM zurück, die viele Fans bis heute verdrängt haben. Warum wollten Sie ausgerechnet dieses Scheitern erzählen?
Das Leben besteht immer wieder aus Scheitern, es begegnet uns täglich, im Großen wie im Kleinen. Wir nehmen uns etwas vor und nachher sind wir enttäuscht, unzufrieden, weil wir es uns anders vorgestellt haben. Und das wirkt sich auf unser Innerstes aus: Wir machen unser Selbstbewusstsein davon abhängig. Ein Film über das Scheitern zeigt also eine zutiefst menschliche Perspektive. Die Frage ist: Wie gehen wir mit dem Scheitern um? Was macht es mit uns? Warum sehen wir Scheitern als etwas Negatives und nicht als Chance zu wachsen?
Die WM 1994 gilt sportlich als Enttäuschung, gleichzeitig aber auch als Wendepunkt im deutschen Fußball. Wann wurde Ihnen klar, dass darin mehr steckt als nur ein verlorenes Turnier?
Der deutsche Fußball war 1994 Jahre antiquiert. Andere Nationen spielten längst mit Viererkette, die Nationalmannschaft hatte noch den Libero und versuchte taktische Nachteile mit den verklärten „deutschen Tugenden“ zu kompensieren: Wille, Kraft und Kondition. Vogts mahnte Veränderungen an, vor allem in der Jugendausbildung. Doch die konservativen Kräfte im deutschen Fußball waren zu groß. Die jahrzehntelangen großen Erfolge der Nationalelf hatten den Glauben verstärkt, dass der Platz an der Weltspitze dauerhaft gepachtet ist. Doch im Fußball ist es wie im Leben: Alles muss sich ändern, damit es bleibt, wie es ist.
Die Serie zeigt die Nationalmannschaft als Spiegel eines Landes zwischen Wiedervereinigung, Erwartungsdruck und Identitätssuche. Wie wichtig war Ihnen dieser gesellschaftliche Blick auf das Turnier?
Diese gesellschaftliche Verankerung war für mich zentral. Ich wollte keinen Sportfilm machen, sondern eine Serie über eine Mannschaft in ihrem zeithistorischen Kontext. Deutschland schien damals von der Geschichte geküsst: 1990 wurde Deutschland Weltmeister und das Land wiedervereinigt, Beckenbauer sprach davon, dass die Mannschaft auf Jahre hin unschlagbar sein werde, Kohl versprach blühende Landschaften. Zeitgleich beginnt die Globalisierung mit ihren ganzen Verheißungen, die Ellbogengesellschaft entsteht, die Ich-AG. Die Deutschen träumten von Größe, Glanz und Weltläufigkeit, bekommen mit Berti Vogts aber einen Bundestrainer, der mit seinem Wertegefüge für das genaue Gegenteil steht.
Berti Vogts steht stark im Mittelpunkt der Geschichte. Was hat Sie an seiner Rolle als Bundestrainer besonders interessiert?
Das Bild über Berti Vogts war damals in der Öffentlichkeit zementiert, es hatte sich verselbständigt. Es galt als schick und normal, sich über Vogts zu erheben und auf ihn herabzuschauen. Auch der große Erfolg des Schmähliedes von Stefan Raab über Vogts ist Ausdruck dieser Haltung. Das Lied erreichte im Sommer 1994 Platz vier in der deutschen Hitparade, ein ganzes Land lachte über Vogts. Er hatte damals nur wenige Fürsprecher wie Roger Willemsen, die sich bemühten, diesem veröffentlichten Bild entgegenzutreten. 30 Jahre später wollte ich den Menschen hinter dieser medial aufbereiteten Kunstfigur sehen, mich hat interessiert, wie diese Zeit für Berti Vogts war.
Franz Beckenbauer wirkt in der Serie fast wie ein unsichtbarer Gegenspieler von Vogts. Wie prägend war der Schatten der „Lichtgestalt“ für diese Jahre?
Vogts hat von Beginn an gewusst, wie groß die Herausforderung für ihn sein wird, der Nachfolger von Beckenbauer zu sein. Er hat als Bundestrainer nie versucht, Beckenbauer zu imitieren, ist konsequent seinem Wesen und Charakter treu geblieben und hat gehofft, dass die Deutschen ihn eines Tages akzeptieren werden. Das ist nie geschehen. Im Gegenteil: Die Deutschen haben gehofft, dass Beckenbauer zurückehrt und die Nationalmannschaft erneut übernimmt. Vielleicht liegt es daran, dass wir uns alle nach der Wiedervereinigung und dem Wunsch nach Größe mit der „Lichtgestalt“ Beckenbauer identifizierten und so sein wollten wie er. Dabei haben wir nicht erkannt, dass wir eigentlich alle eher so sind wie Berti Vogts. Weswegen Beckenbauer Vogts das Leben zusätzlich schwergemacht hat, ihn kritisierte und kurz vor der WM 1994 sagte, er könne sich vorstellen, die Nationalelf noch einmal zu trainieren, ist nur schwer nachzuvollziehen.
Besonders spannend ist der Wandel der Spieler Anfang der 90er – plötzlich wurden Fußballer globale Stars und Marken. Wie stark hat dieser Umbruch die Mannschaft damals verändert?
Fußball wird damals immer mehr eine Unterhaltungsshow. Es zählt nicht mehr nur Sport, sondern auch das Entertainment, aus Fußballern werden schillernde VIP’s und Megastars einer Showbranche. Ihre Gehälter steigen sprunghaft. Die Werbeindustrie steht Schlange, die prominenten Spieler können ihr eigenes „Ich“ noch profitabler vermarkten. Und genau das hat fatale Auswirkungen auf Vogts und die Nationalmannschaft während der WM 1994.
Vogts muss sich 1994 nicht in erster Linie mit Fußballspielern, sondern mit Ego-Vermarktern herumschlagen. Geld interessiert ihn nicht – im Gegensatz zu Beckenbauer, dem seine Spieler auch deshalb 1990 gefolgt waren, weil er außerhalb des Spielfeldes ebenfalls erfolgreich war. Beckenbauer war schon als Teamchef Werbekaiser und allein wegen seines Verdienstes haben die Profis Beckenbauer jedes Wort geglaubt.
Die Doku erzählt auch von Boulevardmedien, öffentlichem Druck und persönlichen Kampagnen gegen Vogts. War die WM 1994 vielleicht eines der ersten großen Medienereignisse des modernen Fußballzeitalters?
Mit dem Aufkommen der privaten Sender hatte sich Anfang der 90er Jahre die Berichterstattung über den Fußball in Deutschland verändert. Die Fußballer wurden immer stärker beleuchtet, immer intensiver spielten Themen außerhalb der 90 Minuten auf dem Rasen ein Thema, um in Dauerschleife Quote mit Fußballthemen machen zu können. Wie ticken Spieler oder Trainer privat, mit wem sind sie verheiratet, welche Sonnenbrillen tragen die Frauen, welche Autos fahren die Spieler, wo machen sie Urlaub, welche Klamotten tragen sie? Der Markt war unersättlich, und ausgerechnet Vogts verschloss sich diesem boulevardesken Ansatz: Er erzählte nichts Privates, er gab der Presse stattdessen nur sachliche Informationen über Taktik und Spielanalysen. Beckenbauer hatte Vogts empfohlen, sich mit der Bild Zeitung gutzustellen und sie mit exklusiven Geschichten zu bedienen. Vogts hat das bewusst abgelehnt und vermutet bis heute, dass die Springerpresse ihn deshalb mit Kampagnen abgestraft hat.
Viele Konflikte innerhalb des Teams wirken erstaunlich aktuell – etwa Ego gegen Mannschaft oder öffentliche Debatten über Führung. Hat Sie überrascht, wie modern diese Geschichte heute noch wirkt?
Die 94er-Nationalelf war vielleicht der beste WM-Kader aller Zeiten. Es war eine Mannschaft von unfassbarem Können und Talent, sie scheiterte aber kläglich an sich selbst. Der Grund lag darin, dass es die Spieler nicht geschafft haben, untereinander als soziale Gruppe zu funktionieren. Die Egoismen standen im Vordergrund, die Mannschaft bestand aus Einzelunternehmern bei dem Projekt „WM 1994“ und die Spieler haben sich auf ihre individuelle Klasse verlassen. Die besten Fußballer ergeben nicht automatisch auch eine gute Mannschaft. Das mussten in der Fußballhistorie viele Mannschaften erkennen, die auf der ganzen Welt die besten Fußballer zusammengekauft haben, aber keine Erfolge erzielten.
Sie arbeiten mit viel Archivmaterial und zahlreichen Zeitzeugen. Gab es bei den Recherchen Momente oder Aussagen, die Ihr eigenes Bild der WM 1994 verändert haben?
Ich wusste, dass die Hitze bei der WM 1994 eine Rolle gespielt hat, ich kannte aber die genauen Temperaturen nicht, die damals geherrscht haben. Als mir die Spieler in den Interviews davon erzählten, war ich geschockt: Beim letzten Gruppenspiel gegen Südkorea herrschten 50 Grad auf dem Platz. Und dann mussten die 22 Akteure unter diesen Bedingungen 90 Minuten Fußball spielen, in der prahlen Sonne, ein Stadiondach, das hätte Schatten werfen können, gab es nicht. Das hat mein Bild von der WM 1994 völlig verändert und ich frage mich ernsthaft, wie die FIFA Spiele unter solchen Umständen planen und anpfeifen konnte.
Die Serie spannt den Bogen sogar bis zum EM-Titel 1996. Warum war es Ihnen wichtig zu zeigen, dass aus diesem „Albtraum“ letztlich auch etwas Neues entstanden ist?
Ich wollte keine klassische Sportdokumentation über die WM 1994 machen. Nachdem ich mich mit dem Psychogramm der Mannschaft beschäftigt habe, war schnell klar, dass der Bundestrainer Berti Vogts die Hauptfigur der Serie ist. Er hat die größte Herausforderung, die größte Fallhöhe: Alle erwarten von ihm mit dieser Mannschaft den WM-Titel. Gleichzeitig ist er der Watschenmann und Sündenbock der Nation. Er muss grausamen Spott der deutschen Öffentlichkeit ertragen, die ihn als Bundestrainer belächelt und ablehnt für sein introvertiertes Gemüt und seinen vorsichtigen Charakter. Vogts hofft, dass er mit einer erfolgreichen WM alle Kritiker besänftigen kann. Und es geht krachend schief. Nach dem frühen Ausscheiden fordert diese Öffentlichkeit seinen Rücktritt. Damit wollte ich die Geschichte nicht enden lassen. Denn Vogts bleibt Bundestrainer und gewinnt zwei Jahre später mit einer neuen Mannschaft, die nun zusammenhält und als Team funktioniert, die Europameisterschaft. Und er wird von Medien und Fans gefeiert. Das Zwischenhoch hält aber nicht lange an, umso tiefer wird er wieder fallengelassen, als Fußballdeutschland 1998 erneut früh bei der Weltmeisterschaft ausscheidet und Vogts schließlich zurücktritt – „um den letzten Rest an Menschenwürde zu bewahren“, wie er es beschreibt.
Fußball-Dokumentationen boomen derzeit enorm. Was unterscheidet «Elf Helden – Ein Albtraum» erzählerisch von klassischen Sportdokus?
Ich stelle mir bei Filmen immer die Frage: Was ist die zweite Ebene? Konkret in diesem Fall: Was erzählt all das mehr als nur eine Geschichte über eine Fußballmannschaft? Was erfahren wir über die Zeit, das Land, die Gesellschaft? Diese zweite Ebene macht einen solchen Film oder Serie für alle interessant, die keine Fußballfans sind. Das größte Kompliment haben mir meine Kolleginnen Nicole und Leandra gemacht, die bei uns die Aufnahmeleitung managen. Sie stemmen bei uns logistisch die ganzen Filmreisen – und wollten nur mal kurz in den Rohschnitt reinschauen, um zu sehen, wie die von ihnen organisierten Drehs geworden sind. Die beiden interessieren sich null Komma null für Fußball, haben sich dann aber die ganze Serie angesehen, weil sie von der Erzählung gefesselt waren.
Wenn Zuschauer die Serie gesehen haben: Was sollen sie am Ende eher mitnehmen – die Tragik eines sportlichen Scheiterns oder das Bild einer Mannschaft, die an ihrer Zeit zerbrochen ist?
Weder noch. Im besten Falle reflektieren die Zuschauer die Serie losgelöst vom Sportlichen und transferieren die zwischenmenschlichen Probleme der Nationalelf auf ihre eigene soziale Gruppe, ob im Familienverband oder in der Arbeitswelt: Wir sind soziale Wesen und leben und arbeiten in der Gruppe, wobei jeder seinen Charakter und seine spezifischen Talente mitbringt. Eine erfolgreiche Fußballmannschaft besteht aus der Summe dieser Unterschiedlichkeit, sie funktioniert nur, weil jeder anders ist. Das ist das Kostbare. Eine Mannschaft aus elf Franz Beckenbauern gewinnt kein einziges Spiel. Die Herausforderung besteht darin, mich in die Gruppe mit meinen Fähigkeiten einzubringen, ohne die Gruppe zu sprengen. Was muss ich von mir behalten, was aber gleichzeitig von mir abgeben, damit die Gruppe Erfolg hat?
Danke für Ihre Zeit!
«Elf Helden – Ein Albtraum» ist seit 2. Juni in der ARD Mediathek abrufbar. Das Erste zeigt den Film am Sonntag, 14. Juni, um 22.00 Uhr.







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