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‚Gefährlich lecker‘

von

Chris van Tulleken erklärt, warum Essen heute kein Bauch-, sondern ein Systemproblem ist.

Mit „Gefährlich lecker“ hat der britische Arzt, Wissenschaftler und Fernsehmoderator Chris van Tulleken eines der einflussreichsten und meistdiskutierten Sachbücher der vergangenen Jahre vorgelegt. Der Nr.-1-Sunday-Times-Bestseller, nun auch auf Deutsch erschienen, ist weit mehr als ein Ernährungsratgeber. Er ist eine fundamentale Abrechnung mit der globalen Lebensmittelindustrie – und zugleich eine schonungslose Erklärung dafür, warum Übergewicht, Fettleibigkeit und ernährungsbedingte Krankheiten weltweit explodieren, selbst bei Menschen, die sich eigentlich „bewusst“ ernähren wollen.

Van Tulleken setzt bei einer irritierenden Beobachtung an: Unser Körper ist evolutionär hervorragend darin, komplexe Bedürfnisse zu regulieren. Wir wissen ziemlich genau, wann wir Durst haben, wann wir Luft brauchen, wann wir schlafen müssen. Warum versagt dieses fein austarierte System ausgerechnet beim Essen? Warum essen wir zu viel, zu oft, zu süß, zu salzig – und warum fällt es uns so schwer, damit aufzuhören? Die Antwort des Autors ist radikal klar und gleichzeitig beunruhigend: Das Problem ist nicht mangelnde Disziplin, sondern hochverarbeitete Lebensmittel. Nicht „zu viele Kalorien“ oder „falsche Entscheidungen“ sind der Kern des Problems, sondern Produkte, die gezielt so entwickelt wurden, dass sie unsere biologischen Steuermechanismen umgehen.

Im Zentrum des Buches steht der Begriff der hochverarbeiteten Lebensmittel (Ultra-Processed Foods, UPF). Van Tulleken erklärt präzise, was damit gemeint ist: industrielle Produkte, die kaum noch aus echten Lebensmitteln bestehen, sondern aus Extrakten, Emulgatoren, Aromen, Stabilisatoren und Zucker-Fett-Salz-Kombinationen. Diese Produkte sind billig herzustellen, extrem haltbar – und vor allem darauf ausgelegt, immer wieder konsumiert zu werden. Nicht satt zu machen, sondern Lust auf mehr zu erzeugen.

Besonders eindrucksvoll ist, wie der Autor zeigt, dass diese Produkte nicht zufällig süchtig machen, sondern systematisch so konzipiert sind. Die Lebensmittelindustrie investiert enorme Summen in Forschung darüber, wie Textur, Geschmack, Mundgefühl und Verpackung auf unser Gehirn wirken. Das Ziel ist nicht Ernährung, sondern Umsatz. Van Tulleken spricht offen von einer Manipulation des Körpers – und belegt diese These mit einer Vielzahl wissenschaftlicher Studien.

Ein zentrales Element des Buches ist der Selbstversuch des Autors. Über mehrere Wochen ernährt er sich fast ausschließlich von hochverarbeiteten Lebensmitteln, um die Auswirkungen am eigenen Körper zu dokumentieren. Die Ergebnisse sind erschreckend: rapide Gewichtszunahme, Schlafstörungen, depressive Verstimmungen, Konzentrationsprobleme und ein dramatischer Verlust des natürlichen Sättigungsgefühls. Besonders eindringlich ist dabei die Erkenntnis, dass diese Effekte nicht vom Kaloriengehalt allein abhängen, sondern von der Art der Verarbeitung.

Van Tulleken zeigt, dass hochverarbeitete Lebensmittel hormonelle Signale stören, das Darmmikrobiom verändern und das Belohnungssystem im Gehirn dauerhaft überreizen. Essen wird dadurch von einer biologischen Notwendigkeit zu einem ständigen Reiz, dem man kaum entkommen kann – vor allem, weil diese Produkte überall sind: im Supermarkt, in Kantinen, in Krankenhäusern, in Schulpausenbroten.

Ein großer Verdienst des Buches liegt darin, dass es die Schuldfrage neu stellt. Van Tulleken widerspricht entschieden der verbreiteten Erzählung, Übergewicht sei primär ein individuelles Versagen. Stattdessen zeigt er, dass Menschen in einem Umfeld leben, das systematisch ungesunde Entscheidungen begünstigt. Wer in einer Welt lebt, in der 50 bis 70 Prozent der verfügbaren Lebensmittel hochverarbeitet sind, kämpft nicht gegen sich selbst – sondern gegen ein industrielles System.

Gleichzeitig bleibt „Gefährlich lecker“ kein hoffnungsloses Buch. Van Tulleken plädiert nicht für Perfektion, Askese oder dogmatische Diäten. Vielmehr fordert er strukturelle Veränderungen: klare Kennzeichnungen, strengere Werberegulierung, politische Verantwortung und ein Umdenken in der öffentlichen Ernährung. Er macht deutlich, dass echte Veränderung nicht allein im Einkaufswagen beginnt, sondern auf gesetzlicher und gesellschaftlicher Ebene.

Stilistisch überzeugt das Buch durch seine Mischung aus wissenschaftlicher Präzision und erzählerischer Zugänglichkeit. Van Tulleken schreibt verständlich, persönlich und mit trockenem Humor. Er erklärt komplexe biochemische Prozesse so, dass sie auch für Laien nachvollziehbar sind, ohne sie zu vereinfachen oder zu banalisieren. Gerade diese Klarheit macht das Buch so wirkungsvoll.

„Gefährlich lecker“ ist kein Buch, das man nach der letzten Seite einfach weglegt. Es verändert den Blick auf Supermärkte, Verpackungen, Werbung und den eigenen Alltag. Plötzlich erscheinen scheinbar harmlose Produkte in einem anderen Licht – nicht als individuelle Schwäche, sondern als Teil eines Systems, das Profit über Gesundheit stellt.

Damit ist dieses Buch weit mehr als ein Ernährungstitel. Es ist eine Gesellschaftsanalyse, ein gesundheitspolitisches Manifest und ein Weckruf, der lange nachhallt. Für alle, die verstehen wollen, warum Essen heute so kompliziert geworden ist – und warum das nicht unsere Schuld ist –, gehört „Gefährlich lecker“ zu den wichtigsten Sachbüchern der Gegenwart.

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