Die Kino-Kritiker

«Monsieur Pierre geht online»

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Der Sommer bringt uns mit «Monsieur Pierre geht online» erneut beschwingte Filmkost aus Frankreich, die zwar clever zwischen verschiedenen Generationen vermittelt, sich jedoch zu oft in Banalitäten verliert.

«Monsieur Pierre geht online»

  • Kinostart: 22. Juni 2017
  • Genre: Komödie
  • FSK: o.Al.
  • Laufzeit: 100 Min.
  • Kamera: Priscila Guedes
  • Musik: Vladimir Cosma
  • Buch und Regie: Stéphane Robelin
  • Darsteller: Pierre Richard, Yaniss Lespert, Fanny Valette, Stéphanie Crayencour, Stéphane Bissot
  • OT: Un profil pour deux (FR/BEL/DE 2017)
Alte Menschen können nicht mit dem Computer umgehen und die heranwachsende Generation ist beziehungsunfähig – die französische Komödie «Monsieur Pierre geht online» fußt im Grunde auf zwei Klischees. Um die potenziell damit einhergehende Austauschbarkeit des Films zu umgehen, müssen sich die Macher schon mächtig anstrengen. Schließlich entstehen Spaß und Mehrwert selten aus dem uninspirierten Wiederkäuen allzu bekannter Prämissen. Regisseur Stéphane Robelin («Und wenn wir alle zusammenziehen?»), der zu seinem im Original «Un profil pour deux» betitelten Film auch das Drehbuch geschrieben hat, gibt sich Mühe, beide Themen möglichst vorurteilsfrei zu beleuchten. Mit Ausnahme einiger dann auch direkt ins Leere laufender Gags (Stichwort: Fenster) geht es dem Filmemacher vornehmlich um seine Figuren. Dass er auch diese zum Großteil am Reißbrett entworfen hat, ist schade und beraubt «Monsieur Pierre geht online» seines Potenzials. Robelins Film ist ohne Zweifel solide. Im Vergleich zur austauschbaren Franzosenware der letzten Monate sogar einer der besseren Vertreter. Doch wann immer die Geschichte ihren anarchischen Höhepunkt zu erreichen scheint, bremsen ihn vorhersehbare Storyverwicklungen und handtaschenpsychologische Weisheiten aus.

Der alte Mann und das World Wide Web


Pierre (Pierre Richard) ist Witwer, Griesgram und hasst Veränderungen aller Art. Um den alten Herrn zurück ins Leben zu schubsen, verkuppelt seine Tochter Sylvie (Stéphane Bissot) ihn mit Alex (Yaniss Lespert), einem erfolglosen Schriftsteller und Freund ihrer Tochter. Alex soll Pierre mit der fabelhaften Welt des Internets vertraut machen. Das ungewohnte Lernduo tut sich mächtig schwer, bis Pierre ausgerechnet über ein Datingportal stolpert. Dank der beruhigenden Anonymität des Internets entdeckt sich Pierre als Verführer und verabredet sich mit der jungen Flora (Fanny Valette) – zum Glück hat er ja Alex, der sich geradezu anbietet, die Konsequenzen zu tragen. Der in großen Finanznöten steckende Alex akzeptiert Pierres unmoralisches, aber exzellent bezahltes Angebot und geht an Pierres Stelle zum Rendezvous. Dass sich Flora Hals über Kopf verliebt, bringt die Situation in eine gewisse Schieflage. Pierre ist sich sicher, dass seine verbale Verführungskunst Floras Gefühle geweckt hat. Ganz unschuldig können aber auch Alex‘ Küsse nicht gewesen sein. Vor allem aber sind es eigentlich die beiden Männer, die von Flora im Sturm erobert wurden, und nun endgültig im selben Boot sitzen, nur die Kapitänsfrage muss noch geklärt werden…

Pierre Richard («Der große Blonde kann’s nicht lassen») gibt als titelgebender Monsieur Pierre den Inbegriff eines Griesgrams. Menschenfeindlich, verschroben und über seine vor vielen Jahren verstorbene Frau trauernd, ist der unnahbare Rentner alles andere als ein sympathischer Zeitgenosse, doch wie man es von derartigem Filmstoff gewohnt ist, wird Pierre schon bald anfangen, durch den ihm zur Seite gestellten Alex die Welt mit anderen Augen zu sehen. Dankenswerterweise geht das allerdings nicht halb so vorhersehbar vonstatten, wie es sich auf den ersten Blick anhört. Denn dieser Alex ist nicht etwa das genaue Gegenteil von ihm, sondern in seiner unzufriedenen, bisweilen lethargischen Art gar nicht so viel anders als er. Ohne diesen allzu forcierten Clash altersbedingter Gewohnheiten macht es richtig Spaß, dem Duo aus unwissendem Digital Immigrant und Computerspezialist zuzuschauen – selbst wenn beide in ihrer Charakterisierung oberflächlicher bleiben, als es die spannende Ausgangslage verdient hat. Denn auch wenn das Thema World Wide Web nicht mehr im Fokus des Geschehens steht, machen sich Pierre Richard und sein junger Kollege Yaniss Lespert («Der Vorname») den Film ganz zueigen, eh sie später von der umwerfenden Fanny Valette («Mein kleines Jerusalem») um den Finger gewickelt werden – und der Zuschauer gleich mit.

Komfortzone französisches Wohlfühlkino


Dass sich der als „Ersatz-Date“ mit Pierres Internetbekanntschaft Flora treffende Alex von jetzt auf gleich in die smarte Schönheit verguckt, wundert überhaupt nicht. Stattdessen irritiert es vielmehr, wie es der Nachwuchsschriftsteller so lange mit der äußerst anstrengend gezeichneten Juliette (Stéphanie Crayencour) ausgehalten hat. Crayencour («Ein Dorf sieht schwarz») gibt sich nicht viel Mühe, mehr aus ihrer Figur herauszuholen, als den Stereotyp eines egoistischen Weibsbildes, das weder um ihren Vater, noch um ihren Freund Alex sonderlich bemüht wirkt (inklusive der klassischen „im Schlaf den Namen des Ex-Freund murmeln“-Szene). Eines lässt sich ihr allerdings nicht absprechen: Mit ihrer flippig-exzentrischen Art versieht sie den Film mit einigen dynamischen Akzenten und macht selbst Szenen zu mitreißend-amüsanten Momenten, die die Grenzen der Glaubwürdigkeit sprengen (Stichwort: Frühstück). Ist in ruhigen Szenen dann allerdings mal intensives Schauspiel gefragt, wirkt die Mimin überfordert. Echtes Mitgefühl oder Emotionen nimmt man ihr daher nur selten ab.

Die Beziehung um Alex und Juliette nimmt allerdings nur einen geringen Stellenwert ein. Stattdessen geht es vielmehr um den Kampf zweier Männer um die Gunst einer Frau. Dabei rückt Stéphane Robelin mit der Zeit immer mehr die Frage in den Mittelpunkt, ob körperliche oder geistige Verbundenheit wichtiger ist, um eine langfristige Beziehung aufzubauen, versucht die Lebensentwürfe aller drei Hauptfiguren gegenüberzustellen und gegeneinander abzuwägen, bis «Monsieur Pierre geht online» zu einem recht unbefriedigenden (da hoffnungslos übereilt wirkenden) Schluss findet. Es ist zwar schwer, irgendeinem dieses Dreiecksgespannes sein Glück nicht zu gönnen, doch die Auflösung dieses Konflikts wirkt zu konstruiert, um selbst als Kompromiss halbwegs zufriedenzustellen. «Monsieur Pierre geht online», der optisch mit ein paar hübschen Ideen versehen ist (etwa wenn sich die von Pierre im Internet entdeckten Online-Profile der vielen Singlefrauen persönlich bei ihm vorstellen) erhält aber gerade dadurch auch seinen realistischen Anstrich. Denn bekäme hier wieder einmal jeder das, was er will, wäre dieser Film auch nicht anders, als so viele andere Feelgood-Komödien aus Frankreich.

Fazit


«Monsieur Pierre geht online» ist eine charmante Dreiecksgeschichte, der Regisseur Stéphane Robelin leider nicht genug zutraut. Er setzt zu oft auf Altbewährtes und verpasst es dadurch, seine Geschichte vollständig außerhalb der Komfortzone des französischen Wohlfühlkinos zu platzieren.

«Monsieur Pierre geht online» ist ab dem 22. Juni in den deutschen Kinos zu sehen.

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