Die Kino-Kritiker

«Life, Animated»: Eine Doku mit Herz, aber fahriger Beobachtungsgabe

von

Eine besondere, ergreifende und wahre Geschichte, oberflächlich dokumentiert: «Life, Animated» erzählt, wie sich ein Autist mit Disney die Welt erklärt.

Filmfacts «Life, Animated»

  • Regie: Roger Ross Williams
  • Produktion: Julie Goldman, Roger Ross Williams, Carolyn Hepburn, Christopher Clements
  • Drehbuch: Ron Suskind; basierend auf seinem Sachbuch «Life, Animated: A Story of Sidekicks, Heroes, and Autism»
  • Musik: Dylan Stark, T. Griffin
  • Kamera: Tom Bergmann
  • Schnitt: David Teagu
  • Laufzeit: 92 Minuten
  • FSK: ohne Altersbeschränkung
Eine Dokumentation zu besprechen ist eine gänzlich andere Aufgabe als das Rezensieren einer fiktionalen Erzählung. Den bei einer Dokumentation fällt es oftmals schwer, zwischen Thema und Umsetzung zu trennen. Viele gut gemachte Dokumentationen erhalten aufgrund ihres banalen oder fachspezifischen Themas partout keine Aufmerksamkeit. Und andere Dokumentationen werden dank ihres faszinierenden Themas oder ihrer überaus relevanten Informationen geachtet, selbst wenn ihre filmhandwerkliche Umsetzung streitbar ist.

Bei der für einen Oscar sowie einen Producers Guild Award nominierten, sowie mit dem Docville-Award als beste internationale Dokumentation und auf Sundance als bestinszenierte Doku prämierten Produktion «Life, Animated» ist die Frage angebracht: Hat womöglich auch hier die Strahlkraft des Themas obsiegt und einer Doku Ruhm und Kritikerehre eingebracht, die ganz streng und nüchtern betrachtet durchaus ihre Mängel hat? Zweifelsohne: Die (US-)Lobeshymnen, dass hier eine rührende und inspirierende, wahre Geschichte erzählt wird, sind nachvollziehbar. Fraglich ist trotzdem, ob es nicht deutlich bessere und nachhaltigere Wege geben würde, sich diesem Thema zu nähern.

Roger Ross Williams, ehemaliger «Undercover Boss»-Regisseur und der Kopf hinter der mit dem Academy Award ausgezeichneten Kurzdoku «Music by Prudence», befasst sich in «Life, Animated» mit der Familie Suskind – und insbesondere mit Owen Suskind. Mittlerweile ein junger Mann, wurde bei ihm im Alter von drei Jahren eine schwere Form von Autismus diagnostiziert. Owen hörte schlagartig auf, zu sprechen, alsbald schien er völlig in seiner eigenen Welt gefangen, unfähig, mit seinem Umfeld tiefergehend zu interagieren. Doch Owens große Passion für Animationsfilme, insbesondere jene aus dem Hause Disney, stellte sich als Verbindungselement zur Außenwelt dar: Zunächst lernte er Dialoge aus den Filmen auswendig, um sie als Vokabeln zu benutzen. Nach und nach entwickelte er sich zu einem immer kommunikativeren und verständigeren Menschen, der sich die Welt mit Filmanekdoten erklärt und diese zudem nutzt, um sein Innenleben seinen Anvertrauten mitzuteilen.

Im Grundkern dient «Life, Animated» als Beispielgeschichte dafür, wie wichtig Leidenschaften für Autisten sind und welche Funktionen sie in ihren Leben erfüllen können. Wenn etwa Owen auf einem Kongress seine Disney-Leidenschaft mit den Themen vergleicht, die weitere seiner autistischen Bekannten begeistern, wird klar: «Life, Animated» ist nicht zwangsweise ein Lobgesang auf Disney oder ein Betroffenheitsbericht über die Suskinds, sondern ein individuelles Exempel aus einem Meer von vergleichbaren Geschichten.

Weshalb sich gerade dieses Beispiel für eine Doku eignet, wird deutlich, wenn Owens (durchaus kamerageübten) Eltern rührend (und filmisch wirksam) nacherzählen, wie die übersteigerten Gesichtsausdrücke von Disney-Figuren Owen in seinen frühsten Kindesjahren geholfen haben, die ihm sonst emotional kaum begreifliche Welt zu verstehen. Owen hingegen spricht später in seinem Vortrag von einem Autisten, der sich für die Geschichte jüdischer Schauspieler in Hollywood erwärmt – ein willkürliches und trockenes Beispiel. Dass ein Kind durch Disney-Filme eine Bindung zu seiner Familie aufbaut, ist hingegen ein auf Anhieb verständliches, nachvollziehbares Exempel mit Identifikationspotential. Und es ist ein Fall mit nah liegenden Nachteilen, wie eine Szene zeigt, in der sich Owens Bruder den Kopf zerbricht, wie er seinem disneyvernarrten Gegenüber Sexualität erklären soll. Wohl jedes "Inselinteresse" hat seine Stolperschwellen, doch dieses braucht keine weiteren Erklärungen, wodurch sich die Probleme einfacher und schneller beleuchten lassen, ohne etwaige Grenzen zu überschreiten.

Allerdings bleibt der informative Nährwert dieser Dokumentation über lange Strecken auf dieser oberflächlichen, schnell vermittelten Ebene – und so bleibt die Suskind-Geschichte ein emotional rasch begriffenes Einzelschicksal, das nur ein paar allgemeingültige, informative Krümel beinhaltet. «Life, Animated» wäre in dieser Form ein sehr guter, 20- bis 25-minütiger Magazinbeitrag. Da wäre es vermessen, über mangelnde Tiefe zu klagen – nur kommt die Doku leider in abendfüllender Länge daher.

Um die 90 Minuten Laufzeit von «Life, Animated» zu füllen, streckt Regisseur Roger Ross Williams sein Material mit allerlei Wiederholungen sowie mit emotional manipulierendem Fluff: Die Zusammenfassung der Höhen und Tiefen in Owens Kindheit ist durch die professionelle, aber sympathische Art seiner Eltern Ron und Cornelia auch ohne weiteren Schnickschnack berührend. Dass Williams diese Nacherzählung in aller Ausführlichkeit in seinen Film aufnimmt und mit Homevideos, Filmschnipseln sowie Storyboard-Nachzeichnungen des Erzählten illustriert, tendiert bei der gebotenen Dauer jedoch in Richtung Tränenzieherei.

In eine ähnliche Kerbe schlägt es, wenn Williams emotionale Momente in Owens Erwachsenenleben einfängt – wie etwa die ersten Stunden in der eigenen Wohnung oder den ersten Abend, nachdem sich seine erste Freundin von ihm getrennt hat: Dass Kameramann Tom Bergmann quasi Mäuschen spielt, wenn sich Owen mit diesen Situationen akklimatisiert, wäre schon genug. Williams erstellt jedoch Parallelmontagen zu thematisch passenden Disney-Filmsequenzen oder lässt Owen in Interviewpassagen seine Gefühle mit Disney-Szenen vergleichen, wobei Williams Owen in diesen Passagen direkt in die Kamera sprechen lässt, statt eine der goldenen Filmregeln einzuhalten und den Blick in die Kamera zu vermeiden.

Womöglich will Williams Owen so einen Ehrenstatus geben – er darf in "seiner" Doku direkt zum Zuschauer sprechen, während alle anderen Gesprächspartner klassisch leicht an der Kamera vorbeireden. Jedoch sind im narrativen Film und Fernsehen Blicke direkt in die Kamera mit Boshaftigkeit oder Verrücktheit assoziiert – Williams' Inszenierung der Momente, wenn sich Owen ihm anvertraut und sein Innenleben mittels Disney-Vergleichen äußert, lässt den jungen Mann deshalb weltfremder erscheinen als angebracht. Einzelne Szenen, in denen Williams öffentliche Auftritte Owens einfängt oder seine Lektionen in einem von ihm gegründeten Disney-Fanclub, zeigen nämlich, dass der erwachsene Owen sich durchaus selber "gesellschaftskonform" zu geben weiß – Owen starrt eben nicht unentwegt fasziniert-träumend in die Kamera, sobald eine im Raum ist. Die Interviewpassagen, in denen Owen um einen Disney-Vergleich zu seinem Status quo gebeten wird, konsequenterweise genau so zu filmen, wie alle anderen Interviewsequenzen, wäre eine gerechtere, unbefangenere Darstellung als die von Williams gewählte, gefühlsduseligere, die Owen durch inszenatorische Assoziationen in die Rolle des unbeholfenen Jungen drängt, der halt nur über Disney brabbeln kann.

Williams' Entscheidung, vornehmlich berühmte Disney-Clips in die Doku zu streuen und stetig zu betonen, wie wichtig diese Zeichentrickfilme für Owen sind, unterstreicht den Drang des Regisseurs, auf die Emotionalität des Publikums abzuzielen, statt die abendfüllende Laufzeit für ein angemessen rundes sowie informatives Porträt seines Protagonisten oder der durch ihn repräsentierten Verfassung zu nutzen. Wie zahlreiche publizierte Interviews mit den Suskinds oder Ron Suskinds ebenfalls «Life, Animated» betiteltes Sachbuch zeigen, lässt sich Owen Suskind nämlich nicht ganz so einfach in die obig skizzierte Schublade stecken. Scharfäugige Filmbegeisterte werden in «Life, Animated» bemerken, dass Owen auch Trickfilme anderer Studios zu wertschätzen weiß, und in den animierten Sequenzen, die eine in Kinderjahren verfasste Fanfiction Owens zum Leben erwecken, sind neben den üblichen Verdächtigen auch obskure Disney-Sidekicks versteckt. Darauf geht «Life, Animated» jedoch nicht ein – mutmaßlich, weil das Publikum mehr mitleidet, wenn es alle Referenzen versteht und mit großen Augen diesen jungen Erwachsenen bestaunen darf, der ein streng begrenztes filmisches Vokabular nutzt, um sich die Welt zu erklären.

Dass Owens Passion doch nicht ganz so monoton ist, und er zusätzlich zu seiner kindlichen Begeisterung für Disney-Figuren sowie -Storys auch über lexikalisches filmisches Wissen verfügt, wird weitestgehend ausgeblendet. Die gelegentlichen Szenen, in denen Williams Owen triumphierend zeigt, suggerieren zwar, dass der Regisseur es mit dieser Dokumentation sehr wohl einfach nur gut meint und die märchenhafte Story erzählen will, wie eine Familie mit Autismus umgeht. Nur nimmt es Williams mit dem Adjektiv "märchenhaft" zu ernst. So stellt er seiner eigenen Botschaft gegen ein zu vorschnelles Aufgeben und Urteilen ein Bein. Er versimpelt einen disneyversessenen Autisten in seiner eigenen Doku, er "disneyfiziert" ihn. Und im Gegenzug lässt Williams viele spannende Fragen über diese Einzelperson und das generelle Phänomen "Kommunikation lernen durch Hobbys" unbeantwortet.

«Life, Animated» ist ab sofort in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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