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Oliver Hirschbiegel: 'Ich erachte Historienstoffe als Anreiz, seinen Blick aufs Jetzt zu schärfen'

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Quotenmeter.de sprach mit Regisseur Oliver Hirschbiegel über den ZDF-Mehrteiler «Der gleiche Himmel» sowie sein Faible für Historienstoffe.

Zur Person

  • Oliver Hirschbiegel wurde 1957 in Hamburg geboren
  • Sein Debüt als Drehbuchautor und Regisseur feierte er beim ZDF-Film «Das Go! Projekt»
  • Es folgten unter anderem Regie-Einsätze beim «Tatort» und «Kommissar Rex»
  • Mit seinem Kinodebüt «Das Experiment» erntete Hirschbiegel 2001 Kritikerlob
  • 2004 wurde «Der Untergang» zu einem kommerziellen Erfolg und für einen Oscar nominiert
  • Es folgten internationale Projekte wie «Invasion» und «Diana»
  • 2015 kehrte er zum deutschsprachigen Film zurück, und zwar mit dem Holocaustdrama «Elser – Er hätte die Welt verändert»
Dies ist ja wahrlich nicht ihr erster Historienstoff …
(schmunzelt)

Was reizt Sie so sehr an der Vergangenheit, dass Sie bei Ihren Regiearbeiten so häufig auf historische Stoffe zurückgreifen?
Ja, das ist schon lustig. Ich weiß, dass ich als der Mann für historische Stoffe gehandelt werde, aber es ist nicht so, dass ich mir das gezielt so aussuche. Ich würde wahnsinnig gerne auch kontemporäre Stoffe erzählen. Aber wenn mich eine Geschichte berührt und ich sofort Bilder vor meinem inneren Auge sehe, während ich einen Text lese, dann will ich diesen Stoff auch sofort machen. Und das war nun zum wiederholten Male bei einem Historiendrama der Fall. Reiner Zufall! (lacht)

Sie fallen also keiner Schubladisierung zum Opfer, „den Hirschbiegel, den lassen wir nur an Vergangenheitsgeschichten ran!“ …
Nein, nein. Es ist allerdings zugegebenermaßen so, dass ich schlicht mehr historische als zeitgenössische Stoffe lese. Insofern besteht da bei mir vielleicht doch eine etwas größere Affinität. Was mich begeistert, und was mich im sportlichen Sinne herausfordert, ist der Gedanke, ob ich einen Zeitabschnitt so darstellen kann, wie es damals wohl war. Der Versuch, möglichst nah da heranzukommen, wie es damals ausgesehen hat und wie sich die Menschen damals fühlten, reizt mich beim Drehen schon sehr. Aber es ist nicht so, dass mir Kollegen aus der Branche nicht weiter zutrauen, andere Themen anzupacken. Ich bekomme weiterhin andere Stoffe angeboten. Kürzlich hatte ich zwei sehr interessante zeitgenössische Geschichten vorliegen, die mich sehr reizten – und ich war es, der abgelehnt hat, weil der Funken nicht völlig rüber gesprungen ist. Allerdings hoffe ich, bald eine internationale Serie ankündigen zu können – die wäre zeitgenössisch. Im Kino habe ich dagegen wieder zwei Historienfilme in der frühen Planungsphase.

Ich fürchte, dass Sie dazu nichts sagen wollen oder dürfen?
Genau, dazu möchte ich noch nichts sagen. Es bringt Unglück, über Projekte zu sprechen, die noch nicht in trockenen Tüchern sind.

Oh, das ist mir aber neu! Ich kenne nur die übliche Angst vor Vertragsstrafen als Ausrede in solchen Situationen. (lacht)
Ja, ich bin da vollkommen abergläubisch!

Dann rudern wir halt zurück und kommen explizit auf «Der gleiche Himmel» zu sprechen. Da es ja verschiedene Ausstrahlungsmodi in verschiedenen Märkten gibt – betrachten Sie das Projekt nun als Dreiteiler, als sechsteilige Miniserie ..?
Als sechs Folgen, so wie es auch im Original ist. Die haben alle einen einzelnen, klassischen Cliffhanger am Ende. Da es in Deutschland im öffentlich-rechtlichen Fernsehen noch immer keinen vernünftigen Sendeplatz für Serien gibt, deren Episoden zwischen 45 und 50 Minuten sind, werden die halt gekoppelt ausgestrahlt. Ich weiß nicht, wieso es dieses Problem gibt, aber Programmgestaltung ist nicht mein Gebiet. (lacht)

Was mich ansprach, war die dramaturgische Spiegelung einer geteilten Familie in einer geteilten Stadt. Das packte mich beim Lesen, vor allem das ständige Springen zwischen West und Ost, das ich auch aus eigener Erfahrung kenne.
Oliver Hirschbiegel über «Der gleiche Himmel»
Welche Version bevorzugen Sie?
Ich finde das Projekt etwas schöner, wenn es sechs Folgen sind, aber es funktioniert auch als Dreiteiler zu je 90 Minuten. Mir ging es bei dieser Serie ja nicht darum, wie sie gezeigt wird. Was mich ansprach, war die dramaturgische Spiegelung einer geteilten Familie in einer geteilten Stadt. Das packte mich beim Lesen, vor allem das ständige Springen zwischen West und Ost, das ich auch aus eigener Erfahrung kenne.

Ich möchte nicht so oberflächlich sein, und «Der gleiche Himmel» mit «Deutschland '83» vergleichen. Ich mache nur kurz folgende Schublade auf: Hat «Der gleiche Himmel» davon profitiert, dass «Deutschland '83» dem internationalen Publikum das Thema deutsch-deutsche Geschichte neu schmackhaft gemacht hat? Die Auslandsverkäufe von «Der gleiche Himmel» sind ja schon beachtlich …
Ich glaube nicht, dass auf dem Markt so strategisch gedacht wird. Ich glaube letztlich, Sender und Vertriebe schauen sich Stoffe auch nur unter dem Gesichtspunkt an „Ist das gut?“ und wenn etwas international so über den Erwartungen durchschlägt wie «Deutschland '83», dann gucken die erstmal überrascht. Doch das heißt nicht, dass die danach sofort alles kaufen, was ähnlich ist. Hätte «Der gleiche Himmel» niemandem gefallen, hätte es auch niemand gekauft. Bei Film wie Fernsehen gilt: Entscheidend ist, wie gut du deine Geschichte erzählst. Wäre der Familienkonflikt in dieser Miniserie völlig gleichgültig, würden auch Schauplatz und die Epoche, in der sich diese Geschichte abspielt, egal …

Es kann so einfach sein: Man muss nur milder werden. Toleranter. Verständnisvoller. Mehr zulassen. Daher kann ich den grauenvollen, kindischen Dingen, die Donald Trump so treibt, wenigstens ein Positives abgewinnen: Die Geschehnisse in den USA können, ja, müssen als Weckruf für alle Menschen dienen, die ein Verständnis haben von Demokratie, Übereinkünften und den humanitären Werten.
Oliver Hirschbiegel
Mit Hinblick auf die Themen dieser Story: Wenn man sich «Der gleiche Himmel» anschaut, fällt einem auf, wie wenig wir es als Gesellschaft seither nach vorne geschafft haben – jedenfalls in den Details …
Daher erachte ich Historienstoffe immer wieder als Anreiz, seinen Blick aufs Jetzt zu schärfen und selber aktiv zu werden, um genau das zu ändern. Und es kann so einfach sein: Man muss nur milder werden. Toleranter. Verständnisvoller. Mehr zulassen. Daher kann ich den grauenvollen, kindischen Dingen, die Donald Trump so treibt, wenigstens ein Positives abgewinnen: Die Geschehnisse in den USA können, ja, müssen als Weckruf für alle Menschen dienen, die ein Verständnis haben von Demokratie, Übereinkünften und den humanitären Werten. Durch Trump muss uns allen klar werden: Wir sind nicht in Walt Disney World. Am Ende des Tages müssen wir sehr wohl aktiv sein, um zu verhindern, dass unsere politische Lage entgleist.

Wenn wir schon beim Thema Rechtsruck landen, muss ich noch eine Frage loswerden: In «Der Untergang» haben Sie Anfang der 2000er-Jahre Hitler als Mensch gezeigt, Sie skizzierten die Personen hinter dem Dämon Nationalsozialismus. Ihr jüngerer Film «Elser – Er hätte die Welt verändert» zeichnet dagegen eindringlich und mit Abscheu, wie das hasserfüllte Gedankengut schrittweise zur normalen, bürgerlichen Haltung wird. Ersterer Film entstand zu einem Zeitpunkt, als man sich in Deutschland deutlich weniger Sorgen um Rechtspopulismus machen musste, als zur Entstehungszeit des Zweiten. Zufall, oder war der Tonfall von «Elser» doch irgendwie eine Antwort auf die politische Entwicklung?
Nein, das war eher eine zufällige Synchronizität. Das Projekt wurde über viele, viele Jahre entwickelt. Ich habe es, obwohl ich die historische Persönlichkeit Elsers spannend finde, mehrmals abgesagt, weil der Film nie die erhoffte, leinwandtaugliche Form angenommen hat. Bis es dann auf einmal sehr wohl so weit war und ich mir dachte: „Ja, so finde ich es spannend! Nun weiß ich, wie ich es erzählen und zeigen kann.“ Ich weiß nicht, ob der Zustand in Deutschland für mich der Beweggrund war, den Film zu machen oder ihn zumindest in dieser Form zu verwirklichen. Eine bewusste Entscheidung war es zumindest nicht. Dass ich den Film drehen wollte, lag an der historischen Person, und ich habe versucht, ihr und ihrer Zeit treu zu bleiben – daher dieser inhaltliche Fokus. Die Parallele zum Heute entsteht dann daraus. Und dass die Parallele so deutlich wird, ergab sich eher parallel zur Entwicklung zum Film – schätze ich.

Wichtig war mir, dass man sich als Zuschauer stets in dem Subplot verliert, den man gerade sieht. Wenn man dann zu einem anderen Handlungsfaden springt, soll man sich kurz ärgern, weil man so angespannt war und wissen will, wie es mit der Story von eben weitergeht – aber dann wird man prompt in die nun weitergeführte, andere Geschichte gesogen. Ich liebe so etwas, und das geht im Fernsehen am besten!
Oliver Hirschbiegel über «Der gleiche Himmel»
Wie sah es bei «Der gleiche Himmel» aus, gab es da einen Aspekt, den Sie in den Fokus genommen haben, um über das Heute zu referieren?
Nein, da die Geschichte fünf Handlungsfäden hat und ich allen gleichermaßen gerecht werden wollte. Von diesen fünf Erzählsträngen ist der zentrale der des Romeo-Agenten Lars. Der ist aber eine klassische Genrefigur: Wir erfahren mehr durch ihn als über ihn. Das hat mir den Duktus vorgegeben, mit dem ich erzählen wollte. Wichtig war mir, dass man sich als Zuschauer stets in dem Subplot verliert, den man gerade sieht. Wenn man dann zu einem anderen Handlungsfaden springt, soll man sich kurz ärgern, weil man so angespannt war und wissen will, wie es mit der Story von eben weitergeht – aber dann wird man prompt in die nun weitergeführte, andere Geschichte gesogen. Ich liebe so etwas, und das geht im Fernsehen am besten!

Vielen Dank für das Gespräch.

«Der gleiche Himmel» ist am 27., 29. und 30. März um 20.15 Uhr im ZDF zu sehen und eine Produktion der UFA Fiction in Koproduktion mit Beta Film im Auftrag des ZDF.

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