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Fernsehfriedhof

Der Fernsehfriedhof Spezial: Geschichten aus dem Land vor unserer Zeit

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Christian Richter erinnert an all die Fernsehformate, die längst im Schleier der Vergessenheit untergegangen sind. Folge 163: Die beliebtesten Serien des DDR-Fernsehens.

Liebe Fernsehgemeinde, zum Tag der deutschen Einheit gedenken wir noch einmal den beliebtesten Serien der DDR.

Schaut man auf die vom Deutschen Fernsehfunk produzierten Serien zurück, fällt auf, dass ein Großteil der Formate von bodenständigen Figuren und Inhalten geprägt war. Es wurden meist Alltagsgeschichten und lebensnahe, aber niemals existenzbedrohende Probleme gezeigt, weil es solche im Sozialismus nicht geben durfte. Im Zentrum standen daher oft einfache Menschen mit soliden Berufen – also Mitglieder der fleißigen Arbeiterklasse. Die männlichen Protagonisten waren beispielsweise Bauarbeiter (in «Kiezgeschichten»), Baummonteure (in «Hochhausgeschichten») oder Schwermaschinenbauer (in «Familie Neumann»). Die weiblichen Figuren arbeiteten indessen als Lehrerinnen (in «Familie Neumann») oder Straßenbahnschaffnerinnen (in «Johanna»).

Familien-Serien des DDR-Fernsehens:

  • «Johanna» (7 Folgen; EA: 01. September 1989)
  • «Geschichten übern Gartenzaun» (14 Folgen; EA: 05. November 1982)
  • «Kiezgeschichten» (7 Folgen; EA: 23. Oktober 1987)
  • «Hochhausgeschichten» (7 Folgen; EA: 02. Januar 1981)
  • «Rentner haben niemals Zeit» (20 Folgen; EA: 02. Dezember 1978)
Jene kleinen Schwierigkeiten des sozialistischen Lebens konnten dabei stets durch Solidarität und Engagement in der Gesellschaft gelöst werden, wodurch (mehr oder weniger) subtil das propagierte Grundprinzip der DDR vermittelt werden sollte. Deswegen standen in zahlreichen Familienserien insbesondere Haus- oder Wohngemeinschaften im Zentrum - unter anderem in «Hochhausgeschichten», «Kiezgeschichten» oder in «Geschichten übern Gartenzaun». Noch eindeutiger erfolgte die Glorifizierung der Hausgemeinschaften in der Reihe «Einzug ins Paradies», die davon erzählte, wie neue Mieter in einen frisch errichteten Plattenbau einzogen. Allein der Titel ließ bereits die angestrebte Aussage erahnen.

Inhaltlich vergleichbar präsentierte sich die Produktion «Rentner haben niemals Zeit», die ab 1987 zu einer der beliebtesten Sendungen des DDR-Fernsehens wurde und die Hauptdarsteller Helga Göring und Herbert Köfer äußerst populär machte. Sie verkörperten das pensionierte Ehepaar Schmidt, das allerorts mit ihrem Erfahrungsschatz helfen musste. Sie unterstützten die Mitbewohner ihres Hauses, Familienmitglieder, Freunde und sogar ihnen völlig unbekannte Menschen. Der Appell für gegenseitige Hilfe schwebte erneut offensichtlich über allen Handlungssträngen.

Solidaritäts-Serien des DDR-Fernsehens:

  • «Die lieben Mitmenschen» (10 Folgen; EA: 17. November 1972)
  • «Unser Mann ist König» (7 Folgen; EA: 07. November 1980)
  • «Familie Neumann» (14 Folgen; EA: 24. August 1984)
  • «Einzug ins Paradies» (6 Folgen; EA: 21. August 1987)
Die zehn Episoden von «Die lieben Mitmenschen» spielten ebenso in einer Hausgemeinschaft. In dieser lebte die konservative Mieterin Carola Bärenburg, die durch das Zusammenleben ihre Vorbehalte gegen das politische System abbauen konnte und auf diese Weise die eindeutige Botschaft der DDR-Regierung verkündete. Auf die Spitze trieb man es schließlich bei «Unser Mann ist König», wo ein einfacher Arbeiter (genauer ein Werkmeister), der in einer einfachen Mietwohnung lebte, zum Stadtverordneten gewählt wurde und sich in dieser Position für seine Mitbürger aufopferte. Allerdings musste er feststellen, dass es nicht immer einfach war, Politik zu machen. Platter konnte man die Idealisierung des Staatsapparates nicht darstellen.

Sicher, man sollte nicht verheimlichen, dass viele der erwähnten Geschichten unzählige, versteckte Seitenhiebe auf die DDR-Regierung und die Zustände im Land enthielten, die an den Führungsebenen vorbeigeschummelt wurden. Trotzdem blieb die offizielle Färbung dieser Formate mehr als deutlich.

Arzt-Serien des DDR-Fernsehens:

  • «Bereitschaft Dr. Federau» (7 Folgen; EA: 18. März 1988)
  • «Barfuß ins Bett»: (14 Folgen; EA: 24. Juni 1988)
  • «Zahn um Zahn»: (21 Folgen; EA: 17. Mai 1985)
Eine Besonderheit stellten Arztserien dar, die genauso in der DDR beliebt waren, aber deren Protagonisten nicht der „Arbeiterklasse“ entsprangen und deshalb von der Regierung nur bedingte Befürwortung erfuhren. Trotzdem wurden einige Formate entwickelt und hergestellt, wobei diese nie von überheblichen Chefärzten, sondern genügsamen Familienmenschen handelten, deren besonderer Status offenbar damit bestraft wurde, dass ihre jeweiligen Ehepartner vorzeitig versterben mussten. So entstand ab dem Jahr 1987 die Serie «Bereitschaft Dr. Federau», die von einer alleinerziehenden Notärztin handelte, die sich nach dem Unfalltod ihres Mannes sowohl um die medizinischen als auch emotionalen Beschwerden ihrer Mitmenschen kümmerte. Fernseharzt Dr. Hans Schön, von dem «Barfuß ins Bett» erzählte, verlor ebenfalls seine Ehefrau durch einen tödlichen Unfall. Seine Mutter übernahm dann die Erziehung seiner beiden Söhne. Als diese ebenfalls verunglückte, sprang die Kindergärtnerin ein, in die sich der Mediziner prompt verliebte. Alleinerziehend war auch Zahnarzt Dr. Alexander Wittkugel, um den sich die launige Serie «Zahn um Zahn» drehte. Zwischen 1985 und 1988 entstanden von ihr insgesamt 21 Episoden, die teilweise sogar vom westlichen Privatsender RTLplus ausgestrahlt wurden.

Reise-Serien des DDR-Fernsehens:

  • «Zur See»: (9 Folgen; EA: 07. Januar 1977)
  • «Treffpunkt Flughafen» (8 Folgen; EA: 23. Februar 1986)
All diese Formate bewegten sich nie aus den verschlossenen Staatsgrenzen der DDR hinaus, um keine Süchte nach Fernreisen und exotischen Ziele in den Zuschauern zu wecken. Dennoch wagte das DDR-Fernsehen im Jahr 1977 einen vorsichtigen Blick über die Mauer, denn die Serie «Zur See» handelte von den Erlebnissen der Crew eines Frachtschiffs, das zu fernen Häfen aufbrach. Was zunächst aufgrund der Reisebeschränkungen der DDR-Bürger merkwürdig klang, erklärte sich schnell, da diese Sendung erneut eine eindeutige politische Färbung hatte. Anstatt launiger Reisegeschichten schilderte sie nämlich die anstrengende Arbeit der Besatzung, die fürchterlichen Zustände in westlichen Ländern sowie die Freundschaft zu anderen sozialistischen Staaten, die dem Schiff mehrfach zur Hilfe kommen mussten. Dennoch wurden die Ausgaben zu einem großen Erfolg und sollen sogar West-Produzent Wolfgang Rademacher zu seinem «Traumschiff» inspiriert haben. Weil die Produktionsbedingungen jedoch äußerst kompliziert waren, entstand trotz sensationellen Sehbeteiligungen keine zweite Staffel. Stattdessen wurde nahezu die gesamte Besetzung in den Nachfolger «Treffpunkt Flughafen» überführt, in dem nun die Mannschaft einer Maschine der staatlichen Fluglinie Interflug im Zentrum stand. Auch sie steuerte mit Vietnam, Angola und Kuba allerdings nur sozialistische Ziele an.

Krimi-Serien des DDR-Fernsehens:

  • «Blaulicht»: (29 Folgen; EA: 20. August 1959)
  • «Polizeiruf 110»: (EA: 27. Juni 1971)
  • «Der Staatsanwalt hat das Wort»: (139 Folgen; EA: 21. Oktober 1965)
  • «Das unsichtbare Visier» (16 Folgen; EA: 23. Dezember 1973)
Noch schwieriger war es in der DDR, Krimiserien zu konzipieren, da Kapitalverbrechen offiziell im Sozialismus nicht vorkommen würden. Trotzdem sollte die Bevölkerung mit diesem Genre unterhalten werden, nicht zuletzt weil derartige Formate im West-Fernsehen äußerst beliebt waren. Vor allem die Westreihe «Stahlnetz» bewegte die DDR-Führung dazu, ein eigenes Pendant ins Leben zu rufen, das ab dem Jahr 1959 unter dem Titel «Blaulicht» die Arbeit der Volkspolizei lebensnah zeigen sollte. Um dem Bild einer sauberen DDR gerecht zu werden, lagen in fast allen Ausgaben die Ursachen für die Verbrechen im imperialistischen Ausland. Meist stammten die Täter daher aus der Feindeszone, die in die unschuldige DDR kamen und dort ihre kapitalistischen Taten begingen oder unbescholtene DDR-Bürger anstifteten. Zudem wurden westliche Beamte grundsätzlich als unfähig dargestellt. Nach dem Mauerbau wurde es jedoch zunehmend schwieriger, solche Geschichten plausibel zu erklären, ohne gleichzeitig das Versagen der Grenzkontrollen einzugestehen. Nach ihrer Einstellung im Jahr 1969 wurde deswegen das Nachfolgeformat «Polizeiruf 110» konzipiert, das sogar über das Ende der DDR hinaus existierte. Anders als bei der Westkonkurrenz kamen Tötungsdelikte in beiden Sendungen nur ausnahmsweise vor. Vielmehr verfolgten die Ermittler meist minderschwere Verbrechen wie Einbruch, Diebstahl oder Erpressung, wobei der Fokus eher auf die Ermittlungsarbeit und weniger auf das Privatleben der Polizisten gerichtet war.

Einen anderen Ansatz verfolgte hingegen die Reihe «Der Staatsanwalt hat das Wort», denn darin wurden ausschließlich Straftaten behandelt, die von DDR-Bürgern begangen wurden. Da es sich im Kern um ein Präventionsprogramm handelte, das solche Kriminalität verhindern sollte, wurde jedes Mal erklärt, was unbescholtene Staatsbürger zu solchen Handlungen treiben konnte. Durchgeführt wurde diese psychologische Einordnung durch den Pressesprecher der Generalstaatsanwaltschaft der DDR, der die Handlungen in Form eines Monologs kommentierte. Die dadurch erzeugte erschreckend didaktische Wirkung des Formats, verhinderte dennoch nicht seine enorme Beliebtheit. Insgesamt entstanden 139 Episoden, bevor die Wende zur Einstellung führte.

Eine ideologisch noch eindeutigere Produktion trug den Titel «Das unsichtbare Visier», in der ein Stasi-Offizier in die Bundesrepublik eingeschleust wurde und dort eine Westdeutsche-Nazi-CIA-Rüstungs-Verschwörung entdeckte. Obwohl der Serie wiederholt eine herausragende Inszenierung zugesprochen wurde, verkörperte sie den Inbegriff des Kalten Kriegs aus Sicht der DDR. Den Agenten spielte zunächst Armin Mueller-Stahl. Als er jedoch bei der DDR-Führung in Ungnade fiel, übernahm Horst Schulze seine Rolle.

Mögen die Serien in Frieden ruhen!

Die nächste Ausgabe des Fernsehfriedhofs erscheint am kommenden Donnerstag und widmet sich dann der interaktiven Talkshow mit Schleudersitz.

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