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Statistisch gesehen

Unsere Nummer 22 in Oslo

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Bei der Auslosung zum «Eurovision Song Contest» durfte der deutsche Delegierte sich den Startplatz aussuchen. Traf er die richtige Wahl?

Statistisch gesehen verfügen rund 90 Prozent der Deutschen über ein eigenes Handy. Das kann ihnen vor allem im Mai von Nutzen sein, um die neuen Regeln des «Eurovision Song Contest» auszureizen.

«Unser Star für Oslo» endete vor zwei Wochen, die deutsche Kandidatin für den «Eurovision Song Contest» steht fest: Lena Meyer-Landrut, eine 18-jährige Schülerin, die sich durch die persönliche Note, die sie ihren Songs verpasste, in die Herzen des Publikums sang. Nun wurden die Startnummern für die beiden Halbfinals, an denen Deutschland nicht beteiligt ist sowie für das Finale ausgelost in einem vollkommen abenteuerlichen Modus rund um nach früheren Abstimmungsmustern sortierte Lostöpfe, halbe Halbfinals und vor allem obskure "Wildcards". Vereinfacht gesagt: Welches Land eine solche Wildcard zugelost bekam, das durfte sich seinen Startplatz aussuchen. Das Los entschied sich für Deutschland und Ralf Quibeldey als Delegationsleiter des NDR für Startplatz 22 von 25. Weit hinten. Eine tolle Sache, oder etwa nicht?

Eine weitere und nicht minder seltsame Änderung, die das reformwütige Kommittee der EBU für die diesjährige Veranstaltung eingeführt hat, lässt daran Zweifel aufkommen: Abgestimmt werden darf dieses Mal nicht erst nachdem der letzte Song vorgetragen wurde sondern bereits ab dem Start des ersten Song. Klingt irgendwie bekloppt, ist es auch. Zwar beruft sich die EBU auf ihren technischen Partner Digame, dessen Untersuchungen nach das frühe Abstimmung zu keiner Verzerrung des Ergebnisses führe, aber sind wir doch mal ehrlich: Wer nach fünf Songs seine Stimme abgibt, stimmt nicht für Song 22, selbst wenn er den hinterher besser finden sollte, denn er kennt ihn noch gar nicht! Und wenn sowieso alle bis zum Ende abwarten würden, dann hätte man die Abstimmphase gar nicht erst vorverlegt. War Quibeldeys Wahl also ein Griff ins Klo?

Zunächst einmal gilt es, dem Mythos nachzugehen, dass späte Songs einen Vorteil haben, weil die bei der anschließenden Abstimmung noch am besten in Erinnerung sind. Schließlich war das die Begründung für die Wahl der hohen Nummer und zudem eine gern gewählte Ausrede nach dem Contest, wenn man sich punktemäßig mal wieder blamiert hat. Ein Blick auf die Gewinner der letzten 20 Jahre zeigt: Der Mythos stimmt. 14 der 20 Sieger stammten aus der zweiten Hälfte des Teilnehmerfeldes, elf davon sogar aus dem letzten Drittel. Aus dem ersten Drittel kamen dagegen nur vier der 20 Sieger. Der Startplatz 22 gewann in dieser Zeit zwar nie, hatte aber ein Jahr zuvor, also 1989, mit Jugoslawien einen Sieger vorzuweisen.

Bleibt die Frage nach dem Einfluss des neuen Abstimmungssystems. Erfahrungswerte fehlen, daher bleibt nur der Griff zum statistischen Modell. Der Einfachheit halber sei einmal angenommen, dass alle 25 Finalsongs im Schnitt gleich gut ankommen und die persönlichen Präferenzen jedes Zuschauers auf reinem Zufall beruhen. Demnach hätte jeder Song eine Siegchance von 4 Prozent - nach dem alten System zumindest. Nehmen wir nun an, dass ein Zuschauer für jeden Song sofort anruft, den er für besser als alle vorherigen, also für den bis dahin besten hält. Dann fallen über 25 Prozent der Stimmen auf den ersten Song, wie die schwarzen Balken zeigen:



Ist natürlich Unfug, denn in diesem Modell würde jeder Zuschauer bereits beim ersten Song zum Telefon greifen. Realistischer fällt das Ergebnis aus, wenn wir annehmen, dass die Anrufbereitschaft linear mit der Zahl der absolvierten Auftritte steigt, wobei jeder Zuschauer einen Anruf für seinen Favoriten am Ende der Show abgibt, wenn er zwischendurch doch nicht angerufen hat. Oder gesimst. Welche Stimmanteile welchem Startplatz zufallen, zeigen die roten Balken an. Es zeigt sich erneut das, was bereits zu erahnen war: Die frühen Titel haben bei Zuschauern, die so vorgehen, klare Vorteile. Der erste Song bekommt fast doppelt so viele Anrufe wie der letzte, auch wenn sie qualitativ völlig gleich sind. Natürlich werden nicht alle Zuschauer so vorgehen, hoffentlich sogar die wenigsten. Die blauen Balken zeigen die Anrufanteile, wenn nur 20 Prozent der Anrufe nach diesem Prinzip eingehen und 80 Prozent wie bisher nach dem Ende der Auftritte und nur für den Favoriten unter allen 25 Auftritten. Sieht jetzt schon fast fair aus, aber die feinen Unterschiede sollte man nicht unterschätzen: Zwischen dem ersten und letzten Beitrag liegen hier bei einem Anrufaufkommen wie im letzten Jahr knapp 60.000 Anrufe.

Gut möglich, dass dieser neue Abstimmungseffekt den bisherigen Vorteil der späteren Startnummern aufhebt. Welcher Effekt letzten Endes wie stark einfließt, weiß aber wahrscheinlich nicht einmal die EBU. Immerhin: Einen schlechten Song kann auch eine hohe Startnummer nicht mehr retten. Oder eine niedrige. Und dann gibt es ja noch die Stimmen der Jurys, die seit letztem Jahr mit 50 Prozent in die Punktevergabe einfließen. Wie ist das eigentlich: Dürfen die ihre Stimmen nun auch schon abgeben ohne sich alle Songs angehört zu haben?

Oft steckt mehr hinter den Zahlen des TV-Geschäfts als man auf den ersten Blick sieht. Oder weniger.

Die nächste Ausgabe von Statistisch gesehen erscheint in zwei Wochen - nur auf Quotenmeter.de.


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