360 Grad

Ob Blau oder Bastard

von
Julian Miller hält die Oscar-Nominierungen von «Avatar» und «Inglorious Basterds» in der Kategorie Bester Film für ungerechtfertigt.

Die Qual der Wahl hatte man dieses Jahr beim Nominierungsverfahren für die Oscars bestimmt nicht, denn allzu viele wirklich gute Filme wurden 2009 der Öffentlichkeit nicht gerade zugänglich gemacht. Dass es sich die Academy ferner zum Ziel gesetzt hat, nun gleich zehn statt der üblichen fünf Filme in der Hauptkategorie zu nominieren, erschwerte die Lage verständlicherweise noch einmal deutlich. Doch mit «Avatar» und «Inglorious Basterds» haben es zwei Filme auf die Nominierungslisten geschafft, die es wahrlich nicht verdient haben.

Selten gab es eine derart große Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit wie bei dem CGI-geschwängerten und dabei doch todlangweiligen «Avatar». Laut Regisseur James Cameron sollte der Film das Kino revolutionieren und den Weg für eine homogene Mischung aus Computeranimation und Realfilm öffnen, womit Robert Zemeckis bereits zuvor gescheitert war. Cameron mag dabei ein unkonventioneller Visionär sein, doch ein guter Storyteller ist er nicht. Denn mehr als ein gelangweiltes Plotabhaken gespickt mit westlichem Selbsthass und einer stets pathetischen Bejahung der irren 68er-These, dass eine Entfernung der Menschen von der Natur unweigerlich zu ihrer sittlichen und moralischen Degeneration führt, hat das Drehbuch nicht zu bieten. «Avatar» ist dramaturgisch gesehen nichts weiter als eine Mischung aus «Pocahontas» und abgedrehter Phantasy und wirkt in seinem Handlungs- und Figurenaufbau schwerfällig und lustlos zusammengenagelt. Das reißen auch die besten Effekte nicht heraus, wie Wortvogel Torsten Dewi bereits vor einigen Wochen in seinem Blog treffend erläuterte. Wird «Avatar» in der Kategorie Bester Film gewinnen, – wie das schon bei den Golden Globes der Fall war, wo Cameron in seiner Dankesrede als Bester Regisseur bereits die Größe hatte, zuzugeben, dass er die Auszeichnung eigentlich nicht verdient hatte – so ist das eine unangenehme Stoßrichtung, in die sich die Academy begeben wird, da sie damit Form über Inhalt und Budget über Anspruch stellen wird.

Auch die vielen Nominierungen von «Inglorious Basterds» sorgen für Kopfschütteln, schließlich handelt es sich hier um Quentin Tarantinos mit Abstand schlechteste Regiearbeit, die selbst seinen Grindhouseschinken «Death Proof» an Stümperhaftigkeit in den Schatten stellt. Dass die Handlung vollkommen an den Haaren herbeigezogen ist und nicht einmal im Entferntesten irgendwelchen wirklichen historischen Ereignissen entspricht, ist zwar angesichts des von ihm gewählten Sujets befremdlich, aber immerhin mit etwas gutem Willen noch verzeihbar. Doch mit «Ingloriuous Basterds» verlässt das Hollywood-Wunderkind das Terrain der schockenden Avantgarde und wird zu einem x-beliebigen Goreisten, der gerne ein B-Movie-Filmer wäre, dafür aber zu hohe Budgets und zu bekannte Darsteller zur Verfügung gestellt bekommt. Waren exzessive Gewaltszenen in «Pulp Fiction», «Reservoir Dogs» und meinetwegen auch noch in «Kill Bill» essentielle Bestandteile des Konzepts, sind sie in «Inglorious Basterds» einfach nur noch stupide und sinnlos aneinandergereihte Metzelorgien, die beim besten Willen keinen tieferen Zweck als voyeuristisches Innereienbegaffen mehr erfüllen. Hört sich das etwa nach dem besten Film 2009 an?

Es bleibt zu hoffen, dass sich die Academy bei ihrer Abstimmung zu den Siegern doch noch besinnt und wirklich gutes Kino auszeichnet, wobei sie eben nicht nur an der puren Filmästhetik stecken bleiben darf. Hoffen wir, dass anders als im letzten Jahr mit «Slumdog Millionaire» nicht der triefende Kitsch zum Abräumer wird.

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