Die Kino-Kritiker

«Mrs. Taylor‘s Singing Club»

von

Mit Singen ist das Leben als Soldatenbraut noch mal so schön.

1997 konnte der britische Regisseur Peter Cattaneo mit der Komödie «Ganz oder gar nicht» einen internationalen Überraschungserfolg verbuchen. 195 Millionen Dollar wurden weltweit eingespielt, das Budget lag gerade mal bei 3,5 Millionen. Alle liebten die Geschichte von stahlharten Arbeitern, die ihren Job verlieren und sich als Striptease-tanzende Boy Group neu erfinden wollen. Das war Feel-Good-Kino vom Feinsten.

Für Cattaneo war es das auch. Er konnte nie wieder an den Erfolg anknüpfen und landete schließlich beim Fernsehen. Dich nun meldet sich der 56-Jährige auf die große Leinwand zurück, mit einer ähnlich gelagerten Geschichte. In «Mrs. Taylor‘s Singing Club» stehen nun Frauen im Mittelpunkt, die sich ebenfalls ins Rampenlicht stürzen, um ihrem Dasein einen neuen Kick zu geben. Ob die Erfolgsformel nach 23 Jahren nochmals aufgeht? Das Motto lautet auch hier: Ganz oder gar nicht.

Chor oder Kochen
Kate Taylor (Kristin Scott Thomas) ist die Ehefrau eines Offiziers und hat sich längst daran gewöhnt, dass Richard in Kriegsgebieten immer wieder sein Leben aufs Spiel setzt. Zumindest tut sie so, aber sie ist in dieser Situation nicht allein. Um den wartenden Frauen auf dem Stützpunkt etwas Zerstreuung zu bieten, hat man sich einiges einfallen lassen. Unter anderem einen Chor unter der Leitung von Lisa (Sharon Hogan), für den sich auch Kate interessiert.



Singen ist ihr allemal lieber als Zuhause den ganzen Tag am Kochtopf zu sitzen. Ihre Stimme ist zwar nicht die beste, aber das macht Kate mit ihrem Engagement wett. So schafft sie es, den Chor zusammen mit Lisa zu leiten und ihn zu professionalisieren. Das führt zunächst zu Spannungen, aber auch zu der Chance, den Chor über die Landesgrenzen bekannt zu machen.

Eine gefühlsduselige Dröhnung
Schon das Film-Plakat verrät, auf welche Zielgruppe ist dieses Erbauungswerk abgesehen hat. Vornehmlich weibliches Publikum im besten Alter, welches «Ganz oder gar nicht» damals noch miterlebt hat, sich aber noch jung genug fühlt, um sektschlürfend die Ladies-Night-Kinovorstellung zu besuchen. Dagegen ist ja grundsätzlich nichts einzuwenden, Und doch spürt man wie manipulativ hier die passenden Knöpfe gedrückt werden, ob bei der Zielgruppe jene Gefühlswallung oder diesen Lacher auszulösen. Das ist arg vorhersehbar und wirkt damit irgendwie auch billig. Auch die Konstellation der Figuren ist die althergebrachte wie man sie aus unzähligen Filmen kennt.

Da ist die Durchsetzungsfähige, der eine Schüchterne entgegengesetzt wird, die aber über mehr musikalisches Talent verfügt und sich trauen muss. Die Ulknudel bildet das Gegengewicht zur Verbitterten, und so weiter. Bis dann im Chor gemeinsam vor allem abgerockte Hits aus den Achtzigern nachgeträllert werden. Nach diversen Auseinandersetzungen und Selbstfindungsprozessen herrscht dann endlich Harmonie, um gute Gefühle aufs Publikum auszustrahlen. Schlimm bleibt nur, dass längst überholte Geschlechter-Klischees bemüht werden. Zieht der Mann in den Krieg, bleibt die Frau zuhause und sorgt sich. Das fühlt sich nun wirklich wie von vorgestern an.



Aus Feindinnen werden Freundinnen
Dass das Ganze trotzdem gut unterhält, ist natürlich zuallererst den beiden Hauptdarstellerinnen Kristin Scott Thomas und Sharon Higan zu verdanken, die zu kabbeln und schließlich versöhnen müssen. Der Star ist aber eindeutig Kristin Scott Thomas, die ins Gesamtkonzept passt. Denn ein Jahr vor «Ganz oder gar nicht» wurde auch sie mit «Der englische Patient» zum Star und sollte der Zielgruppe noch bestens bekannt sein. Die Britin stammt Übrigens selbst aus einer Militärfamilie. Ihr Vater diente bei der Royal Navy, was für sie gewiss ein Grund gewesen mag, in «Mrs. Taylor‘s Singing Club» die titelgebende Rolle zu übernehmen.

Fazit: Altbackene Tragikomödie zum Wohlfühlen, aber mit bitterem Nachgeschmack.

«Mrs. Taylor‘s Singing Club» ist ab Donnerstag, den 15. Oktober 2020, in den Kinos zu sehen.

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