Die glorreichen 6

Die glorreichen 6: Atemberaubende Amazon-Filme (Teil IV)

von   |  2 Kommentare

Nicht nur Netflix produziert Filme, auch Streaming-Mitbewerber Amazon ist im Filmgeschäft – und der entlässt sogar einen Großteil seiner Filme regulär ins Kino. Wie «The Report».

Filmfacts «The Report»

  • Regie und Drehbuch: Scott Z. Burns
  • Produktion: Scott Z. Burns, Jennifer Fox, Danny Gabai, Eddy Moretti, Kerry Orent, Steven Soderbergh, Michael Sugar
  • Cast: Adam Driver, Annette Bening, Ted Levine, Michael C. Hall, Tim Blake Nelson, Corey Stoll, Maura Tierney, Jon Hamm
  • Musik: David Wingo
  • Kamera: Eigil Bryld
  • Schnitt: Greg O'Bryant
  • Laufzeit: 120 Minuten
  • FSK: ab 12 Jahren
Der engagierte Mitarbeiter Daniel J. Jones (Adam Driver) wird von seiner Chefin, Senatorin und Vorsitzende des Geheimdiensausschusses Dianne Feinstein (Annette Bening), beauftragt, eine Untersuchung über das „Detention and Interrogation Programm“ der CIA zu leiten, welches nach den Anschlägen des 11. September 2001 ins Leben gerufen wurde, um mithilfe illegaler Verhörmethoden, zu denen auch Folter gehörte, Informationen über die Hintermänner der Attentate herauszubekommen. Jones‘ unerbittliche Suche nach der Wahrheit bringt ans Licht, wie weit der mächtigste Geheimdienst der USA bereit war zu gehen, um Beweise zu zerstören, Gesetze zu untergraben und ein schockierendes Geheimnis vor der Öffentlichkeit zu verbergen.

Auf dem Plakat von Scott Z. Burns‘ «The Report» wurde mit einem roten Stift ein Wort durchgestrichen. Wer genauer hinsieht, der kann den Begriff „Torture“ ausmachen – und unter dem Titel „The Torture Report“ sollte der Politthriller über die Foltervorwürfe gegen die CIA im Zuge der Terroranschläge vom 11. September 2001 ursprünglich auch ins Kino kommen. Doch dann griff der Filmemacher (Produzent von u.a. «Side Effects» und «Die Geldwäscherei» sowie Drehbuchautor von «Der Informant») in seinem erst zweiten Langspielfilm seit 2006 bereits für seine Vorspannsequenz auf den visuellen Effekt zurück, vor den Augen des Zuschauers einige Passagen schwärzen zu lassen; ganz so, wie man es im hochinvestigativen Journalismus, wie ihn etwa die Hauptfigur Daniel J. Jones in «The Report» betreibt, mit den kritischen Stellen unternimmt, damit nur das nach außen dringt, was nach außen dringen soll. Das Plakat von «The Report» trägt sein wichtiges Anliegen also mit stolz geschwellter Brust vor sich her – und kündigt an, dass der damit beworbene Film vielleicht plakativer ausfallen könnte, als es dem ohnehin schwierigen Thema guttun würde.

Schwierig deshalb, weil ja darüber, ob man schweren Gewaltverbrechern wie etwa Terroristen (oder Leuten, von denen man zumindest glaubt, dass sie welche sind) ruhig Gewalt antun darf, um Informationen aus ihn herauszupressen. Doch interessanterweise stellt der auch für das Skript verantwortliche Burns diese Frage gar nicht erst. «The Report» ist durch und durch ein Film über die Wichtigkeit des investigativen Journalismus.

Zu sagen, «The Report» nähme also keine klar erkennbare Position zu den Foltervorwürfen gegen die CIA (unter anderem im Abu-Ghuraib-Gefängnis) ein, würde der Penibilität, mit der Scott Z. Burns hier die wahren Ereignisse nacherzählt, jedoch nicht gerecht werden. Was er allerdings tut, ist den Fokus wegrücken von der moralischen Frage. Stattdessen macht er sich die journalistische Arbeit seines Protagonisten zum Fokus und erlaubt sich hierfür eine noch nahbarere, bisweilen sehr persönliche Perspektive; anders als etwa Tom McCarthy im ähnlich angelegten «Spotlight». In dem Oscar-nominierten Drama rund um die Aufklärung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche von Boston verließ sich der Filmemacher auf eine fast dokumentarische Nacherzählung, für die der persönliche Background der Reporter keinerlei Rolle spielte. Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams und Liev Schreiber blieben in «Spotlight» vollends auf ihre Funktion als Journalisten reduziert – und das machte in diesem Zusammenhang absolut Sinn, denn bei vier im Fokus stehenden Hauptfiguren hätte eine Emotionalisierung im Privaten das eigentliche Thema in den Hintergrund rücken können.

In «The Report» steht nunmehr eine Einzelperson im Mittelpunkt. Und das ermöglicht es Burns, ihr bisweilen auch aus seinem Reporter-Status herauszuholen und aufzuzeigen, wie die Ereignisse Einfluss auf ihn als Privatmensch haben. Doch «The Report» ist letztlich kein Film über Daniel J. Jones und somit nur sehr bedingt eine klassische Heldengeschichte. Mit seiner zurückgenommenen Performance stellt sich Adam Driver («The Dead Don’t Die») ganz bewusst in den Dienst des eigentlich wichtigen Parts: der Aufklärung eines Politskandals.

Um diese Auswüchse des Skandals zu veranschaulichen, greift Scott Z. Burns bisweilen auf rabiate Mittel zurück. Ganz ohne voyeuristische, geschweige den die Gewalt zelebrierende Aufnahmen sorgt Kameramann Eigil Bryld («Tulpenfieber») für in ihrer Nüchternheit umso erschreckender erscheinende Bilder, für die Burns einige besonders heftige Foltermethoden visualisiert. Doch noch weniger als die hier gezeigte Gewalt ist die Nüchternheit, mit der die dato anwesenden CIA-Männer die ihnen vorgesetzten Opfer (und Täter?) folterten. Hier gelingt Burns eine aussagekräftige Antithese zur Eröffnungssequenz vom thematisch eng verwandten «Zero Dark Thirty», in dem die Folterer vorwiegend aus diese Taten genießenden Vaterlandsgefolgsmännern bestanden. Zu sehen, wie die Ausübung von Gewalt die absolute Routine darstellt, ist von viel größerer Aussage und unterstreicht letztlich auch die gesamte Inszenierung von «The Report»: Scott Z. Burns geht es mit seinem Film nicht darum, möglichst spektakulär einen Politskandal zu inszenieren und das Publikum mit Effekthascherei zu schockieren. Sein Film funktioniert genau über das Gegenteil.



Über viel Dialog, viele lediglich wörtlich formulierte Details und darüber, dass man an der Seite des Protagonisten begreift, wie viele Zahnräder erst ineinandergreifen mussten, damit sich die CIA am geltenden Recht vorbei auf derart menschenverachtendes Terrain begeben konnte. Hier ist der Papierkrieg spannender als jede Schießerei oder spektakuläre Autoverfolgungsjagd.

Dass dieser Ansatz so hervorragend funktioniert (und «The Report» ganz nebenbei nicht nur zu einem der wichtigsten, sondern auch zu einem der spannendsten Filme 2019 macht), liegt nicht zuletzt an der auf den Punkt abgelieferten Performance von Adam Driver. Der sich seit einigen Jahren als absoluter Tausendsassa entpuppende Mime (allein in diesem Jahr ist er neben «The Report» sowohl in einer Zombiekomödie, in einem herben Scheidungsdrama sowie in einer Big-Budget-Weltraumoper zu sehen) hält sich hier mit den großen Gesten zurück und geht voll und ganz als gleichermaßen zurückhaltender wie hochengagierter Journalist auf, der einzig und allein dem Ziel nachjagt, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Die kurzen aber prägnanten Momente des Zweifels macht Driver ebenso greifbar wie seine vom Ehrgeiz angetriebenen Stunden und Wochen der Recherche, in denen er sich von seiner Außenwelt abgrenzt und bisweilen fast in eine Manie verfällt, aus der er sich zu Gunsten der Sache jedoch stets im richtigen Moment befreien kann. Sein Daniel J. Jones ist widersprüchlich aber nie unglaubwürdig – kurzum: menschlich.

Und mit dieser Menschlichkeit im Rücken kann Scott Z. Burns den ganzen Sachverhalt rund um die Foltervorwürfe auf Augenhöhe mit den Zuschauern an sie herantragen. So wirken die sonst immer so weit weg anmutenden Vorkommnisse hinter verschlossenen Türen auf einmal ganz nah an uns dran und die Frage, ob derartige Methoden angewandt werden sollten, muss man nicht einmal mehr aufwerfen, um sie für sich zu beantworten. Einer der wichtigsten Filme des Jahres!

«The Report» ist via Amazon Prime abrufbar.

Kurz-URL: qmde.de/114528
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Es gibt 2 Kommentare zum Artikel
Nr27
22.12.2019 18:17 Uhr 1
Starker Film mit einem überragenden Adam Driver. Leider im Kino total gefloppt, ich war der einzige Besucher in meiner Vorstellung und insgesamt gab es in Deutschland wahrscheinlich keine 10.000 Zuschauer (ich weiß noch, daß es am Startwochenende gut 2000 waren) ...
frauke.scheunemann
31.12.2019 16:37 Uhr 2
Liebe Frau Wessels,

der Film handelt nicht von einem investigativen Journalisten. Daniel Jones war als Beamter mit dem Bericht betraut. Das tut dem Film selbst keinen Abbruch, der Rezension allerdings schon, denn das ist doch ein substantieller Unterschied. Vielleicht mögen Sie es ändern.

Herzliche Grüße

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