Die Kino-Kritiker

«Der Leuchtturm» - Wahnsinn in schwarz-weiß

von

Nach seinem umjubelten Regiedebüt «The Witch» legt Regisseur Robert Eggers mit «Der Leuchtturm» nach und liefert ein weiteres Mal unkonventionelle Horrorkost ab, die die Genregrenzen nicht nur sprengt, sondern in Luft auflöst.

Filmfacts: «Der Leuchtturm»

  • Start: 28. November 2019
  • Genre: Drama/Horror
  • FSK: 16
  • Laufzeit: 109 Min.
  • Kamera: Jarin Blaschke
  • Musik: Mark Korven
  • Buch: Max Eggers, Robert Eggers
  • Regie: Robert Eggers
  • Darsteller: Willem Dafoe, Robert Pattinson, Valeriia Karaman
  • OT: The Lighthouse (CAN/USA 2019)
Neben «Hereditary»-Regisseur Ari Aster und «Get Out»-Mastermind Jordan Peele gehört Robert Eggers aktuell wohl zu den aufregendsten Horrorregisseuren der Gegenwart. Der Grund: Sein Debüt «The Witch» wurde von der Presse bisweilen als einer der besten Horrorfilme seiner Dekade bezeichnet und generierte im Feuilleton ähnlich viel Lob wie die Werke der beiden erstgenannten Filmemacher. Trotzdem hat Eggers einen recht schweren Stand beim Publikum. Von diesem erhielt das besagte Horrordrama nämlich nur eine unterdurchschnittliche CinemaScore-Bewertung (CinemaScore ist ein Marktforschungsunternehmen der US-Kinobranche, das es Zuschauern nach einem Kinobesuch ermöglicht, den gerade gesehenen Film zu bewerten) von C-, was in etwa einer deutschen 3- entspricht. Auf die Idee, es mit seinem zweiten Film nun auch dem nach Jumpscares und schnellen Schocks gierenden Mainstreampublikum recht zu machen, kommt Eggers mit «Der Leuchtturm» nicht. Das Skript zu dem mit Willem Dafoe («Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit») und Robert Pattinson («Good Time») besetzten Zwei-Personen-Stück war sogar eher fertig als jenes zu «The Witch», da Eggers befand, sein Leuchtturminsel-Kammerspiel sei im Zweifelsfall einfach leichter zu finanzieren, als seine immerhin etwas üppiger ausgestattete Hexenmär.

Nun kommen wir vier Jahre nach Eggers‘ Debüt in den sicherlich streitbaren Genuss einer schauspielerischen Tour-de-Force, die die Genregrenzen zwischen Horror, Psychodrama und morbider Komödie nicht bloß sprengt, sondern einfach ganz auflöst.



Ganz weit draußen


Ein entlegener Leuchtturm-Außenposten an der Küste Neuenglands wird zum Schauplatz eines archaischen Duells zweier dem Wahnsinn nahen Männer. Thomas Wake (Willem Dafoe) und Efraim Winslow (Robert Pattinson) werden auf eine einsame Insel gesandt, um eine marode Leuchtturmanlage zu warten und in Betrieb zu halten. Zur Zeit der Jahrhundertwende an der rauen Atlantikküste ist das eine wichtige Aufgabe, die sich mehr und mehr in einen Überlebenskampf verwandelt. Die zwei extrem unterschiedlichen Charaktere prallen ungebremst aufeinander und als ein nicht enden wollender Sturm über sie hinwegzieht, wird aus psychologischen Sticheleien schon bald ein brutaler Nervenkrieg.

Alles beginnt damit, dass wir den beiden Leuchtturmwärter Thomas und Efraim dabei zusehen, wie sie mit dem Schiff durch die stürmische See zur Insel fahren, hier Quartier beziehen und insbesondere der Neuling Efraim auf eigene Faust die Insel erkundet. Gesprochen wird wenig. Auch über die gesellschaftlichen sowie emotionalen Hintergründe der beiden Männer erfahren wir sowohl zu Beginn als auch im weiteren Verlauf nur bruchstückhaft Dinge, wodurch es sich Regisseur und Autor Eggers einfach macht, eine Szenerie diffusen Unbehagens zu kreieren. Doch nicht nur die Frage, was das hier eigentlich für Menschen sind, mit denen das Publikum nun mehr als eineinhalb Stunden allein auf dieser Insel verbringen soll, ist aufgrund ihrer kaum möglichen Beantwortung Quelle von Skepsis und Anspannung. Auch die Insel mitsamt ihrer tierischen Bewohner macht früh Andeutungen, nicht einfach bloß ein naturbelassenes Fleckchen Erde zu sein. Über kurz oder lang müssen diese zwei Naturgewalten zwangsläufig aufeinanderprallen.

Insbesondere die Begegnungen zwischen Robert Pattinsons Efraim und einer ihn permanent beobachtenden Möwe (die vielleicht auch einfach nur immer wieder zur falschen Zeit am falschen Ort ist?) steigern sich mithilfe von langen, perspektivisch mitunter verzerrten Kameraeinstellungen in eine nahezu surrealistische Spannung hinein, die trotzdem nie forciert wirkt. Eggers beobachtet einfach die Eskalation; das starke Spiel seiner Darsteller, die optisch berauschende Kulisse und die minimalistische Tonuntermalung (von einem Score zu sprechen, wäre zu viel des Guten) machen den Rest.

Oscarwürdiges Schauspiel in oscarwürdiger Kulisse


Neben den spektakulären Darstellerleistungen von Robert Pattinson und Willem Dafoe, die sich hier gegenseitig – im wahrsten Sinne des Wortes – in den Wahnsinn treiben und deren mimische Performance sichtbar kraftraubend anmutet, ist einer der wohl größten Vorzüge von «Der Leuchtturm» die virtuose Kameraarbeit. Eggers‘ Stammkameramann Jarin Blaschke («The Witch») verlässt sich in diesem ohnehin sehr reduzierten Setting einer einzigen und noch dazu architektonisch äußerst simpel gehaltenen Felseninsel auf die Ausdruckskraft des körnigen Schwarz-Weiß, das im fast quadratischen 1.2:1-Format (so gesehen etwa auch in Xavier Dolans Drama «Mommy») die ohnehin äußerst beklemmende Atmosphäre auf der Insel zusätzlich verstärkt. Es sorgt dafür, dass die sich im Inneren des Leuchtturms einstellende, klaustrophobische Enge auch dann nicht verschwindet, wenn sich Thomas und Efraim unter freiem Himmel bewegen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt will man hier ohnehin einfach nur weg, weil man längst realisiert hat, dass diese beiden Männer tickende Zeitbomben sind.

Dann schmeißen sie sich hässlichen Seemannsgarn an den Kopf, drohen, spucken, streiten (manchmal auch auf eine bemerkenswert lustige Art) – und forcieren Momente höchster Intimität, denen jedoch immer auch die stille Bedrohung innewohnt. Zwei weniger fähige Darsteller hätten diesen emotionalen Spagat niemals derart intensiv hinbekommen, wie Dafoe und Pattinson. Ihr Spiel hier ist in seiner Manie und Aufopferungsbereitschaft mindestens Oscar-würdig.

Dabei zuzusehen, wie Efraim und Thomas in einer angsteinflößenden Mischung aus lovecraftesken Visionen und dem Albtraum Einsamkeit nach und nach dem Wahnsinn verfallen, ist ein Kinoerlebnis der ganz besonderen Art, zu dem auch die sich in Mark und Bein bohrende Soundkulisse aus Meeresgeräuschen und dem Leuchtturmsignal einen entscheidenden Teil zu beiträgt. Und dass man als Zuschauer eines Robert-Eggers-Films nicht mit reißerischen Jumpscares oder anderweitigen Schockeffekten rechnen sollte, erklärten wir bereits zu Beginn dieser Kritik. Im Falle von «Der Leuchtturm» geht der Filmemacher allerdings noch ein Stück weiter und arbeitet sich anders als noch in «The Witch» nur sehr bedingt zu einem bestimmten Ziel hin. Sein Film ist eine Ode an den Seemannsgarn und bisweilen auch Teile der griechischen Mythologie, belohnt den Zuschauer dabei allerdings nicht mit besonderen Erkenntnissen. Auch eine klassische „Auflösung“ geschweige denn so etwas wie einen Twist gibt es hier nicht, wenngleich es von Anfang an sogar Andeutungen in diese Richtung gibt.

«Der Leuchtturm» ist kein klassisches Erzählkino, sondern ein mit sämtlichen Sinnen zu erfassendes Erlebnis, eine Erfahrung, ein Gefühl. Wer sich darauf einlassen kann, der erlebt mit Willem Dafoe und Robert Pattinson eine gute Zeit auf einer einsamen Leuchtturminsel, sollte aber gewarnt sein: Nicht, dass der Wahnsinn, auf den man 109 Minuten starrt, irgendwann in einen zurückblickt…

Fazit


Wer sich auf den herausragend fotografierten «Der Leuchtturm» einlassen will, sollte sich sicher sein, dass er nicht den nächsten Horrorreißer erwartet, sondern ein beklemmend-unheimliches Psychogramm der Einsamkeit, in dem sich zwei wahnsinnige Schauspieler gegenseitig um den Verstand spielen.

«Der Leuchtturm» ist ab dem 28. November in den deutschen Kinos zu sehen.

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