Die Kritiker

«Perfect Life»

von

In seinem Heimatland Spanien und beim französischen Serienfestival Cannes Series war der VOX-Neustart schon ein durchschlagender Erfolg. In Deutschland verdient er ein ebenso großes Publikum.

Cast

Leticia Dolera als María
Celia Freijeiro als Cristina
Aixa Villagrán als Esther
Enric Auquer als Gari
David Verdaguer als Gustavo
Font García als Pablo
Manuel Burque als Xosé
Wenn man gemeinsam mit seinem Partner gerade einen Kreditvertrag mit einer Laufzeit von nahezu dreißig Jahren unterschreiben soll, ist ein guter Zeitpunkt gekommen, um noch einmal in sich zu gehen und sich gut zu überlegen, ob das alles wirklich was fürs Leben ist. Stellt man sich vor, wie viele Lebensläufe daran zerschellt sind, dass man im falschen Moment mit einer Wird-schon-schiefgehen-Einstellung seine Unterschrift unter einen Versklavungsvertrag gesetzt hat, kann einem ganz schwummrig werden. So wie Gustavo (David Verdaguer), der im letzten Moment beim Notartermin die Reißleine zieht und nicht nur seine Beziehung mit María (Leticia Dolera) aufkündigt. Auch wenn er hinsichtlich der spezifischen Beweggründe nicht so recht mit der Sprache rausrücken will, weiß sie natürlich genau, woran es liegt. Der Disput hat sexuelle Ursachen. Keine Sorge, «Perfect Life» wird an dieser Stelle wesentlich konkreter, aber wir wollen ausnahmsweise jugendfrei bleiben.

Angesichts dessen, dass diese Serie noch die ähnlich anzüglich-abstrusen Geschichten aus dem Leben von Marías Schwester (Aixa Villagrán) und ihrer besten Freundin (Celia Freijeiro) erzählt, bleibt das erwartungsgemäß nicht die einzige Passage, in der es in allerhand schlüpfrigen Momenten richtig zur Sache geht. VOX tut gut daran, dieses Format nicht vor 22.00 Uhr zu senden, um es nicht durch jugendfreie Schnitte zu verstümmeln. Denn anders als in vielen allzu gewollt skandalträchtigen Formaten – man denke an die gezwungene Tabubruchmaschine «jerks» – ist die Freizügigkeit und Direktheit in «Perfect Life» ein wichtiges Mittel zu ihrem wesensimmanenten Zweck: die Aussöhnung von Authentizität und Überdrehtheit.

Am besten kennt man eine ähnliche Ambition vielleicht von den Filmen von Spaniens populärstem Regisseur Pedro Almodóvar, die oft nur minimal dem Tatsächlichen entrückt wirken, aber gleichsam weit genug von der Realität entfernt sind, um sie durch ihre künstlerische Verfremdung mit gebührendem Abstand reflektieren zu können. In ähnlicher Manier ist «Perfect Life» schonungslos alltäglich und völlig abgedreht zugleich. Diese Serie findet ihren Witz im Tragischen, in missglückter Erotik, im Ekligen wie im Peinlichen gleichermaßen.

Im Prinzip macht dieses spanische Format genau da weiter, wo «Desperate Housewives» und «Gooische Vrouwen» vor einigen Jahren aufgehört haben, nur eben von der ersten Minute an viel kompromissloser, konsequenter und näher an seinen Figuren. Dass neben all den kuriosen Verwicklungen, den sehr gut übersetzten stakkatohaften spanischen Dialogen und der erzählerischen Schonungslosigkeit essentielle Themen gleichsam subtil, aber unübersehbar verhandelt werden, ist ein weiterer Gewinn. Man merkt: Hier hat sich Erfinderin, Autorin, Hauptdarstellerin und Regisseurin Leticia Dolera vollkommen auf ihre Figuren eingelassen. Das Ergebnis ist nicht weit von der televisionären Perfektion entfernt.

VOX zeigt acht Folgen von «Perfect Life» (spanischer Originaltitel: «Vida perfecta») mittwochs ab dem 20. November um 22.00 Uhr, jeweils in Doppelfolgen.

Kurz-URL: qmde.de/113774
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