Die Kino-Kritiker

«Die Eiskönigin II»: Pflügt Disney neue Pfade oder führt uns das Studio aufs Glatteis?

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Es war einmal ein Filmkritiker, der sich liebend gerne mit der Trickfilmkunst und Disney befasste. Doch es gab einen Milliardenerfolg, den er hasste. Nun wird der Film fortgesetzt. Ist unser Kritiker etwa wieder entsetzt?

Filmfacts «Die Eiskönigin II»

  • Regie: Chris Buck, Jennifer Lee
  • Produktion: Peter Del Vecho
  • Drehbuch: Jennifer Lee
  • Story: Chris Buck, Jennifer Lee, Marc E. Smith, Kristen Anderson-Lopez, Robert Lopez
  • Songs: Robert Lopez, Kristen Anderson-Lopez
  • Score: Christophe Beck
  • Laufzeit: 103 Minuten
  • FSK: ohne Altersbeschränkung
Unsere Geschichte spielt an einem gräulich verregneten Tag irgendwo in Kritikerhausen. Sidney hat gerade eben «Die Eiskönigin II» gesehen. Aber gratuliert ihm nicht zu früh. "Tja. Ich kann ja nicht alles mögen, was Disney macht", raunzt Sidney in seinen buschigen Bart, und winkt der Presseagentin zum Abschied. Der Presseagentin, der er in den vergangenen Monaten auch gesagt hat, dass er «Maleficent: Mächte der Finsternis» grauenvoll fand und dass Jon Favreaus «Der König der Löwen» in seinen Augen eine kreative Bankrotterklärung darstellt. Autsch, keine gute Zeit, um für das Haus der Maus Sidneys Gedanken zu sammeln.

Eine Stimme ruft: "Aber, Sidney!" Es ist eine junge Kollegin, eine, die es 2013 nicht miterlebt hat, wie unser Kritiker nach der Pressevorführung von «Die Eiskönigin – Völlig unverfroren» eine mittelschwere Sinnkrise erlebt hat: "Es ist Disney, es ist animiert, es wird gesungen, was kannst du daran nicht lieben?" Die Augen des einen Donald-Duck-Pullover tragenden Schreiberlings verengen sich zu Schlitzen, während er und die Kollegin aus dem Foyer spazieren. Er schnauft kurz durch. "Weißt du: Der Film ist schwierig", befindet Sidney, was mit einem fragenden Blick begrüßt wird. "Findest du? Also, ich war ganz verzaubert und werde mir sofort den Soundtrack kaufen, sobald er raus ist", antwortet sein gegenüber. "Tja, und ich … Ich respektiere den Film weniger als «Die Eiskönigin». Aber ich mag ihn mehr", meint Sidney. Woraufhin er noch ratloser angeblickt wird.

Eine Mär angenehmerer Charaktere


Ein weiterer Kritiker kommt angestürmt. Er ruft: "Wartet, wartet! Das muss ich mir anhören!" Seit Jahren hat er diebische Freude daran, wenn der sich meist um freundliche Formulierungen bemühte Sidney seinen Geduldsfaden verliert und auf einen Film eindrischt. So wie damals auf «Die Eiskönigin», was keiner der Anwesenden verstehen konnte. "Ich habe etwas von 'weniger respektieren' gehört, und jetzt bin ich heiß auf mehr", sagt der Nachzügler mit frechem Grinsen. "Nun seid doch nicht so gemein", seufzt die Kollegin, die kurz vor dem Anfang unserer Geschichte eine glühende Lobeshymne auf «Die Eiskönigin II» von sich gegeben hat.

"Sorry, Junge, bevor ich dir deine Freude gönne, herum zu maulen, will ich ihr erst einmal beweisen, dass ich nicht nur grantle", meint Sidney. "Also: Ich hasse Anna und Kristoff nicht mehr." Als Sidney das sagt, wird er von einem schockierten Ausruf unterbrochen: "Moment! Du hast Anna und Kristoff gehasst?!" Er erklärt: "Ja. Das war einer meiner riesigen Nervpunkte an «Die Eiskönigin». Da haben wir diese dramatische, eloquente, komplexe, spannende Figur Elsa – und alle um sie herum sind nervige, dumme, hibbelige Comic-Relief-Charaktere. Was soll das?!" "Aber Anna ist doch auch komplex, sie will für ihre Schwester da sein und dass sie auch für sie da ist, aber …", erwidert seine Kollegin. "Ich weiß, ich weiß", unterbricht Sidney. "Auf dem Papier sehe ich das – aber in der Umsetzung nicht. In der Umsetzung ist sie für mich eine nervige, schrille, unter Dauerkoffeinschock stehende Klette. Es tut mir leid. Es tut mir leid, ich will so nicht fühlen – und doch drücke ich jedes Mal, wenn ich «Die Eiskönigin» sehe, meine Daumen dafür, dass Anna am Ende stirbt. Sorry!"

Er sieht die enttäuschten Augen seines Kollegen, der zwar Sidneys gemeinere Seite amüsant findet – aber nun einmal Anna-Fan ist. Sidney schwenkt daher zurück zum Positiven: "Aber hier hat mir Annas Entwicklung gefallen. Weitestgehend – gegen Ende wird ihr sehr bemüht Ruhm zugeschustert. Aber sonst fand ich sie nett. Generell finde ich sehr gut, dass die Figuren in «Die Eiskönigin II» gewachsen sind. Man merkt, dass drei Erzähljahre zwischen Teil eins und zwei liegen. Die Figuren haben sich weiterentwickelt. Sie haben sich eingelebt."

Der «Die Eiskönigin»-Gegner erläutert weiter: "Elsa ist weiterhin unterkühlt, aber etwas lockerer im Umgang mit ihrem Umfeld. Anna klammert immer noch – aber man sieht, wie sie dazugelernt hat, wie sie nun versteht, dass sie nicht immer alle mit ihrer vollen Gefühlspackung erschlagen soll. Und doch ist sie die Alte, überdreht manchmal. Als sie am Anfang des Films nach dem gemeinsamen Spieleabend auf Elsa zugeht, ist sie hibbelig, sie gerät ins Plappern und Brabbeln, doch sie bremst sich selber und beteuert Elsa gegenüber, dass sie es gut meint und sie erfindet Entschuldigungen für ihre Schwester. Sowas hat mir gefallen!"

"Ja! Das war toll. Die Figuren wirken in ihrem Umgang zueinander so echt", freut sich die «Die Eiskönigin II»-Fankollegin in diesem Dreiergespann. "Genau", fügt Sidney hinzu. "Und so hat «Die Eiskönigin II» es geschafft, dass ich zu Beginn etwas aufgetaut bin. Nach Teil eins habe ich alle außer Elsa gehasst. Und dennoch war ich hier nach dem ersten Akt willens, Zeit mit den Figuren zu verbringen. Anna … hatten wir ja eben. Olaf ist kein dummes Kind mehr, sondern ein prätentiös daherschwafelnder, dennoch ahnungsloser Fast-Teenager. Das fand ich … leichter auszuhalten. Manche Gags saßen! Und Kristoff …" Sidney pausiert lange. "Kristoff … hat sich auch verändert. Ich kann nicht benennen, wie. Aber er ist reifer geworden seit Teil eins."

"Ich liebe den Running Gag, wie er Anna sein Herz ausschütten will, sie aber damit wütend oder panisch macht, weil er seine Worte sehr unglücklich wählt", fügt die Kritikerin hinzu. "Siehste", meint Sidney. "Ich mochte den Running Gag. Und das ist schon was. Überleg mal: Du liebst den ersten Film, also freut dich natürlich das Wiedersehen mit diesen Figuren enorm. Ich habe Teil eins gehasst – es müssten massive Dinge passieren, damit ich sie auf einmal liebe. Aber: Weil sie am Anfang des Films so sehr menscheln und nicht mehr die tumben Dummbatze sind, hasste ich sie nicht mehr. Wenn Kristoff und Anna also einen klassischen Sitcom-Gag wieder aufwärmen – naja, das Timing stimmt, die Missverständnisse zwischen ihnen sind plausibel … Ich kann es nicht lieben, dafür fehlt mir das Sympathie-Fundament. Aber ich mag es. Und Olaf macht ein paar gute Meta-Gags."

"Etwa, wenn er den ersten Teil …", setzt Sidneys Kollegin an. Er unterbricht: "Oh nein, das war mir zu viel, es hat den Film ausgebremst, es war mir zu sehr die 'Hier ist eine Figur, die ihr alle liebt, und nun brabbelt sie und brabbelt sie'-Karte ausgespielt und dann ist die Idee zum Gag ja von «Ant-Man» geklaut. Nein. Aber ich mochte zum Beispiel, wenn Olaf seine Freunde nachmacht. Oder er fast in die Kamera guckt und anmerkt, dass alle (im Publikum) älter geworden sind."

Sidney wird quasi unisono von seinen Wegbegleitern gefragt: "Und darum magst du den Film mehr? Weil die Figuren dich nicht nerven?" Er nickt. "Wisst ihr, das fasst es praktisch zusammen. Die Figuren rund um Elsa sind nicht mehr alle völlig daneben. Die Trolle kommen kaum vor und sie singen nicht. Mich ärgert etwas, dass Olaf als dezent gereifter eingeführt wird, doch wenn das eigentliche Abenteuer beginnt, verlernt er wieder vieles. Das war doof. Aber generell ist die Interaktion der Figuren besser. Die Dialoge sind – vorm Finale jedenfalls – nicht mehr so verkrampft. Ich konnte mir das alles bequemer anhören als den ersten Teil, bei dem sich mir alles zusammenzog … Sorry, ich weiß, ihr seht das anders – ich bin da eine Minderheit. Dennoch. Dialoge? Besser! Und die Optik!"

"Oh ja!", schwärmt es sich in Kritikerhausen vor sich hin. Sidney schwadroniert: "Der erste Teil sah manchmal klobiger aus als «Rapunzel», obwohl «Rapunzel» zuerst kam. Hier ist die Winterwelt detaillierter, wir haben diese schöne, urige Herbstwelt, in der auch ein Fantasy-Abenteuerfilm spielen könnte. Die Gesichter sind detailverliebt animiert und vor allem Anna und Elsa haben so eine flüssige Mimik und Gestik. Und dann halt die «Fantasia»-esken Szenen, ihr wisst schon?" Seine Kollegin und sein Kollege nicken, denken an die zauberhaften Bilder zurück, wenn vor nachtblauem Hintergrund magische Trickgebilde herbeigezaubert werden. Doch Neugier tötet den Augenblick des Konsens. "Aber wieso respektierst du den Film denn weniger als Teil eins, wenn du ihn mehr magst?", fragt die «Die Eiskönigin II»-Fanstimme, wissend, dass nun nichts folgen wird, das ihr gefallen dürfte. Aber man kann sich ja zivilisiert über solche Differenzen austauschen!

Es waren einmal … Storybemühungen


"Also, ich hoffe, ich mache dir jetzt nicht den Film kaputt ...", fängt Sidney in stammelndem, empathischem Tonfall an, während er zu seiner Kollegin schaut. Sie entgegnet: "Keine Sorge, das schaffst du nicht. Ich will nur wissen, wie jemand, den ich als Disney-Animationsfan sehen würde, diesen Film hassen kann. Auch dafür sind doch Kritiken da, nicht wahr?" Beruhigt beginnt Sidney seinen Monolog: "Vor Jahren habe ich von einer mir sehr werten Disney-Liebhaberin folgenden Kritikpunkt am modernen Disney gehört: 'Früher hat man nie die Prinzessinnen als Kinder gesehen. Seit es die Disney-Princess-Merchandise-Reihe gibt, sehen wir jede neue Disney-Prinzessin als kleines Kind. Zufall?' Und seither gibt es folgenden Moment, in dem ich sehr früh erahne, wo mein Fazit hingehen könnte. Sehe ich während der auf einmal obligatorischen 'Protagonistin als Kind'-Szene vor meinem geistigen Auge, wie jemand im Disneyland ein Regal mit Baby-Püppchen füllt, oder bleibe ich in der Geschichte?"

"Das ist aber zynisch!", zischt Sidneys Kollege, der doch genau das erwartend herbei geeilt ist. "Nein, nein, nein, du missverstehst", beschwichtigt Sidney. "Ich gehe nicht mit verschränkten Armen ins Kino und warte darauf. Es ist eher so: Ich bin im Kino, will unterhalten werden – und entweder bleibe ich gedanklich im Film und alles ist okay, oder ich werde aus der Erzählung geschubst und suche nach Erklärungen, weshalb ich Distanz schaffe. Und bei diesem Szenentypus ploppt halt die Erinnerung an besagtes Statement in meinen Gedanken auf. In «Küss den Frosch», «Rapunzel» und «Vaiana» hatte mich das Storytelling."

Weiter meint der sich nun in Rage redende Kritiker: "Hier hingegen habe ich die Szene gesehen, habe angefangen, mich nach dem Sinn der Szene zu fragen und dann sah ich vor meinem geistigen Auge, wie man versucht, einen zweiten Schwall Anna-und-Elsa-in-jung-Puppen zu verkaufen. Denn, jaja, die Szene führt rekursiv ein für die Schwestern soooo wichtiges Gute-Nacht-Lied ein, von dem wir in Teil eins seltsamerweise nichts gehört haben, sowie ein entscheidendes Stück Hintergrundgeschichte für ihr Königreich. Aber es wirkte so forciert, so 'verkaufend'. Als hätte es keinen galanteren Weg gegeben, Elsas Abenteuerlust im Jetzt der Story zu wecken und vergangene Dinge zu hinterfragen. Und so erging es mir mehrmals im Film. Immer wieder habe ich mich gefragt: 'Wollt ihr das wirklich mit Herzblut erzählen, oder habt ihr da kalkuliert?' Und wenn mich ein Film so sehr aus der Story kegelt, dass ich über sowas nachdenke, muss er was falsch machen."

"Was fandest du denn kalkuliert?", fragt Sidneys Kollegin. Aber da unser Trio nun durch die Öffentlichkeit spaziert, spricht Sidney um den heißen Brei herum, um niemanden zu spoilern, der vielleicht ungewollt hinhört: "Erinnert ihr euch, wie «Thor – Tag der Entscheidung» tief in seinem Inneren, irgendwo unter all den Gags und Actionszenen und der Buddy-Komödie zwischen Thor und Hulk so ein bisschen von Kolonialismus handelt? Ich habe in «Die Eiskönigin II» manchmal gedacht: Oh, das Disney-Trickstudio behandelt das Thema konkreter und gewichtiger als der neuseeländische Indie-Regisseur, der mal einen Marvel-Film machen durfte. Und dann … lässt dieser Film alles fallen."

Sidney atmet kurz auf und klagt weiter: "So nach dem Motto: 'Wir wollen die Anerkennung, dass wir nach dem Thema, dass Schwesterliebe mindestens so wichtig ist wie romantische Liebe, unserem gealterten Kernpublikum nun schwerere Konflikte zutrauen. Aber das reicht dann auch, wer muss sich schon da rein steigern ..?' Wann immer es der einfachere Weg wäre, eine thematisch und storytechnisch losgelöste Comedy-Nummer zu bringen, kommt auch sowas. Wenn die Standard-Trickfilm-Musicalmärchen-Struktur einen traurigen Moment diktiert, kommt hier auch einer. Es wird pflichtgemäß ausgeführt, aber man fühlt sich diesen Ideen nach ihrer Ausführung selten weiter verpflichtet." Sidney fragt: "Ihr habt die Szenen vor Augen, die ich meine, oder?" Halb nickend, halb schulterzuckend erhält er nonverbale Antworten.

Er führt fort: "Genauso kommen mir die Lieder, von Elsas kraftvollen Solonummern ausgenommen, hier sehr nach Baukasten vor. Ja, die Lieder in Teil eins haben mich genervt, aber ich habe sie dem Film abgekauft. Hier hören sich die Lieder aller Figuren, die nicht Elsa sind, wie aus dem Musical-Einmaleins abgekupfert an. Daher habe ich weniger Respekt vor «Die Eiskönigin II» als vor Teil eins, selbst wenn ich «Die Eiskönigin II» mit weniger Leid noch einmal durchstehen würde: Das Gemenschel zwischen den handlunsgrelevanten oder charakterändernden Szenen ist oft kurzweilig, aber die Wendemomente zum Guten oder zum Schlechten wirken so verkrampft und unaufrichtig."

Kopfschüttelnd zählt Sidney auf: "Ich sehe eine knuffige Feuerechse, die aber nichts zur Story beiträgt, die auch nicht als Gaglieferant dient, oder Figuren aus der Reserve lockt, und denke: 'Hm. Was sollte das jetzt, außer zehn Sekunden süß zu sein?' Ich höre ein trauriges Lied, das klingt, wie das Grundgerüst eines trauriges Liedes – und leide nicht etwa mit, sondern denke: 'Aha, das ist jetzt das traurige Lied, denn an der Stelle des Erzähldreiecks sind wir nun'. Und dann halt der ganze Schluss, in dem die Figuren auf einmal in Merksätzen sprechen … Ich kann da leider nicht mitgehen – und das, obwohl ich die Nebenfiguren nicht mehr hasse."



Nach den Ausführungen unseres Kritikers geht das Gespräch weiter. Die Kollegin lobt die Gagsongs, weil sie sie lustig fand, und befindet, dass sie sich nicht manipuliert fühlte, sondern in den traurigen Szenen wirklich Gänsehaut hatte. "Hätte ich ja auch gern gehabt, aber da zerbröselte die Handlung für mich leider schon", beteuert unser Kritiker. Seine Gesprächspartner unterstreichen weiter Momente und Dialogstellen, die sie mochten – ist ja auch fair. Man braucht keine Einigung, um sich dennoch gut unterhalten zu können. Sidney hat sich den Soundtrack übrigens (erwartungsgemäß) nicht gekauft – aber sich ein paar Mal die englische Abspannversion von "Into the Unkown" angehört. "Die klingt fast nach Bond-Titelsong", findet er. Und er sieht dieses Mal gelassen dem Einspielergebnis von Anna, Elsa und Co. entgegen. Denn anders als bei Teil eins ist es ihm gleichgültig. Das ist wenig für einen Film aus seinem so geschätzten Medium Animationsfilm. Aber er kann nun wenigstens endlich loslassen von seiner Fehde mit dem «Die Eiskönigin»-Franchise. Bis zum eventuellen dritten Teil, jedenfalls.

«Die Eiskönigin II» ist ab dem 19. November 2019 in vielen deutschen Kinos zu sehen.

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