Die Kino-Kritiker

«Systemsprenger»: A Girl to Remember

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Mit Nora Fingscheidts Drama «Systemsprenger» geht Deutschland in diesem Jahr an den Start um den Oscar in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film. Und man hat seit langer Zeit mal wieder das Gefühl, dass die Chancen auf den Sieg gar nicht so schlecht stehen.

Filmfacts: «Systemsprenger»

  • Start: 19. September 2019
  • Genre: Drama
  • FSK: 12
  • Laufzeit: 118 Min.
  • Kamera: Yunus Roy Imer
  • Musik: John Gürtler
  • Buch & Regie: Nora Fingscheidt
  • Darsteller: Helena Zengel, Albrecht Schuch, Gabriela Maria Schmeide, Lisa Hagmeister, Victoria Trauttmansdorf
  • OT: Systemsprenger (DE 2019)
Um den zentralen Konflikt in Nora Fingscheidts kraftvollem Drama «Systemsprenger» freizulegen, kommt man nicht drumherum, erst einmal die titelgebende Begrifflichkeit näher zu erläutern. Unter einem Systemsprenger versteht man im Beamtendeutsch sozusagen ein derart schwer erziehbares Kind, dass es das System aus Erziehungsheimen, Betreuern und anderweitigen Institutionen sprengt, ihm also trotz des Umherreichens von der einen in die andere Einrichtung nicht geholfen werden kann. Dass das Drama rund um das impulsive kleine Mädchen Benni «Systemsprenger» heißt und nicht etwa ihren Namen trägt (geschweige irgendeinen Titel, der nur falsche Sentimentalität schüren würde), hat also schon einen sehr guten Grund. Natürlich geht es Nora Fingscheidt in ihrem Film auch um Benni selbst. Vor allem aber klagt sie ebenjenes System an, das neben der tragischen Hintergrundgeschichte des kleinen blonden Satansbratens sehr wohl die Mitschuld an dieser Misere trägt.

Wenn Benni (die eigentlich Bernadette heißt, diesen Namen aber uncool findet) nämlich eines Tages mit einem Messer auf ihre Betreuer loszugehen droht oder gar einen kleinen Jungen ins Koma prügelt – um nur zwei von diversen sprachlos machenden Szenarien aufzuzählen, die «Systemsprenger» seinem Publikum hier präsentiert – dann kommt man gar nicht auf die Idee, das kleine Mädchen schützend in den Arm nehmen zu wollen, sondern ist in erster Linie so hilflos und wütend wie Benni selbst. Ein mutiger erzählerischer Schritt, deren Konsequenz sich bis in den Abspann hinein auszahlt.

Ein Teufel namens Benni


Pflegefamilie, Wohngruppe, Sonderschule: Egal, wo Benni hinkommt, sie fliegt sofort wieder raus. Die wilde Neunjährige ist das, was man im Jugendamt einen „Systemsprenger“ nennt. Dabei will Benni (Helena Zengel) eigentlich nur eines: Liebe, Geborgenheit und wieder bei Mama wohnen! Doch Bianca (Lisa Hagmeister) hat Angst vor ihrer unberechenbaren Tochter. Als es keinen Platz mehr für Benni zu geben scheint und keine Lösung mehr in Sicht ist, versucht der Anti-Gewalttrainer Micha (Albrecht Schuch) , sie aus der Spirale von Wut und Aggression zu befreien.

Gerade in der Anfangsphase von «Systemsprenger» hätte durchaus die Gefahr bestanden, dass Nora Fingscheidt ihre Geschichte unter der Flagge falscher Rührseligkeit aufzieht. Wenn sie schon nach wenigen Minuten einen ersten Ausraster zeigt, in dessen Laufe der eigentlich so zarte Blondschopf erst wie eine Furie um sich schlägt und Plastikspielautos gegen Fensterscheiben schmettert, nur um in der nächsten Szene stehlend und beleidigend durch die Straßen ihrer Nachbarschaft zu ziehen, dann kommen einem schnell Gedanken an Formate wie «Die Super Nanny» und dergleichen in den Sinn. Vielleicht hätte der Privatsender RTL einen Fall wie Benni damals ganz ähnlich bebildert. Und die schon damals umstrittene Katja Saalfrank hätte an das Durchsetzungsvermögen und die Strenge der Eltern appelliert, weil man so einem Kind wie Benni eben nur einfach auch mal Grenzen zeigen müsse, damit sie dieses respektlose Verhalten ihrer Umwelt gegenüber nicht mehr an den Tag legt.

Dass es sich bei Benni aber eben nicht einfach nur um eine bockige Neunjährige handelt, sondern ihre Probleme von deutlich größerem Kaliber sind, zeigt sich nicht erst bei besagter Messer-Szene. Die spektakuläre Neuentdeckung Helena Zengel, deren nächstes Projekt, ein Western an der Seite von Tom Hanks, bereits feststeht, legt in ihre körperlichen Ausbrüche eine derartige Wucht und versieht auch die ruhig-emotionalen Momente mit einer solchen Vielschichtigkeit, dass man genau weiß: Hier ist es mit klassischen Erziehungsmaßnahmen längst nicht mehr getan. Dieses Mädchen trägt derart schwere Narben in ihrer Seele spazieren, dass es für seine Heilung weitaus mehr bedarf als die üblichen Therapieskills.

Gefangen im System


Doch auch den Fehler, Benni „nur“ zu einem bedauernswerten Opfer der Umstände zu machen, begeht Nora Fingscheidt nicht. Zwar ordnet sie den Ursprung von Bennis Problemen sehr genau ein, lokalisiert das gewaltgeschwängerte, an der eigenen Tochter gleichermaßen desinteressierte wie von ihr vollkommen überforderte Familienumfeld als klaren Auslöser für Bennis Probleme. Gleichsam schaukeln sich die Ursachen und Folgen immer wieder gegenseitig hoch. Während die Protagonistin ernsthaft gewalttätig ist, schaut das Umfeld nur zu – und andersherum. Und genau an diesem Punkt beginnt schließlich auch, das System zu versagen. Denn dieses sieht in Kindern wie Benni eben nur eines von vielen. Individuelle Maßnahmen gibt es so gut wie keine, auch weil sie vom Aufwand, den Kosten und vom Personalbedarf her schlicht nicht umsetzbar wären. Stattdessen kommt das Mädchen erst von der Familie in ein Heim, ist zwischendurch immer mal wieder zu Besuch in Krankenhäusern, doch das was Benni eigentlich bräuchte – eine dauerhafte, feste Bezugsperson – ist in dieser Ansammlung an Therapieansätzen nicht vorgesehen.



Und so werden immer mal wieder anklingende Erfolge kontinuierlich im Keim erstickt; nicht zuletzt, weil Benni nicht einfach nur ein im wahrsten Sinne des Wortes unberechenbares Temperament besitzt, sondern weil sie auch unzählige Traumata mit sich herum trägt, die keiner bloßen Erziehungstherapie, sondern in erster Linie einer Heilung bedürfen.

Um sowohl die Dimensionen als auch die Schneise der Verwüstung aufzuzeigen, die Benni als Systemsprenger hinterlässt, greift die auch für das Drehbuch verantwortliche Fingscheidt auf möglichst viele unterschiedliche Szenarien zurück. Einige davon wiederholen sich; Etwa wenn Bennie im Laufe der Geschichte mehrmals im Krankenhaus ruhig gestellt werden muss oder bei den kurzen Abstechern in Wohngruppen deutlich wird, dass auch in diesem recht unpersönlichen Umfeld keine Aussicht auf Heilung gegeben ist. Dann wiederum widmet sich Fingscheidt außergewöhnlicheren Methoden. Ein mehrtätiger Ausflug in eine einsame Waldhütte, zusammen mit einem Anti-Gewalttrainer (stark: Albrecht Schuch) zum Beispiel. Auch solche Ideen wie ein Aufenthalt in Afrika werden immer mal wieder diskutiert und bringen die Verzweiflung aller Beteiligten hervorragend auf den Punkt. Das gilt auch für die Inszenierung selbst. «Systemsprenger» löst sich nicht nur erzählerisch angenehm von gängigen Erzähldramaturgien, was den Film zudem genauso unberechenbar erscheinen lässt wie seine Protagonistin.

Kameramann Yunus Roy Imer («Hinter dem Schneesturm») sorgt für einen dokumentarischen Look – verwackelt, rau und trotzdem immer übersichtlich. Komponist John Gürtler («Hundesoldaten») unterstreicht Bennis emotionale Ausbrüche auf der Tonspur bisweilen etwas zu deutlich – als würde es nicht ausreichen, all die Wut und Verzweiflung des kleinen Mädchens für sich sprechen zu lassen. Doch da der Film in den ruhigen Momenten – von denen es übrigens deutlich mehr gibt, als von den sicher noch vielzitierten Eskalationsszenen – akustisch unauffällig bleibt, passt es ja eigentlich fast schon wieder, den Zuschauer im richtigen Moment einfach mit allem zu überrollen, was man als Filmemacher in dem Moment zur Verfügung hat. An dieses Mädchen wird man sich noch lange erinnern!

Fazit


Am Ende von «Systemsprenger» ist man erst einmal ganz schön geschafft, denn das, was die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten zehnjährige Newcomerin Helena Zengel hier für einen Perforceritt abliefert, ist für den Zuschauer regelrecht am eigenen Leib zu spüren. Dass bei so einer bärenstarken Performance der eigentliche Kern der Geschichte nicht ins Hintertreffen gerät, ist der hervorragenden Schreib- und Inszenierungsleistung von Nora Fingscheidt zu verdanken, die mit ihrem Film gute Chancen auf den Oscar haben dürfte.

«Systemsprenger» ist ab dem 19. September in den deutschen Kinos zu sehen.

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