Die Kritiker

«Criminal»

von   |  1 Kommentar

Netflix wagt ein Experiment: Vier Länder - Deutschland, Spanien, Frankreich und das Vereinigte Königreich - tragen jeweils drei Folgen zu seiner neuen Krimi-Serie bei. Und die ist inhaltlich ein voller Erfolg.

Verhörräume sind uns Fernsehzuschauern bestens vertraut. Kaum ein Krimi, der ohne ein paar Szenen in diesen kärglich-beamtigen Zimmern mit abgewetztem Teppichfußboden, krisseliger Neonbeleuchtung, kahlem Metalltisch und einer beliebigen Kombination aus wutschnaubendem Kommissar und winselndem Täter, einfühlsamem Good Cop und verschüchtertem Opfer oder manipulativem Ermittler und seltsam verschwiegenem Zeugen auskommt. Bei den Bullen haben die meist in Jeans- oder Lederjacke auftretenden alten Hasen mit ihrem Bauchgefühl und ihrer Lebenserfahrung den formal besser ausgebildeten jungen Kollegen mit ihrem psychoanalytischen Sachverstand und ihren Notizbüchern immer etwas voraus, und auch der ausgekochteste Mörder sackt am Schluss vor der geballten polizeilichen Urgewalt in sich zusammen. Am Schluss klicken die Handschellen, die Jungspundin schaut beeindruckt zum alten Bullen-Hasen auf und der ARD-Redakteur befindet, dass es gut war.

Das Verhörzimmer des neuen Netflix-Formats «Criminal» sieht etwas anders aus. Auf dem Tisch ist ein großer roter Button, der, mit genügend Nachdruck aktiviert, die Audioaufzeichnung startet. Hinter dem Verhörten an der Wand: adrette Holzschnitzereien. Das Nebenzimmer auf der anderen Seite der berüchtigten Einweg-Glasscheibe, von wo aus die polizeilichen Kollegen das Spektakel verfolgen, ist in bedrohlich dunkelrotes Licht getaucht. Und der hallenähnliche Vorraum eröffnet den Blick auf die wahlweise verregnete, trübe oder sonnige Stadt draußen.

Dieser größere ästhetische Anspruch ist nicht ohne dramaturgischen Grund: «Criminal» will aus der Verhörsituation nicht den Höhepunkt eines üblichen Krimis machen, der eineinhalb Stunden lang einen Beschuldigten nach dem anderen abgegrast hat und jetzt in der klaustrophobischen Zuspitzung ein letztes Mal zur Sache kommen will. Stattdessen verweilen wir zwölf Folgen lang jeweils die ganze Laufzeit über in der kammerspielartigen Enge: da, wo es um alles geht.

In der ersten deutschen Folge sitzt dort ein älterer beleibter Mann, ein in Köln geborener Unternehmer, der im Wenderausch in den Osten rübergemacht hatte und seit fast dreißig Jahren in Berlin lebt. Als Immobilienhai hat er sich ein stattliches Vermögen erwirtschaftet, mitunter auf dem Rücken von Wendeverlierern, die ihm für ein paar blaue Fliesen die runtergekommenen Prenzlauer-Berg-Buden renovierten: so jemand wie Jens Kral, dessen nahezu drei Jahrzehnte alte Leiche vor kurzem bei Bauarbeiten gefunden wurde.

Im Pariser Verhörraum sitzt derweil eine verstörte junge Frau, die von den Polizisten bedrängt wird, auch noch mit den fürchterlichsten Details aus der Nacht des 13. November 2015 rauszurücken, als sie vor den Terroristen aus dem Bataclan geflohen sein will. Ihre Anwältin will die unablässige, vernichtende Penetranz der polizeilichen Fragerei unterbinden. Doch die Unverfrorenheit hat System: Denn es gibt Zweifel, ob die junge Frau überhaupt bei den Anschlägen zugegen war. Vielmehr soll sie sich mit ihren Lügen staatliche Entschädigungsleistungen erschleichen.

Die englischen Polizeikollegen hören derweil von ihrem mutmaßlichen Täter (brillant wie immer in seinen Bösewichtrollen: David Tennant) nur eines: „no comment.“ Er soll seine vierzehnjährige Stieftochter sexuell missbraucht, ermordet und ihre sterblichen Überreste im Wald entsorgt haben. Doch die Indizienlage ist dünn. Den Cops ist klar: Nur er selbst kann sich ans Messer liefern. Doch dazu müssen sie ihn erst dazu bekommen, sein kalkuliertes Schweigen zu brechen.

Die spanische Beschuldigte (wunderbar exzentrisch: Carmen Machi) hört derweil gar nicht mehr auf, zu erzählen: von ihrer Hündin, ihrem ausschweifenden Sexualleben, ihrer behämmerten New-Age-Lebensphilosophie, ihrem drogensüchtigen Bruder. Doch hinter dem scheinbar unkontrollierten Gebrabbel steckt eine Strategie: Die Polizisten halten die Frau für eine eiskalte Psychopathin.

Trotz seines innovativen Ansatzes und der radikal anmutenden und un-fernseh-haften Beschränkung auf ein einziges Setting will «Criminal» sein Genre – den Krimi – nicht neu erfinden, und folgt strukturell gesehen einer überschaubar komplexen Mitknobeldramaturgie: Meistens ist der vorgeführte Täter tatsächlich schuldig, hin und wieder muss der alte Hase unter den Polizisten aber auch seine Arbeitshypothese korrigieren. Behutsam unterfüttert werden die Konflikte durch angestaute Dramen unter den Ermittlern: Ein Mitglied des französischen Kollegiums ist aufgrund eines Traumas eigentlich dienstunfähig und muss draußen auf dem Flur warten, in Deutschland spiegelt sich der Ost-West-Konflikt des Beschuldigten der ersten Folge auch im Ermittlerteam wider.

«Criminal» ist also Fernsehen im Regelbetrieb, mit einem überschaubaren intellektuellen Anspruch und bestenfalls angedeuteten sozio-politischen Untertönen. Das soll jedoch nicht als einschränkendes Negativkriterium missverstanden werden. Denn das Format ist handwerklich wie künstlerisch sehr gut gemacht, mit exzellent ausgearbeiteten Spannungsbögen, klug austariertem Figurenpersonal, einer kunst- und stimmungsvollen Inszenierung und hervorragender Besetzung.

Die psychischen Abgründe der Charaktere auf der anderen Seite des Verhörtisches bleiben derweil zumeist angedeutet, aber nicht an der Oberfläche: Im Pars-pro-toto-Prinzip finden die Autoren, Regisseure und Darsteller viele kluge Symbole und Leitmotive, die den stillen Wassern meterweise Tiefe zugestehen. There’s more to it than meets the eye, heißt es unter Angelsachsen: Da ist mehr, als man mit den Augen (oder zu Deutsch: auf den ersten Blick) erkennen kann. Und tatsächlich reizt diese Serie ihr strenges Kammerspielkorsett voll aus und erzählt dabei in zwölf Vignetten gekonnt, einfühlsam und unprätentiös nicht nur von bestialischen Verbrechen, sondern auch von Lebenslügen, zerrütteten Selbstbildern und ja: auch den Abgründen der menschlichen Seele. Öffentlich-rechtliche Fernsehautoren und –redakteure dürfen gerne mit besonderer Aufmerksamkeit zusehen – und dann bitte nicht nur die Kulissen ihrer Produktionen ein bisschen aufpeppen.

«Criminal» ist in seinen deutschen, französischen, spanischen und britischen Varianten ab dem 20. September bei Netflix zu sehen.

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Sentinel2003
17.09.2019 21:04 Uhr 1
dit is ja mal ne echt hammer kritik.

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