Die Kino-Kritiker

«Vox Lux», oder: Das böse, böse Musikgeschäft

von   |  1 Kommentar

Lange hat das Natalie-Portman-Vehikel «Vox Lux» auf sich warten lassen. Nun erscheint das Fake-Biopic über eine erfolgreiche Popsängerin auch in den deutschen Kinos.

Filmfacts: «Vox Lux»

  • Start: 25. Juli 2019
  • Genre: Drama/Musikfilm
  • Laufzeit: 114 Min.
  • Kamera: Lol Crawley
  • Musik: Scott Walker
  • Buch & Regie: Brady Corbet
  • Darsteller: Raffey Cassidy, Natalie Portman, Stacy Martin, Jude Law, Christopher Abbott, Willem Dafoe
  • OT: Vox Lux (USA 2018)
Die Leben und Karrieren von Superstars sind dankbarer Filmstoff. Kaum ein Weg an die Weltspitze kommt ohne Opfer und Rückschläge aus. Und wenn doch, dann lässt Letzteres nach der Zeit auf dem Schauspiel- oder Musikolymp oft nicht lange auf sich warten. Regisseur Brady Corbet («Childhood of a Leader») war davon so beeindruckt, dass er sich gar nicht erst um die Rechte irgendeiner Prominenten-Vita bemühte, sondern mit «Vox Lux» eine Art Fake-Biopic auf die Beine stellte. Im Mittelpunkt steht der Pop-Megastar Celeste (in jungen Jahren gespielt von Raffey Cassidy, im Erwachsenenalter verkörpert von Natalie Portman), der durch obskure Umstände in eine Weltkarriere als Sängerin rutscht. Obskur deshalb, weil nichts Geringeres als ein Amoklauf dafür sorgt, dass ganz Amerika und später die ganze Welt auf die außergewöhnliche Stimme der jungen Teenagerin aufmerksam wird. Und das ist natürlich Zynismus in Reinkultur. Doch hat man diese Prämisse erst einmal geschluckt, erweist sich «Vox Lux» als eigentlich ziemlich generisches Drama über den Absturz und Wieder-Aufstieg einer Künstlerin, bei dem man nie so recht weiß, was mit seinen Bildern denn nun eigentlich beabsichtigt hat.

Verhöhnt er das Business? Seine Protagonistin? Die Zuschauer und -Hörer? Und soll der furchtbar-nichtssagende Plastikpop in den letzten zwanzig Minuten wirklich mitreißen? Über «Vox Lux» tun sich im Laufe der 110 Minuten eine ganze Menge Fragezeichen auf, die nach und nach ihren Reiz einbüßen, je generischer der Film wird.

Megastar dank Tragödie


Im Jahr 1999 überlebt Teenager Celeste eine gewaltsame Tragödie. Nachdem sie bei einem Gedenkgottesdienst gesungen hat, verwandelt sich Celeste mit Hilfe ihrer Schwester, die Songwriter ist, und einem Talentmanager, in einen aufblühenden Popstar. Celestes kometenhafter Aufstieg zum Ruhm und damit einhergehender Verlust der Unschuld ist verzahnt mit einem erschütternden Terroranschlag auf die Nation und hebt das junge Energiebündel zu einer neuen Form der Berühmtheit empor: Amerikanische Ikone, weltliche Gottheit, globaler Superstar. Etwa im Jahr 2017 schafft Celeste ein Comeback nach einem skandalösen Vorfall, der ihre Karriere zum Entgleisen gebracht hat. Auf Tour für ihr sechstes Album, einem Kompendium von Lobgesängen auf Science-Fiction mit dem Titel „Vox Lux“, muss die unzähmbare, unflätige Pop Ikone ihre persönlichen und familiären Kämpfe überstehen, um sich durch Mutterschaft, Wahnsinn und monumentalen Ruhm im Zeitalter des Terrors zu navigieren.

«Vox Lux» beginnt mit dem Amoklauf. Celeste erlebt ihn am eigenen Leibe und stellt sich dem Killer sogar in den Weg, wobei sie angeschossen und schwer verwundet wird. Auf dem Weg ins Krankenhaus – die Kamera folgt der Ambulanz in diskreten Abstand, während sie die Straße entlangfährt – lässt Regisseur und Autor Brady Corbet den Vorspann (oder Abspann?) von unten nach oben durchs Bild rollen, bis am Ende nur noch der Schriftzug «A 21st Century Portrait» zu lesen ist – es soll also nicht nur um Celeste gehen. Stattdessen steht die junge Frau stellvertretend für ein ganzes Jahrhundert, in dem Menschen für Erfolg über Leichen gehen, während sie der Erfolg gleichsam zu wandelnden Leichen macht. Aus dem Off ertönt derweil die Erzählerstimme von Willem Dafoe («Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit»), die das Geschehen analytisch-interpretatorisch einordnet.

Hinter dieser inszenatorischen Entscheidung, die ein wenig an die Eröffnungsszene in Gaspar Noés «Climax» erinnert, steckt gewiss künstlerische Ambition, aber sie ist für die darauf folgenden 100 Minuten auch die einzige, die «Vox Lux» auf irgendeine Art und Weise von herkömmlichen (Fake-)Biopics abhebt. Kurz nachdem die Credits durchgelaufen sind, folgt Corbet chronologisch den Ereignissen, die Celeste vom aufstrebenden Popsternchen zum Star machen – und anschließend für den Absturz sorgen.

Nichts Neues im Hause Erfolg


Brady Corbet blickt in Konferenzräume, nimmt an Verhandlungstischen Platz, lauscht verbissenen Marketingleuten und beobachtet die junge Celeste, wie diese von einem Musikmanager zum nächsten gereicht wird, bis das „Produkt“ endlich massentauglich und die Musik Ohrwurmgarantie hat. Es ist müßig zu erwähnen, dass die Sängerin Celeste sehr schnell nichts mehr mit dem jungen, schüchternen Mädchen zu tun hat, dem der Zuschauer fortan nie mehr so nahe kommen wird, wie in den Minuten vor und nach der Trauerfeier. Wenngleich sich die Erzählung hier der Hauptfigur anpasst, indem sich Corbet mit jeder Spielminute weiter von Celeste entfernt, bis man als Zuschauer schließlich nur noch ihre äußere erfolgversprechende Hülle wahrnimmt, so ist es doch schwer, einen Zugang zu ihr zu finden. Insbesondere weil Raffey Cassidy («The Killing of a Sacred Deer») und später Natalie Portman («Auslöschung») durch ihre sukzessive immer unnahbar werdende Performance den Nagel auf den Kopf treffen.

Quotenübersicht «inka!»

  • Gezeigte Folgen: 48
  • Beste Reichweite: 0,83 Mio. ab 3 Jahren (am 08.11.2013)
  • Niedrigste Reichweite: 0,35 Mio. ab 3 Jahren (Folge 4 am 5.9.)

Trotzdem: Als Charakterstudie funktioniert «Vox Lux» nur sehr bedingt. Erst recht, wenn sich in der zweiten Hälfte hysterische Wutanfälle und Nervenzusammenbrüche als vorhersehbare Eskalationen erweisen, die über das Innere der Hauptfigur aber nur Behauptungen anstellen. Irgendwann wissen wir nicht einmal mehr, ob wir Celeste hier gerade als kalkulierende Dramaqueen erleben, oder ob es ihr wirklich schlecht geht. Darüber hinaus sind Alkoholabstürze, Drogeneskapaden und Aussetzer auf Pressekonferenzen nun wahrlich keine innovativen Szenerien, um aufzuzeigen, wie abgefuckt das Leben eines (ehemaligen) Superstars ist.

Während sich die Nebendarsteller allesamt ihren recht eindimensionalen Figuren fügen, Jude Law («Captain Marvel») etwa den zwielichtigen Manager gibt und Stacy Martin («Nymph()maniac») die aufopferungsvoll-verzweifelte Schwester, ist es vor allem die Inszenierung, die «Vox Lux» optisch wie akustisch weitaus interessanter aussehen lässt, als erzählerisch. Insbesondere bei der rund zwanzigminüten Abschlussperformance, die Celeste auf einem ihrer Konzerte zeigt, steht die fiebrige Kameraarbeit von Lol Crawley («Mandela – Der lange Weg zur Freiheit») im krassen Kontrast zu den eigentlich so ausdruckslosen Popsongs, an denen Portmans Celeste mehrmals zu verzweifeln scheint. Ihre verbissene Mimik zu beobachten, erweist sich in diesem Abschlussviertel als großes Highlight, während man sich permanent fragt, ob die nichtssagende Musik gerade nur noch einmal unterstreichen soll, wie affig es in diesem oberflächlichen Business eigentlich zugeht, oder ob Brady Corbet diese Form von Musik tatsächlich als besonders stark erachtet.

Im Publikum erleben wir Stacey Martin und Raffey Cassidy (sie verkörpert in der zweiten Hälfte Celestes Tochter), die dem Treiben mit ebensolcher Skepsis beiwohnen. Hier erreicht «Vox Lux» das, was man in den eineinhalb Stunden zuvor so schmerzlich vermisst: Corbet lässt seine Protagonistin den Film formen. Zuvor macht er sie zum Spielball eines austauschbaren Musikerdramas – wenn man ehrlich ist, dann passt das formal ja dann eigentlich wiederum doch ganz gut; schließlich hat die junge Frau hier ja auch sonst nur wenig Mitspracherecht.

Fazit


Was beginnt wie eine außergewöhnliche Seherfahrung, in der Regisseur Brady Corbet das Musikbusiness auf besonders provokante Weise auseinandernimmt, wird mit der Zeit ein Fake-Biopic wie jedes andere, aus dem Natalie Portman heraussticht, das über den Zynismus der Popstarwelt aber nichts Neues zu erzählen hat.

«Vox Lux» ist ab dem 25. Juli in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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Sentinel2003
24.07.2019 17:24 Uhr 1
Trotz Natalie Portman kein Bedürfnis das Dingens zu Gucken.

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