Nancy Kanter: 'Kinder sehen Micky als einen Freund'

Nancy Kanter leitet die Entwicklung und Produktion kreativer Inhalte für den Vorschulsender Disney Junior. Mit Quotenmeter.de spricht sie über kommende Serien, wie man Eltern für Kinderprogramme erwärmt und die Vor- und Nachteile, bekannte Disney-Figuren neu auszurichten.

Wie würden Sie das erste Jahr von Disney Junior bewerten?
Ich finde, dass das erste Jahr von Disney Junior weltweit ein unvergleichlicher Erfolg war. Wir hatten einen großartigen Erfolg in den USA, wo wir im Februar 2011 als Programmfenster auf dem Disney Channel und kurz darauf auch als eigener Sender starteten, und wir hatten auch ein hervorragendes Jahr in Deutschland. So weit ich das beurteilen kann, ist Disney Junior so etwas wie der aufsteigende Stern der Walt Disney Company. Unsere Serien laufen außerordentlich gut, «Jake und die Nimmerlandpiraten» startete auf allen unserer Sender sehr erfolgreich und es stehen noch einige tolle neue Serienstarts an.

Können Sie uns etwas über die nächsten Projekte von Disney Junior verraten?
Die Name der Serie, die in Deutschland als nächstes startet, und in den USA sowie einigen europäischen Märkten bereits begeistert aufgenommen wurde, lautet «Doc McStuffins». Sie handelt von einem jungen Mädchen, das über die magische Fähigkeit verfügt, Spielzeuge und Stofftiere zum Leben zu erwecken, und das für sie als Doktor da ist. Die Serie steht in der Tradition des klassischen Disney-Storytellings und ist besonders warmherzig, sie hat aber auch eine soziale, erzieherische Komponente. Wir sind uns dessen bewusst, wie wichtig es Eltern ist, dass ihre Kinder aus ihren Fernsehsendungen etwas bedeutungsvolles ziehen, und bei «Doc McStuffins» ähneln die Probleme der Spielzeuge und Stofftiere sehr stark kleinen medizinischen Fällen junger Kinder, sowie praktischen Problemen, beispielsweise dass sie Angst davor haben zum Arzt zu gehen. Dahingehend haben wir begeisterte Rückmeldungen von Eltern bekommen, etwa, dass ihre Kinder nie zum Arzt gehen wollten, seit sie die Serie kennen jedoch keine Furcht mehr vor dem Arztbesuch haben. Wir sind auch stolz darauf, dass die Titelfigur ein wunderbares Vorbild für junge Mädchen ist, die nun den Berufswunsch hegen, ebenfalls Ärztin werden zu wollen.

Auch wird es eine Serie namens «Sheriff Callie's Wild West» geben, auf deren Deutschlandstart wir schon sehr gespannt sind – es ist eine Westernserie, und ich habe erfahren, dass Deutsche Western mögen, jedenfalls sind die populären Karl-May-Romane ein Indiz dafür. Es ist eine toll erzählte Geschichte über einen weiblichen Katzensheriff, Cowboys und Indianer. In ihrem Kern lehrt die Serie darüber, was einen Sheriff zum Sheriff macht und was richtiges sowie falsches Verhalten ist.

Außerdem haben wir gerade die Serie «7D» angekündigt, die von den aus dem klassischen Märchen bekannten sieben Zwergen handelt, nur dass die Zwerge weder so aussehen, noch sich so verhalten wie man sie bisher kannte. Aber ich finde, dass gerade dies auch den Reiz der Serie ausmacht, da sie sich auf unverbrauchte, moderne Art und Weise diesen Figuren nähert. «7D» handelt davon, dass die Zwerge in einer wundersamen Welt namens Jollywood leben, wo sie die Königin Delightful tatkräftig unterstützen, Schurken davor abzuhalten, das Königreich an sich zu reißen. Die Produktion der Serie hat gerade begonnen, aber wir sind zuversichtlich, dass es eine Serie sein wird, die sich Eltern sehr gerne zusammen mit ihren Kindern ansehen.

Wird «7D» als Prequel zum Disney-Klassiker «Schneewittchen und die sieben Zwerge» fungieren?
Nein, nicht wirklich, es wird sich vom Film abheben, sowohl visuell, als auch inhaltlich. Wir sehen es deshalb nicht als Prequel und auch nicht als eine Fortsetzung, außerdem wird Schneewittchen nicht in der Serie vorkommen. Wir betrachten «7D» als eine auf eigenen Beinen stehende Neuinterpretation der altbekannten Figuren aus einer heutigen Perspektive. Es ähnelt ein wenig dem, was Walt Disney getan hat – klassische Märchen aus einem neuen Blickwinkel betrachten und auf eigene Weise umsetzen.

Sehr viele Disney-Junior-Produktionen sind computeranimiert, mit «Jake und die Nimmerlandpiraten», «7D» und dem Disney Junior Film «Sofia, die Erste» sowie der daran anschließenden Serie bedienen sich allerdings immer mehr Formate einem traditionellen, handgezeichneten Look. Woher rührt dieser Wechsel?
Nicht alles, was auch handgezeichnet aussieht, ist auch wirklich von Hand gezeichnet. «Jake und die Nimmerlandpiraten» etwa wird mittels eines Computerprogramms namens „Harmony“ animiert und «Sofia, die Erste» wird ebenfalls am Computer realisiert. Heutzutage existieren sehr viele künstlerische Werkzeuge, mit denen sich zahlreiche unterschiedliche Looks und Stile umsetzen lassen, und wir achten stets darauf, was die Zuschauer von Disney Animationen erwarten. Wir entscheiden stets für jedes einzelne Projekt, was unserer Erwartung nach für diese spezielle Idee am besten funktioniert. «Jake und die Nimmerlandpiraten» hat einen sehr zeitlosen Disney-Look, doch es ist visuell dennoch recht aktuell, was uns auch auf technischer Seite einige Vorteile bringt. «Sofia, die Erste» wird sich ebenfalls dem typischen Disney-Prinzessinnen-Stil bedienen, jedoch durch Computeranimation verwirklicht, was uns viele Möglichkeiten in der digitalen Beleuchtung, der Kameraarbeit und ähnlichem gibt.

Es soll sich auch eine neuen Winnie-Puuh-Serie in Entwicklung befinden – wird sich diese näher an dem Kinofilm «Winnie Puuh» aus dem Jahre 2011 orientieren, der bewusst als Rückbesinnung auf die alten Winnie-Puuh-Filme gestaltet wurde, oder näher an den kindgerechteren Serien der vergangenen Jahre?
Wir haben Projekt namens «Freundschafts-Geschichten mit Winnie Puuh» realisiert, das im Oktober in Deutschland anläuft. Das ist eine Kurzprogramm-Reihe, die sich Winne Puuh im Stile von Gutenachtgeschichten nähert. Dies ist nahe an den klassischen Winnie-Puuh-Illustrationen gehalten, aber darüber hinaus ist derzeit nichts mit Winnie Puuh in Planung.

Was sind die Geheimnisse, wie man Kinder gleichzeitig unterhalten und unterrichten kann?
[lacht] Nun, wenn ich die Geheimnisse kennen würde, würde ich sie auf alles anwenden. Ich denke, wir haben Glück, dass junge Kinder heutzutage sehr gerne lernen und dass das Geschichtenerzählen als eine besondere Form der Lernerfahrung aufgenommen wird. Für uns bedeutet das, dass wir schlicht Konzepte suchen, von denen wir denken, dass Kinder sie faszinierend finden, und diese Ideen erweitern wir dann, indem wir in unseren Serien Lektionen über Sozialverhalten, kreatives Denken und Wissen einbauen, von denen die Kinder profitieren können. Der Lernprozess fließt also in etwas ein, von dem wir hoffen, dass es eine gute Geschichte ist. Deshalb ist es für uns nicht so herausfordernd, über die Balance zwischen Lernen und Unterhalten nachzudenken, da wir Geschichten darüber schreiben, wie es ist, mutig und couragiert zu sein, was nicht nur für wertvolle Lektionen gut ist, sondern auch als Grundlage für unterhaltsame Geschichten dient.

Manche Kinderserien bemühen sich intensiv darum, auch Jugendliche und Erwachsene anzusprechen, während sich andere nahezu ausschließlich auf ihr Kernpublikum konzentrieren. Wie lautet die Philosophie bei Disney Junior?
Wir machen unsere Serien primär für Kinder. Allerdings sind Eltern gerade bei Vorschulkindern sehr stark darin involviert, zu entscheiden, was sie sich im Fernsehen anschauen. Deshalb bemühen wir uns, unsere Serien hinsichtlich der Figuren, der Geschichten und der Musik auf einem derart ausgeklügelten Niveau zu schreiben und zu produzieren, dass Eltern sich beim Zugucken ebenfalls unterhalten fühlen. Bei manch anderen Kinderserien merken Eltern an: „Ohja, mein Kind liebt diese Sendung, aber ich halte es nicht aus, sie mir mitanzusehen.“ Bei Disney Junior hoffen wir immer darauf, von Eltern zu hören: „Ohja, ich habe kein Problem, mitzugucken. Ich liebe «Jake und die Nimmerlandpiraten», ich kann mir das richtig gut anschauen.“ Und sowas ist großartig. Ich schätze, wir haben Figuren in petto, mit denen sich Eltern identifizieren können, die Storys sind gut und vor allem auch die Musik – wir investieren viel Zeit darin, an der Musik zu arbeiten, die in unseren Serien vorkommt, so dass Eltern sie genießen können, statt über „diese Kleinkind-Musik“ zu klagen. Das alles hilft eindeutig dabei, Eltern anzusprechen. Und besonders der Humor spielt eine große Rolle. Wir bauen öfters Witze ein, die Eltern wegen ihrer Cleverness sehr zu schätzen wissen. Kinder begreifen diese Witze nicht immer zu 100 Prozent, aber sie freuen sich auch darüber, dass ihre Eltern mitlachen. Darum machen wir öfter kurze Anspielungen für die Eltern, um ihnen zu sagen: „Hey, wir wissen, dass es euch gibt und dass ihr mit euren Kindern zuguckt.“

Was sind die Herausforderungen und die Chancen dabei, bekannte Disney-Figuren wie Winnie Puuh oder Micky Maus für Disney Junior zu adaptieren?
Die große Herausforderung, sich Figuren anzunehmen, die das Publikum bereits kennt, ist selbstverständlich, dass es mit einer vorgefertigten Meinung an die Serie herantritt, wie sich diese Figuren zu verhalten haben und welche Art von Geschichten mit ihr erzählt werden kann. Und offenkundig geschieht das auch, etwa bei so ikonischen Figuren wie Micky Maus, die schon seit vielen Jahrzehnten Teil des Disney-Erbes sind. Deswegen müssen wir stets vorsichtig sein, wie wir an diese Figuren herangehen, und immer beachten, was Zuschauer mit diesen Figuren verbinden und welche Dinge wir mit ihnen bereits kreiert haben. Und dennoch muss man etwas neues und unverbrauchtes mit ihnen erschaffen, weil man ansonsten bloß die selben Geschichten immer und immer wieder erzählen würde. Beim Versuch, diese Balance zu halten, müssen wir uns also stets daran erinnern, welchen Hintergrund diese Figuren haben und zugleich müssen wir etwas finden, das die heutigen Kinder gerne im Fernsehen entdecken würden.

Das ist durchaus ein wenig knifflig, ich mag es deshalb, wenn man komplett bei Null anfangen kann. Denn so weiß vorab niemand, wie diese Figuren funktionieren, und man entfaltet dann vor seinem Publikum eine völlig neue Welt. Damit umgeht man manche Hürden. Aber es hat auch stets große Vorteile, wenn man eine bereits bekannte Figur einem Publikumneu vorstellen kann. Es kürzt den Erzählprozess ein wenig ab, da die Zuschauer bereits eine Ahnung von diesen Figuren haben, sie verfügen zum Beispiel über eine Vorstellung davon, wer Micky ist und in welcher Welt er lebt, so dass wir dieses Umfeld nicht völlig neu aufbauen müssen. Das ist ein Fall, der uns sehr inspirierte, bevor wir mit der Produktion an «Micky Maus Wunderhaus» angefangen haben. Bevor wir auch nur irgendetwas für die Serie verfasst haben, haben wir uns Zeit genommen, um mit Kindern aus aller Welt über Micky Maus zu sprechen, so dass wir ein Gefühl dafür erlangen, was sie über ihn denken. Schließlich war es schon einige Zeit her, dass neue Cartoons oder Filme mit Micky Maus produziert wurden, und es hat auch nicht jedes Kind Gelegenheit dazu, einen der Disney-Themenparks zu besuchen. Deswegen waren wir neugierig – was denken Kinder von Micky, haben sie überhaupt eine Bindung zu ihm? Und wo auch immer wir gefragt haben, haben 3- und 4-Jährige auf die Frage, wer Micky Maus ist, geantwortet: „Micky Maus ist mein Freund.“

Und das war gewissermaßen der Ausgangspunkt für die Entwicklung unserer Serie – wir selbst wussten nicht wieso, doch Kinder sehen Micky als einen Freund, also wollten wir eine Serie produzieren, die ihnen das Gefühl gibt, gemeinsam mit Micky einen Spieltag zu erleben.

Mit über 100 Episoden, Spin-Offs und diversen DVD-Veröffentlichungen ist «Micky Maus Wunderhaus» auch zweifelsfrei ein Renner bei den Kindern, auch meine Nichte liebt die Serie. Bei erwachsenen Disneyfans spalten sich hingegen die Gemüter, was die Serie anbelangt. Sind Sie sich der Kritiken in Onlineforen bewusst und wie stehen sie denen gegenüber?
Nun, die Serie wurde ganz klar für ein Vorschulpublikum entwickelt, sie ist auch in einem Stil animiert, von dem wir denken, dass er sehr gut bei diesem Publikum ankommt. Micky Maus wurde bereits in zahlreichen Stilen gezeichnet, es wurden schon die unterschiedlichsten Geschichten mit ihm erzählt, und das von den ersten Cartoons an über die 40er-Jahre, 50er-Jahre und 60er hinweg. «Micky Maus Wunderhaus» ist spezifisch für Vorschulkinder gedacht und nicht für ältere Kinder oder erwachsene Zuschauer, und selbstredend wird es immer Menschen geben, die den klassischen Micky bevorzugen, und es nimmt ihnen niemand die von ihnen bevorzugten Cartoons weg. Aber damit all diese Figuren rund um Micky Maus vital und relevant bleiben können, muss man sie hin und wieder neu gestalten, und das stets unter Berücksichtigung dessen, welches Publikum angesprochen wird und welche konzeptuellen und künstlerischen Entscheidungen man trifft. Walt Disney wäre der letzte Mensch auf Erden, der sagen würde, dass man alles so belassen sollte, wie es immer war und dass man nichts verändern dürfe.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

24.06.2012 08:00 Uhr  •  Sidney Schering Kurz-URL: qmde.de/57482

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Disney Junior ­ Sonntagsfragen ­ Micky Maus ­ Winnie Puuh ­ ­


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