Die Kino-Kritiker

«Kick-Ass»

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Von absoluten Versagern, mangelnder Hilfsbereitschaft und maskierten Rächern: Die verrückte Comicverfilmung «Kick-Ass» streut Salz in die offenen Wunden unserer Gesellschaft und sorgt für jede Menge Spaß.

Superhelden sind aus dem Kino mittlerweile nicht mehr wegzudenken. Die kostümierten Kämpfer für das Gerechte treten in leichter Unterhaltung auf (wie etwa «Iron Man»), in realistischen Thrillern (etwa Christopher Nolans Milliardenerfolg «The Dark Knight»), in Actionfilmen mit Feel-Good-Faktor sowie Tiefsinn (etwa Sam Raimis «Spider-Man»), in Parodien (zum Beispiel «Superhero Movie») oder auch in pessimistischen Dekonstruktionen des Genres («Watchmen»). Würde die Filmsparte rund um selbsternannte Rächer für das Gute derzeit nicht ein Qualitätshoch erfahren, wäre eine Übersättigung mit diesem Stoff und darauf folgende Ablehnung dieser Produktionen nicht weit. Doch so lange genügend Filme mit maskierten Helden auch den wählerischen Kinogänger zufrieden stellen, wird dieser Trend wohl keinen Abschluss finden. Eigentlich bedauernswert, denn «Kick-Ass» würde den ultimativen Abschluss des Superheldengenres darstellen. Diese unabhängig finanzierte Comicadaption vereint nämlich sämtliche Spielarten des Superheldenfilms zu einer gleichsam spritzigen, intelligenten, düsteren, comichaften sowie launigen Achterbahnfahrt.

Diese ungewöhnliche Symbiose aus Superheldenparodie, brutalem und politisch inkorrektem Rächerstreifen, Humor geladenem Feel-Good-Movie und schneidendem Gesellschaftskommentar beginnt damit, dass der unauffällige Jugendliche Dave Lizewski, dessen Alltag aus dem üblichen Schultrott, Comics, Masturbation und Ignoriertwerden besteht, sich und seinen Freunden die pseudo-philosophische Frage stellt, weshalb sich auf der ganzen Welt bislang nicht ein einziger Comicfanatiker in einem Anflug von Übermut und Heldentum als realer Superheld versuchte. Während Daves Freunde die Idee eines tatsächlichen Rächers der Unterdrückten schnell abwinken, steigert sich Dave in sein Gedankenspiel hinein und beschließt letztlich, es zu versuchen. Er bestellt im Internet einen lächerlichen, grünen Neoprenanzug und zieht mit zwei Bleirohren bewaffnet als Kick-Ass in den Kampf gegen die Kleinkriminalität. Denn es ist der Einsatz und Wille der zählt, und nicht das Vorhandensein von Superkräften oder die Möglichkeit auf ein mächtiges Waffenarsenal zurückzugreifen, so Daves Gedanke.

Während seines ersten „Einsatzes“ wird der vollkommen untrainierte Naivling auch prompt schwer verletzt. Dennoch lässt er sich nicht von seiner selbst auferlegten Mission abbringen und wird dabei aufgrund einiger Hakenschläge des Zufalls zu einem Internetphänomen. Dadurch erweckt Kick-Ass das Interesse zweier weitaus fähigeren Vigilanten: Die athletische und erbarmungslose 11-jährige Hit-Girl und ihr gründlich arbeitender Vater Big Daddy. Diese haben sich einem blutigen Feldzug gegen den Gangsterboss Frank D'Amico verschrieben und bieten Kick-Ass, dem sie ordentliches Potential zuschreiben, trotz seiner für sie lächerlichen Anfängerfehler ihre Unterstützung an. Auch der jugendliche Superheld Red Mist wird auf Kick-Ass aufmerksam und bezeichnet ihn als seine große Inspiration. Derweil muss Dave Lizewski weiterhin gegen die Widrigkeiten kämpfen, die der Schulalltag einem Durchschnittsverlierer entgegenschleudert. Diese werden allerdings auch immer abstruser, so wirft die schöne Katie nur deshalb ein Auge auf ihn, weil in der Schule das Gerücht umgeht, er sei homosexuell.

Das simple Grundkonzept „Menschen in (vermeintlich) unserer Realität beschließen, sich trotz fehlender Superkräfte als Superhelden zu verdingen“ entfaltet sich in «Kick-Ass» zu einer unvergleichlichen, völlig innovativen Mischung aus leichter Unterhaltung, comichafter Persiflage, gezielter sowie augenzwinkernder Provokation und launigem Sozialkommentar – ein ausgewogener Filmcocktail, der den Nerv der Zeit trifft. Mit bissigem Witz kommentiert «Kick-Ass» die mangelnde Hilfsbereitschaft in der heutigen Gesellschaft, ein Thema, das angesichts der nahezu regelmäßigen Meldungen über unvereitelte Gewaltakte auf überfüllten S- und U-Bahnhöfen aktueller denn je ist. So weit, wie es einem persiflierenden Unterhaltungsfilm möglich ist, versucht «Kick-Ass» diesem erschreckenden Phänomen auf den Grund zu gehen und liefert sozusagen en passant während seiner kurzweiligen und spannenden Handlung Erklärungsansätze für das Verweigern von Nothilfe während Überfällen und Prügeleien. Dieser amüsant inszenierte Diskurs über fehlende Selbstlosigkeit kann dank des durchdachten und ausgewogen verfassten Drehbuchs problemlos neben der maßlos übertriebenen und dadurch urkomischen Actionszenen mit der kaltblütigen Hit-Girl existieren. Die schonungslosen Blicke auf die dunkleren Seiten der heutigen Jugendgeneration und die leichtfüßigen Einlagen dieser Comic-Persiflage ergeben im Zusammenspiel einen in sich schlüssigen, einheitlich wirkenden Abstecher in eine bittere Karikatur unserer Gesellschaft.

Dass «Kick-Ass» diese Gratwanderung dermaßen gelingt, dass der Zuschauer mit einem feisten Grinsen den Kinosaal verlässt ohne die ernsteren Hintergründe der soeben erzählten Geschichte zu verkennen, liegt insbesondere am formidablen Ensemble, das die in ihren Figuren liegende Absurdität gleichermaßen pointiert vermittelt, wie es die emotionale Bodenständigkeit in ihnen zu finden weiß. Am besten zeigt sich dies bei Hit-Girl, der erinnerungswürdigsten Figur des Films. Sehr schnell könnte eine Rolle wie diese lächerlich wirken, der Witz eines mordenden, fluchenden Kindes könnte sich schnell überreizen. Doch die wundervolle Jungschauspielerin Chloe Grace Moretz versteht es, Hit-Girl eine Seele zu verleihen und genügend Facetten an ihr zu entdecken, dass die überdrehte Kinderrächerin die gesamte Laufzeit über das Highlight von «Kick-Ass» bleibt. Deswegen steht und fällt diese Produktion für den Zuschauer mit seiner eigenen Stellung zu Hit-Girl. Wer diese gewissenlos tötende und schimpfende Killermaschine, die trotz allem ein echtes Mädchen geblieben ist, das Emotionen hat und zu ihrem Vater aufsieht, dermaßen provokant findet, dass es nicht mehr reizend ist, sondern verärgernd, der sollte «Kick-Ass» besser nicht gucken.

Auch wenn Hit-Girl der Titelfigur die Schau stiehlt, sollte der Beitrag von Aaron Johnson als Dave Lizewski nicht unterschätzt werden. Seine glaub- und liebenswürdige Darstellung des unauffälligen Normalos, der als Held verkleidet aus der Bedeutungslosigkeit ausbrechen will, liefert «Kick-Ass» die anfängliche Bodenständigkeit, die dazu nötig ist, um die später ausufernden Ereignisse zünden zu lassen. Zudem hat Johnson ein sehr gutes komödiantisches Timing, mit dem er die Schul-Sequenzen auf das Level von «Superbad» hebt, der besten und ehrlichsten US-amerikanischen Teenagerkomödie der vergangenen Jahre. Aus exakt dieser lieh sich Regisseur Matthew Vaughn auch den Jungdarsteller Christopher Mintz-Plasse, dessen nerdiger «Superbad»-Versager McLovin zu einer Kultfigur wurde. In «Kick-Ass» hat Mintz-Plasse die Gelegenheit, sich gegen übermäßiges Typecasting zu wehren und aus der Schublade des trotteligen Teenies auszubrechen. Als aufgrund seines Reichtums ausgegrenzter und von seinem Vater nicht ernst genommener Sohn des Gangsterbosses Frank D'Amico kann Mintz-Plasse eine ambivalentere und gediegenere Seite seines Könnens zeigen und darin überzeugen, selbst wenn seine Rolle von einem Mehr an Leinwandzeit profitiert hätte. Währenddessen vereint Nicolas Cage, der einzige große Star im «Kick-Ass»-Ensemble, als Big Daddy nach eigenen Aussagen Züge von Elvis und Batman-Darsteller Adam West zu einer außergewöhnlich komischen Vaterfigur. Trotz Big Daddys verstörenden Erziehungsmaßnahmen merkt man ihm an, dass er seine Tochter vom ganzen Herzen liebt und somit sorgt die stellenweise auch wie eine clevere Selbstparodie Cages auftretende Figur für einige der größten Lacher. Zudem ist sie für einen großen Teil der rar gesäten, aber sehr gut eingesetzten rührenderen Momente in «Kick-Ass» verantwortlich.

Sein angeblich unter 30 Millionen Dollar liegendes Budget merkt man «Kick-Ass» zu keiner Zeit an. Matthew Vaughns dritter Kinofilm ist vielleicht nicht ganz so imposant wie seine vergangene Regiearbeit «Der Sternwanderer», erweckt seine Vorlage aber dennoch mit gelungenen Sets und Spezialeffekten zum Leben. Ähnlich wie Quentin Tarantino greift Vaughn in «Kick-Ass» vornehmlich auf bereits existierende Musikstücke zurück, die allesamt hervorragend zu ihren jeweiligen Szenen passen und insbesondere in den Kampfsequenzen den Spaßfaktor in die Höhe schnellen lassen. Was Fans der Comicvorlage vielleicht bemängeln werden, ist der etwas heruntergeschraubte Grad des Zynismus im Vergleich zur Vorlage, der im Kinofilm durch eine höhere Greifbarkeit und Plausibilität der Hauptfigur ersetzt wird.

Fazit: «Kick-Ass» brilliert mit kindischer Freude an comichafter Gewalt, beißender Gesellschaftskritik und einem wundervoll aufgelegten Ensemble. Wer kein Problem mit exzessiven, unrealistischen Actionsequenzen hat und sich mit derbem Vokabular arrangieren kann, kann mit der außergewöhnlichen und rasanten Superhelden-Persiflage «Kick-Ass» absolut nichts falsch machen.

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