Die Kino-Kritiker

«Avatar - Aufbruch nach Pandora»

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James Camerons «Avatar - Aufbruch nach Pandora» sollte nichts geringeres als eine Kino-Revolution werden. Quotenmeter.de sah das technisch perfekte Abenteuer und verrät, ob Cameron sein Ziel erreicht hat.

2154. Der querschnittsgelähmte, ehemalige U.S. Marine Jake Sully (Sam Worthington) soll nach dem Tod seines Bruders dessen Stelle in einer wissenschaftlichen Mission auf dem fernen Planeten Pandora übernehmen.
Auf diesem Planeten befindet sich eine große Menge des wertvollen Rohstoffs Unobtainium, dessen Abbau sich jedoch als äußerst schwierig gestaltet: Auf Pandora leben die Na’vi, eine intelligente und humanoide Spezies, die sich im Einklang mit der Natur befindet und über einer Unobtainium-Hauptader niederließ.
Deswegen wurde das Avatar-Projekt ins Leben gerufen: Ausgewählte Wissenschaftler steuern einen aus menschlicher DNS und Genen der Na’vi gezüchteten Körper, einen so genannten Avatar, um die Eingeborenen zu unterwandern und auf diplomatischem Wege zu einer Umsiedelung zu überreden. Anderweitig werde eine Militäreinheit, angeführt vom kernigen Colonel Miles Quaritch (Stephen Lang), mit gewalttätigen Mitteln einschreiten.
Das Wissenschaftspersonal wird angeleitet von der sarkastischen Dr. Grace Augustine (Sigourney Weaver), die von den biologischen Phänomenen auf Pandora vollkommen fasziniert ist und den Frieden mit den Na‘vi bewahren möchte, um ihre intensiven Forschungen weiter betreiben zu können.

Für Jake Sully ist diese Mission wiederum eine genussvolle zweite Chance. In Form seines Avatars hat er funktionstüchtige Beine, ist von den Fesseln des Rollstuhls befreit und kann unbekümmert durch die farbenprächtige Welt Pandoras streifen. Seine Aufgabe, die Na‘vi sowohl für die Wissenschaftler, als auch für das Militär auszuspionieren, erledigt er bloß nebenher. Als er sich während einer Dschungelexpedition mit dem Wissenschaftsteam verirrt und dabei der Na‘vi-Prinzessin Neytiri (Zoë Saldaña) begegnet, ändern sich seine Prioritäten. Zunächst ziehen ihn ihre Lektionen über Pandora und die Kultur der Na‘vi in Bann, aber als Jake Sully mehr und mehr in den Stamm integriert wird, entwickelt er auch ernsthafte Gefühle für die starke Kriegerprinzessin.

Als «Titanic» 1997 mit einem Einspielergebnis von weltweit über 1,8 Milliarden Dollar zum erfolgreichsten Film aller Zeiten wurde, sofern man die Inflation und gestiegenen Ticketpreise mit Missachtung billigt, und 11 Oscars erhielt, stieg der Regisseur James Cameron zum “König der Welt” auf. Über die Rechtfertigung dieses Erfolgs streiten die Gelehrten bis heute. Den zahlreichen Verehrerinnen und Verehrern des romantischen Blockbusters stehen vergleichbar vielen Menschen gegenüber, die «Titanic» mit wahrhaftiger Passion verachten und jede Gelegenheit wahrnehmen, um ihrer Abneigung Ausdruck zu verleihen.

Während «Titanic» somit festen Einzug in unsere Kinokultur fand und regelmäßig neue Diskussionen über diesen Film entflammten, zog sich Cameron aus dem fiktiven Fach zurück. Stattdessen drehte der Kanadier mehrere bildgewaltige Dokumentationen über die Tiefsee. Für seine Rückkehr ins Unterhaltungsfach nahm sich der Regisseur von «Terminator», «Terminator 2 - Tag der Abrechnung» und «Aliens - Die Rückkehr» nichts geringeres als eine Kinorevolution vor. «Avatar - Aufbruch nach Pandora» sollte für immer unsere cineastische Betrachtungsweise ändern.

Ob «Avatar - Aufbruch nach Pandora» dem selbst gestellten Anspruch als technisches Nonplusultra gerecht wird, hängt von den Erwartungen ab, die man als Zuschauer an eine solche Revolution hat. Tatsächlich ist Camerons Traumprojekt, den ersten Entwurf des Drehbuchs verfasste er angeblich vor fünfzehn Jahren, visuell nahezu makellos. Von einigen, kurzen Einstellungen während einer Verfolgungsjagd abgesehen, sind die zahlreichen Computeranimationen (die komplette Flora und Fauna von Pandora entstand am Rechner) nicht als solche zu erkennen und verschmelzen mit den realen Elementen der Produktion.
Und sobald man sich an das außergewöhnliche Design der Na’vi gewöhnt hat, was dank der ausführlichen Einführung problemlos gelingt, findet man an ihrer Umsetzung keinerlei Kritikpunkte mehr. James Camerons Weiterentwicklung der Motion-Capture-Technologie, die er Performance Capturing taufte, ermöglicht ein detailliertes, greifbares Schauspiel, und anders als in Robert Zemeckis’ Motion-Capturing-Machwerken behält die technische Umsetzung der Na’vi ein konstant hohes Niveau, so dass der Zuschauer zu keinem Zeitpunkt aus der fiktiven Filmfelt gerissen wird und sich in ein altbackenes Videospiel versetzt fühlt.

Wer «Avatar - Aufbruch nach Pandora» allerdings kritisch abklopft, und dabei den stattgefundenen Hype als Maßstab nimmt, der wird Camerons selbst gesetzten, technischen Auftrag als teilweise gescheitert betrachten. In der wundervollen Welt von Pandora wartet ästhetische Perfektion auf den Zuschauer, jedoch lässt dieser fremde Planet kurioserweise viele Dinge missen, die in der Computeranimation als besondere Herausforderungen gelten. Fell oder offenes Haar sind beispielsweise kaum oder gar nicht anzutreffen. Und während sich Robert Zemeckis seit Jahren an der realistischen Darstellung menschlicher Haut die Zähne ausbeißt, haben die Wesen auf Pandora, rein zufällig natürlich, eine schimmernde, leicht illuminierende Haut anstelle einer menschenähnlichen Hautoberfläche.
Deshalb könnte Cameron von Kritikern der Vorwurf gemacht werden, er habe den leichtesten Weg zu technischer Perfektion gewählt.
Allerdings ist es unfair, «Avatar - Aufbruch nach Pandora» daran zu messen, dass er das Kino für immer verändern sollte. Anders, als vom Hype suggeriert, kann man sich nach «Avatar - Aufbruch nach Pandora» weiterhin problemlos andere, effektreiche Filme ansehen, ohne sich in die Steinzeit versetzt zu fühlen. Auf Pandora findet eine Kino-Evolution statt, keine alles aufwühlende Revolution. Und das ist keinesfalls schlecht - lediglich nicht ganz so gut, wie manche es versprachen.

Vor allem aber ist «Avatar - Aufbruch nach Pandora» kein seelenloses Effektspektakel, mit dem Cameron aufzeigt, wozu eine Horde von Effektspezialisten fähig ist, wenn sie mit mehreren Millionen Dollar angetrieben unter der Rigide eines Perfektionisten arbeitet. In «Avatar - Aufbruch nach Pandora» sprechen die Explosionen und am Computer kreierten, atemberaubenden Landschaftsbilder nicht für sich allein. Sie sind Teil einer Geschichte, sie dienen der Verwirklichung eines Films mit Herz. Dies fängt bereits bei James Horners anmutiger, märchenhafter Musikuntermalung an, in die behutsam esoterische Ethno-Elemente eingestreut wurden.

Die Handlung von «Avatar - Aufbruch nach Pandora» mag zwar weder sonderlich komplex sein, noch sprüht sie vor Innovation oder verlangt ihren Schauspielern irgendwelche Bestleistungen ab, doch Cameron erzählt seine Geschichte mit so viel Feingefühl, Leidenschaft und Detailliebe, dass es eine Leichtigkeit ist, über diese Mängel hinwegzusehen und gänzlich in den Film einzutauchen. Dass dies gelingt, ist insbesondere der gedanklichen und handwerklichen Sorgfalt zu verdanken, mit der James Cameron die neue Welt von Pandora erschuf. Durch diese Akribie bilden die erschöpfenden Landschaftserkundungen und Lektionen über die Kultur der Na’vi eine unzertrennliche Einheit mit der Geschichte, ähnlich wie die Na’vi eins sind mit der Natur und ihrer mystischen Gottheit.

Trotz der stattlichen Laufzeit von über 160 Minuten, ist «Avatar - Aufbruch nach Pandora» keine Sekunde zu lang, einmal in der prächtigen Dschungelumgebung Pandoras angelangt, möchte man sie gar nicht mehr verlassen. Vor allem die überwältigenden Luftaufnahmen während der Zähmung drachenähnlicher Kreaturen und die wunderschönen Nachtaufnahmen, wenn die neonfarbenen, leuchtenden Tierchen Pandoras zum Leben erwachen, können sich einem eigentlich nicht lange genug vor dem Auge ausbreiten. Es sind solche, den zentralen Liebesplot von «Avatar - Aufbruch nach Pandora» vorsichtig vorantreibenden, Sequenzen, die diesem fantasiereichen Sci-Fi-Abenteuer erstaunlichen Charme und eine dichte Atmosphäre verleihen. Davon profitiert auch die nicht minder bedeutsame Geschichte eines sich in den Stamm integrierenden Fremden, die in «Avatar - Aufbruch nach Pandora» erzählt wird. Man fühlt sich sofort mit den Na’vi verbunden und kann Jake Sullys Bewunderung für ihre Lebensweise vollkommen nachempfinden.

Die beeindruckende 3D-Technologie ist dabei lediglich der letzte Schliff. Dank neu entwickelter, stereoskopischer Kameras, bietet «Avatar - Aufbruch nach Pandora» ein gestochen scharfes, dreidimensionales Bild, welches Cameron einzig und allein dazu nutzt, um die Illusion, man befände sich auf diesem traumhaften, fremden Planeten, zu perfektionieren. Ablenkende 3D-Effekthascherei fand keinen Eingang in diese sorgfältige Produktion, deren Moral zwar etwas altbacken sein mag, jedoch noch immer relevant ist.

Fazit: «Avatar - Aufbruch nach Pandora» definiert das Kinoerlebnis nicht neu. Gleichwohl liefert James Cameron mit diesem Film ein technisch perfektes, einvernehmendes Erlebnis ab, welches im Gegensatz zu vielen anderen Effektschlachten nicht verlernt hat, worum es beim Geschichtenerzählen wirklich ankommt: Gefühl und die Fähigkeit, den Zuschauer am Geschehen teilhaben zu lassen.

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