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Fernsehfriedhof

Der Fernsehfriedhof: «Die Burg»

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Christian Richter erinnert an all die Fernsehformate, die längst im Schleier der Vergessenheit untergegangen sind. Folge 26: Enthemmt im Kettenhemd.

Liebe Fernsehgemeinde, wir gedenken einer Sendung, die dem vielbesagten Untergang des Abendlandes recht nah kam.

«Die Burg» wurde am 23. Januar 2005 bei ProSieben geboren und entstand zu einer Zeit, als der Kanal mit den eigentlich als große Highlights angekündigten Sendungen «Comeback – Die große Chance», «Die Supergärtner» und «The Swan – Endlich schön» eine Bauchlandung nach der anderen verkraften mussten. Im Fall von «Mein bester Freund» und «Hire Or Fire» war der Zuspruch des Publikums sogar derart gering, dass die Reihen bereits nach einer Episode vom Schirm genommen wurden. Lediglich das allgemein (auch intern) belächelte Sommerprogramm «Die Alm» erzielte überraschend gute Quoten und stellte einen kleinen Lichtblick dar. Dahinter verbarg sich eine allzu offensichtliche Kopie der Show «Ich bin ein Star, holt mich hier raus!», mit der Konkurrent RTL zu jener Zeit Rekordmarktanteile erreichen konnte. Was lag daher näher, als die erfolgreiche Kopie erneut zu kopieren? Und so begannen zwei denkwürdige Wochen...

Als Austragungs- und Unterbringungsort für die zu quälende B-Prominenz diente anstatt des australischen Dschungels oder einer alpinen Berghütte diesmal die österreichische Burg Rappottenstein aus dem 12. Jahrhundert. Das mittelalterliche Umfeld bestimmte den kompletten Ablauf der folgenden Tage, denn die zehn Teilnehmer wurden (ähnlich wie schon bei früheren «Big Brother»-Staffeln) in die Gruppen „Pöbel“ und „Adel“ eingeteilt, wobei den adeligen Bewohnern das körperliche Arbeiten strengstens verboten war und sie sich vom Pöbel bedienen lassen durften. Mit diversen Duellen wie Ritterkämpfen oder dem Einfangen von Ratten war es den Kontrahenten allerdings möglich, die Stände zu wechseln. Dazu kam, dass die Gemächer anstatt über fließendes Wasser und richtige Toiletten, nur über einen zentralen Brunnen sowie ein Plumpsklo verfügten. Außerdem herrschten in den unbeheizten Gemächern wegen des harten Winters äußerst niedrige Temperaturen, was zusätzlich stark an den Nerven der Kandidaten zerren sollte.

Unter ihnen befanden sich der quirlige Talkshow-Moderator Ricky Harris («Ricky!»), die Komikerin Tanja Schumann («RTL Samstag Nacht», «Was bin ich?»), die Soap-Sternchen Jan Hartmann und Andrea Suwa (beide «Verbotene Liebe») sowie Vocal-Coach Artemis («Popstars»). Für die Erotik sollten die üppig ausgestatteten Nacktmodells Lydia Pirelli und Tina Angel sorgen, während mit Alex Jolig und Karim Maataoui gleich zwei ehemalige «Big Brother»-Gesichter auf der Gästeliste standen, die dort beide vor allem durch ihren Sex vor laufenden Kameras aufgefallen waren. Im Fall von Karim, der sich im Container den Beinamen „Der Knutscher“ erarbeitete, fand dieser sogar sichtbar im Whirlpool statt. Zusätzlich war der Schlagersänger Christian Anders dabei, der zuvor seine Freundin - das spätere 9Live-Gesicht Jenna - öffentlich für eine halbe Million Euro an den sogenannten Kitsch-Millionär Michael Leicher verleihen wollte. Zuletzt verkündete man hochmütig, mit Xenia Prinzessin von Sachsen sowie Prinz Frédéric von Anhalt zwei echte Adelige als Teilnehmer gewonnen zu haben. Doch gerade Frédéric von Anhalt hatte sich in der Vergangenheit oft wenig adelig verhalten.

Damit sämtliche Begebenheiten eingefangen werden konnten, installierte die zuständige Produktionsfirma Blue Eyes rund 40 Kameras im alten Gemäuer – zum Teil mit viel Aufwand, da der Denkmalschutz hohe Auflagen gestellt hatte. Insgesamt 150 Mitarbeiter sollten für den Ablauf und möglichst unterhaltsame Übertragungen sorgen. Zwei von ihnen waren die ProSieben-Allzweckwaffen Sonya Kraus und Elton, die täglich die Höhepunkte live präsentierten. Getreu dem Motto „Never Change A Winning Team“ hatte man das Duo unverändert von «Die Alm“ übernommen, das sich erneut merklich an den Dschungelmoderatoren Sonja Zietlow und Dirk Bach orientierte. Alles in allem soll ProSieben rund drei Millionen Euro investiert haben, wodurch der Erfolgsdruck entsprechend groß war.

Für die Zusammenfassungen, die werktäglich um 20.15 Uhr sowie am Wochenende nach 22.00 Uhr ausgestrahlt wurden, erhoffte sich Christian Asanger, der stellvertretender Unterhaltungschef von ProSieben, deshalb einen Marktanteil von mindestens 15 Prozent in der werberelevanten Zielgruppe. Die zweistündige Premiere ließ aber vermuten, dass es anders kommen werde und in welche inhaltliche sowie handwerkliche Richtung sich das vermeintliche Spektakel entwickeln sollte. So wurden die Geschehnisse allzu erkennbar in nicht-chronologischer Reihenfolge gezeigt, vermeintliche Höhepunkte zig-fach wiederholt und die Vorstellungen der vermeintlichen Berühmtheiten zu ausführlich vorgenommen. Bei Spiegel Online lautete das Fazit daher schlicht „konfus“.

Der Auftakt ließ auch erahnen mit welchem Ton sich die Promis untereinander begegnen werden, denn Frédéric von Anhalt pöbelte direkt gegen seine Mitspielerin Tina Angel. Beim ersten Duell hatte sich zudem Karim eine Schulterverletzung zugezogen und musste behandelt werden. Im Laufe der nächsten Tage buhlte dann Schlagersänger Christian Anders öffentlich um die Gunst von Tina Angel, nur weil ihm ihre Oberweite gefiel, was er nicht müde wurde zu betonen. Parallel dazu weigerte sich Gesangslehrerin Artemis das Plumpsklo der Gruppe zu reinigen und wurde als Strafmaßnahme prompt dauerhaft für diese Aufgabe bestimmt, unterdessen Christian Anders wiederum stolz sein morgendliches Geschäft vorführte und es öffentlich anpries. Derweil setzte Prinz Frédéric die Beschimpfungen von Tina Angel fort und betitelte sie vor laufenden Kameras als „Nutte“, bevor er sie, um sie aus dem Raum zu vertreiben, mit kaltem Wasser überschüttete. Später spuckte er noch in den Eistee der für seine Mitstreiter bestimmt war. Kurz, es verging kein Tag, in denen sich die Kontrahenten nicht gegenseitig angingen, beschimpften oder drangsalierten. Dies lag sicher nicht nur an den extremen Bedingungen, der Zugehörigkeit zu den zwei Lagern, sondern auch am Niveau einiger der ausgewählten Kandidaten. Anstatt gegen diese Streitigkeiten jedoch vorzugehen, schürte die Redaktion die Spannungen mit gezielten Duellen und Aktionen.

All diese Konflikte und kleineren Skandale wollten dem Projekt dennoch nicht zu hohen Sehbeteiligungen verhelfen. Von den ohnehin schon enttäuschenden 2,09 Millionen Menschen, die den Auftakt im Schnitt eingeschaltet hatten, blieben bald nur noch 1,5 Millionen übrig. Es bestand also Handlungsbedarf, um einen weiteren Misserfolg für ProSieben verhindern zu können. Daher wurde kurzerhand das Model Kader Loth engagiert und auf die Burg verfrachtet. Schließlich galt ihr Mitwirken bei «Die Alm» als ein Hauptgrund für das unerwartet gute Abschneiden der Sendung, was sich nicht zuletzt darin zeigte, dass sie als „Alm-Königin“ aus ihr hervorging. Erstmals für ein größeres Publikum bekannt geworden war sie, als sie im März 2004 für wenige Wochen ins «Big Brother»-Haus einzog und dort einen sichtbar inszenierten Ohnmachtsanfall erlitt.

Ihr vermeintlicher „Rettungseinsatz“ sorgte nun dafür, dass der Zank unter den Burg-Insassen weiter wuchs und sogar eskalierte, denn Prinz Frédéric, der sich erwartungsgemäß mit ihr ebenso stritt, urinierte mit seinem Kumpel Karim heimlich in ihr Badewasser. Als die Redaktion diese Bilder den übrigen Burg’lern dann stolz vorführte, entstand während einer Live-Ausgabe ein Handgemenge samt Essensschlacht, bei dem Geschirr und angeblich auch Fäuste durch den Raum flogen. Am Ende musste Kader Loth wegen Verdacht auf Gehirnerschütterung und Prellungen im Gesicht ins Krankenhaus. Prinz Frédéric wurde für seinen Ausraster bestraft, indem er zunächst für einige Stunden in einen Käfig gesperrt wurde, bevor er kurz darauf die Burg endgültig verlassen musste. Beide Streithähne verklagten sich anschließend gegenseitig wegen Körper- und Persönlichkeitsrechtsverletzungen.

Immerhin sorgte der Vorfall für einen kurzfristigen Anstieg der Einschaltquoten, denn erstmals kletterte der Marktanteil mit 16,3 Prozent über die angepeilte Mindestmarke. Dies sollte allerdings das einzige Mal bleiben. Stattdessen pendelten die Werte meist um zehn Prozent. Zugleich sorgten die gewollten und ungewollten Auseinandersetzungen zwar für eine gewisse Aufmerksamkeit, schadeten aber durch ihre Auswüchse dem Image des Unternehmens. Dies musste später jedenfalls der ProSieben-Geschäftsführer Dejan Jocic zugeben: „Durch die Aufteilung in Pöbel und Adel haben wir eine Situation geschaffen, die vergleichbar mit dem Film «Das Experiment» war. Das war nicht unsere Absicht. Im Mittelpunkt sollte die Zeitreise stehen. Wir wurden überrascht, welche Wendung die Show nahm.“ Letztlich war es nicht verwunderlich, dass die Produktion um keine zweite Staffel verlängert wurde. Mehr noch, Jocic verkündete sogar, dass man künftig von Formaten dieser Art Abstand nehmen wolle.

«Die Burg» wurde am 07. Februar 2005 beerdigt und erreichte ein Alter von 16 Folgen. Die Show hinterließ neben dem Sieger Christian Anders eine Reihe von gepeinigten B-Promis, die später kaum noch einmal in Erscheinung traten. Tanja Schumann schien die Erfahrung dennoch nicht abgeschreckt zu haben, denn sie nahm im Januar 2014 am Original-Dschungelcamp teil. Prinz Frédéric von Anhalt adoptiert seither regelmäßig erwachsene Menschen, um ihnen zu einem Adelstitel zu verhelfen und lässt sich dafür gut bezahlen. Im Jahr 2007 beanspruchte er ferner die Vaterschaft des Babys der verstorbenen Milliardärserbin Anna Nicole Smiths, obwohl seine Frau - die Hollywood-Legende Zsa Zsa Gabor - sterbenskrank zu Hause im Bett lag. Seine gerichtlichen Auseinandersetzungen mit Kader Loth blieben derweil erfolglos. So richtig schien übrigens ProSieben aus den Fehlern nicht gelernt zu haben, denn im Sommer 2011 schickte man eine weitere Staffel von «Die Alm» über den Äther.

Möge die Show in Frieden ruhen!

Die nächste Ausgabe des Fernsehfriedhofs widmet sich der Solo-Show von Brisko Schneider.

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