Fatih Akins Rachedrama «Aus dem Nichts» geht für Deutschland ins Oscar-Rennen. Nie war der Academy Award so verdient, wie in diesem Jahr – nicht bloß wegen einer famosen Diane Kruger.
In einem entscheidenden Moment in «Aus dem Nichts» hält Denis Moschitto («Amelie rennt») in seiner Rolle als Anwalt in einem ungeplanten Plädoyer eine regelrechte Wutrede auf die niederen Befragungsmethoden des grandios widerlich aufspielenden Johannes Krisch («A Cure for Wellness») in der Rolle des Verteidigers. Nach Sekundenbruchteilen der Stille ertönt plötzlich Applaus im Gerichtssaal, gefolgt von den dumpfen Schlägen des Richterhammers. Es sind solche Szenen, in denen sich Fatih Akin geschickte Manipulation zu Gunsten der zunächst klar als Opfer ausgelegten Katja vorwerfen ließe. Doch manchmal sind die Dinge ganz einfach: Zu keinem Zeitpunkt käme man als Zuschauer auf die Idee, für Danilos Vorwürfe in Richtung Gegenseite nicht ebenfalls aufspringen und ihn zu so deutlichen (und längst überfälligen!) Worten beglückwünschen zu wollen – den Applaus, man hört ihn schon, bevor Akin ihn überhaupt stattfinden lässt. «Aus dem Nichts» ist mit seiner Konzentration auf die Figur der Katja gewiss nicht subtil, aber schlussendlich darf er das auch gar nicht sein. Die Positionen sind so klar verteilt, dass es vollkommen außer Frage steht, wer in diesem Opfer-Täter-Konstrukt zu welcher Seite gehört.
Wenn Diane Kruger («Inglourious Basterds») – die in «Aus dem Nichts» zweifellos die mit Abstand beste Leistung ihrer bisherigen Karriere abliefert und in Cannes dafür völlig zu Recht mit der Goldenen Palme als „Beste Schauspielerin“ ausgezeichnet wurde – im nächsten Moment aufspringt, um den Peinigern ihrer Familie an die Gurgel zu gehen, möchte man die junge Frau nicht zurückhalten (nicht einmal das hohe Gericht sieht es ihr in diesem Moment nach – ein Funken Hoffnung in einem vielleicht mitunter zu emotionslos geführten Rechtssystem). Der auch für das Skript zuständige Fatih Akin geht in seinem Film nicht umsonst einen Weg über drei verschiedene Genres, beginnt beim markerschütternden Familiendrama, nimmt den Abstecher über den Gerichtsfilm und mündet in einen Rachewestern von beneidenswerter Konsequenz. Um die Frage nach der Vertretbarkeit von Rache und Selbstjustiz geht es dem gebürtigen Deutschen mit türkischen Wurzeln allerdings überhaupt nicht; und an dieser Stelle geht Akin dann auch den einzig richtigen Weg im Kampf gegen sinnlose Gewalt. Er verzichtet auf sein Urteil. Stattdessen bleibt er auch im letzten Drittel konsequent auf Augenhöhe mit seiner Protagonistin und lässt uns damit nicht bloß an ihrem Schmerz teilhaben, sondern führt uns auch ihren Wandel vor Augen, als aus der – im wahrsten Sinne des Wortes – am Boden liegenden Witwe eine abgeklärte Bombenbauerin wird.
«Aus dem Nichts» ist von der ersten bis zur letzten Sekunde auf seine Hauptfigur zugeschnitten. Das führt mitunter dazu, dass alles um sie herum bisweilen nur schemenhaft und sogar überzeichnet erscheint. Außer ihr, und vielleicht in Ansätzen der in ihrem Sinne handelnde Anwalt, sind alle Charaktere um sie herum auf ihre Funktionen im System beschränkte Stereotypen – und auch damit trifft es Akin leider erschreckend gut. Wenn der entsetzlich abgeklärte Strafverteidiger Haberbeck mit allen Mitteln versucht, seine gleichermaßen widerwärtigen Mandanten in ein besseres Licht zu rücken, indem er die Nebenklägerin degradiert und demütigt, oder ein gekauftes Alibi aus dem Hut zaubert, als wäre es das Leichteste der Welt, dann möchte man als Zuschauer genau das tun, was auch Katja in diesem Moment gern täte: Ihnen allen der Reihe nach die Fresse polieren. Das klingt nicht nur radikal, es erweckt auch den Eindruck, als schüre Fatih Akin sogar beim Zuschauer gezielt Rachegelüste; erst recht, da er ziemlich schnell erkennen lässt, dass hinter dem im Film den größten Teil einnehmende Part der Gerichtsverhandlung gar nicht das Ziel steckt, tatsächlich Aufklärung zu betreiben; dass das Nazi-Pärchen schuldig ist, steht also von Anfang an außer Frage.
Die rasende Wut in Katja, die im Verlauf der knapp eindreiviertel Stunden immer wieder von manischer Lethargie durchbrochen wird, manifestiert sich in der flirrenden Kameraarbeit Rainer Klausmanns («Tschick»), der die drei verschiedenen, durch die Kapitel «Die Familie», «Gerechtigkeit» und «Das Meer» getrennten Filmabschnitte in ganz unterschiedlichen Bildern einfängt. Auf den fiebrig-verschwommenen, zum Ende hin immer mehr aufklarenden ersten Akt folgt die fast schon dokumentarisch anmutende Gerichtsverhandlung, abgeschlossen schließlich von den verwaschenen Bildern Griechenlands, das aus der stets subjektiven Perspektive von Katja nichts mehr mit einem Urlaubsparadies zu tun haben. Dazwischen blendet Akin immer wieder Aufnahmen von Homevideos ein – vielleicht der einzige Makel als «Aus dem Nichts», der so ein generisches Moment zwecks zusätzlicher Emotion und Dramatik gar nicht gebraucht hätte. Zwischendurch experimentiert Klausmann mit Zeitlupen und extremen Close-Ups – dass in dieser Geschichte ausschließlich das Leid einer einzelnen Person im Fokus steht, steht außer Frage. 

• A Cure for Wellness • Amelie rennt • Aus dem Nichts • Das Meer • Das weiße Band • Die Familie • Gegen die Wand • Gerechtigkeit • Im Labyrinth des Schweigens • Inglourious Basterds • Toni Erdmann • Tschick
Manager Creative Productions (m/w/d)
Jungredakteur/Redakteur Casting (w/m/d)
Pflicht/-Orientierungspraktikant Redaktion (w/m/d)
Redakteur (w/m/d) oder Jungredakteur (w/m/d)
Jungredakteur/Redakteur (w/m/d)
Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel