Sonntagsfragen

Gore Verbinski: 'Das Horrorkino erlaubt einem, am Publikum ein psychologisches Experiment durchzuführen'

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Regisseur Gore Verbinski spricht mit Quotenmeter.de über Erschöpfung, die Arbeitshaltung der deutschen Crew seines neuen Films «A Cure for Wellness» und seine 'Mal schauen, ob ich scheitere'-Attitüde.

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Die Filmcrews in Amerika lieben es, Überstunden zu machen. Denn das bringt die dicken Scheine ein. Wer es schafft, 14 oder 15 Stunden am Tag zu arbeiten, denkt sich am Ende nur: „Großartig. Überstundenzuschlag!“ In Berlin dagegen heißt es: „Wir drehen für zehn Stunden. Das war’s, wir wollen mit der Familie zu Abend essen und haben auch sonst Freizeitpläne.“
Gore Verbinski
Ein Detail, das mir dahingehend gefällt, ist, dass die Firmenbosse zu Beginn des Films in der „normalen“ Geschäftswelt genauso ins Nichts starren wie die Spa-Patienten später … Kennen Sie, obwohl das Filmbusiness so voll mit Workaholics ist, Zufluchtsorte, wo Ihnen dieser leere Blick nicht begegnet ist?
Ja. Es war für mich eine interessante Erfahrung, hier in Berlin zu drehen und mich an einen zehnstündigen Drehtag zu gewöhnen. Ich habe das sehr zu wertschätzen gelernt. Die Filmcrews in Amerika lieben es, Überstunden zu machen. Denn das bringt die dicken Scheine ein. Wer es schafft, 14 oder 15 Stunden am Tag zu arbeiten, denkt sich am Ende nur: „Großartig. Überstundenzuschlag!“ In Berlin dagegen heißt es: „Wir drehen für zehn Stunden. Das war’s, wir wollen mit der Familie zu Abend essen und haben auch sonst Freizeitpläne.“ Ich musste mich so mühselig daran angleichen. Dieser Gedanke „Kleine Brötchen backen“, wie ihr in Deutschland sagt, der ist bei amerikanischen Filmcrews überhaupt nicht vorhanden – dabei ist die Qualität des Endprodukts wirklich ebenbürtig.

Das ist aber eine Beobachtung, die ich in der Art nur in Berlin gemacht habe – es ist nicht einmal in ganz Deutschland so. Umso kurioser war es, mit einer Berliner Crew für eine Zeit lang in Studio Babelsberg an diesem Film zu arbeiten, der davon handelt, was ich als die Erkrankung der modernen Menschheit betrachte – und die in Hollywood die Leute genauso befallen hat wie in München oder irgendwo sonst in der Welt. Doch in Berlin haben die Filmcrews es irgendwie rausbekommen, wie sie ihr Leben auskosten und dennoch ihre Kunst vollauf respektieren können, indem sie nach zehn Stunden einen Drehtag beenden.

Wie ausführlich lief das Location Scouting ab, um die ideale Burg für diesen Film zu finden?
Ich habe zwölf Burgen besichtigt – in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie in Rumänien. Aber Hohenzollern war die Burg, die zu mir gesprochen hat. Und das war mir wichtig – dass die Burg eine eigene Figur im Film ist. Ein Ort, der die Menschheit seit Jahrhunderten beobachtet und nun Lockhart zu sich lockt …

Obwohl die Geschichte in der Schweiz spielt, haben Sie nur sehr kurz dort gedreht …
Genau. Wir waren nur zwei Tage in der Schweiz, um in Tiefencastel zu drehen. Die Schweiz mag zwar der Schauplatz des Films sein, aber sie ist auch ein verflixt kostspieliger Drehort. Darum konnten wir es uns aus praktischen Gründen nicht leisten, dort länger zu drehen – wir mussten schnellstmöglich nach Deutschland zurück. Aber wir wollten, dass Lockharts Reise an einem Ort beginnt, der unzugänglich ist, an dem es einen faszinierenden Übergang von der Dunkelheit ins Licht gibt, und wo eine Bergidylle eine unvergleichliche Ruhe ausstrahlt … Und da schien mir die Schweiz der richtige Handlungsort zu sein – nicht zu vergessen, dass Thomas Manns «Der Zauberberg» Justin und mich zu dieser Erzählung inspiriert hat, da empfand ich es als wichtigen Verweis, auch unsere Geschichte dort spielen zu lassen. In Tiefencastel gab es dieses wunderbare Fleckchen, an dem sich der von mir herbeigesehnte Übergang von Dunkel zu Licht eindrücklich filmen ließ. Daher konnte ich nicht völlig darauf verzichten, in der Schweiz zu drehen …

Wenn eine Bildkomposition präzise genug ist und der Klang angespannt genug ist – dann wird man sich dieser sinnbildlichen Stimme bewusst, die aus der Situation heraus spricht.
Gore Verbinski
Von der Burg abgesehen: Wie schwierig war es, die Bildästhetik für diesen Film zu finden?
Der leitende Gedanke war das besagte Gefühl des Unvermeidlichen, das ich heraufbeschwören wollte. Wenn eine Bildkomposition präzise genug ist und der Klang angespannt genug ist – dann wird man sich dieser sinnbildlichen Stimme bewusst, die aus der Situation heraus spricht und Lockhart zu sich holt. Um dies zu verdeutlichen, beginnt der Film auch mit diesem Wiegenlied, kurz danach wird aus dem Off Pembrokes Brief verlesen – also erneut eine Stimme, die aus dem Nirgendwo herbeiruft. Lockhart wird, ganz gleich ob er sich dessen bewusst ist, zu diesem Ort heraufbeschworen … Zunächst wird ihm dieser Schreibtisch in einem Großraumbüro vermacht, mit diesem toten Goldfisch, und einfach alles verschwört sich im Anschluss gegen ihn. Solche Geschichten funktionieren meiner Ansicht nach am besten, wenn sie einen Bann auf einen ausüben, durch ihren Klang und ihre Optik. Insofern war mir früh klar, welcher Stil mir vorschwebt. Die Herausforderung war die Umsetzung, denn für dieses Gefühl eines unguten Zaubers ist große Sorgfalt erforderlich.

Steht bereits fest, was Ihre nächste Regiearbeit wird?
Nein, das weiß ich ganz ehrlich noch nicht. Es sind mehrere Ideen in Entwicklung, darunter manche, die gar nicht auf meiner IMDb-Seite präsent sind.

Wie etwa Ihre Komödie über ein Autorennen mit autonomen Wagen?
Ja, genau. Ich warte gebannt darauf, dass das Drehbuch die richtige Gestalt annimmt. Hoffentlich ist es bald so weit, denn wenn wir das Projekt nicht in naher Zukunft drehen, wird es noch zum Historienfilm!

Herzlichen Dank für das Gespräch.

«A Cure for Wellness» ist ab dem 23. Februar 2017 in vielen deutschen Kinos zu sehen.

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