Florian Gaags zweiter Film thematisiert den sozialen Trend zum Cybermobbing. Das Psychodrama «LenaLove» veranschaulicht diese Problematik nicht nur. Sogartig zieht es den Zuschauer immer weiter hinein in einen Strudel aus Neid, Missgunst und technischer Manipulation.
Lena (Emilia Schüle), 16, kreativ und hochsensibel, fühlt sich in der Vorortsiedlung, in der sie lebt, zunehmend ausgegrenzt und unverstanden. Im begabten Künstler Tim (Jannik Schümann) findet sie einen Seelenverwandten. Ein erster Flirt bahnt sich an, der aber jäh endet, als sich Lenas ehemals beste Freundin Nicole (Kyra Sophia Kahre) an Tim heranmacht. Tief enttäuscht schüttet Lena ihrem neuen Chat-Freund Noah ihr Herz aus. Noch ahnt die Schülerin nicht, wer sich tatsächlich hinter diesem Account verbirgt. Ein hinterhältiges Spiel nimmt seinen Lauf, das die makellose Fassade des Vorstadt-Idylls allmählich zum Einsturz bringt. Bei einem nächtlichen Date mit Noah gerät das „Spiel“ außer Kontrolle. Danach wird für Lena und alle Beteiligten nichts mehr so sein, wie es einmal war.
Insofern ist es dem authentischen Feeling nur zuträglich, dass Florian Gaag eine allzu stringente Erzählweise vermeidet. Mitunter ließe sich hier durchaus das negativ behaftete Adjektiv „sprunghaft“ verwenden, gleichzeitig entwickelt «LenaLove» erst durch diese sehr individuelle Art der Inszenierung seinen ganz eigenen Sog. Mal erzählt der Film die Liebelei zwischen Lena und Tim (in seiner Unnahbarkeit stark: Jannik Schümann) auf recht konventionelle Art und Weise, dann wiederum greift Gaag gar auf Klischees zurück, wenn er das Schulbiest Nicole einen fiesen Vergiftungsanschlag auf Lena ausüben lässt, oder ebenjenen Streich in Gang bringt, der die Hauptfigur denken lässt, in Wirklichkeit würde sie mit einem attraktiven jungen Mann chatten, in Wirklichkeit stecken jedoch ihre Schulfeindinnen dahinter. Doch die lebensnahen Dialoge sowie die vielschichtig gezeichneten Figuren lassen selbst die abgegriffensten Ideen so erscheinen, als wäre Gaag der Erste, der sie in einem Film unterbringt. Auch die Entscheidung, den Grund für einige der Taten nur anzureißen, lässt sich auf das echte Leben (gerade auf den Alltag Pubertierender) übertragen – schließlich wissen wir auch nicht immer, wie genau es eigentlich zu einer Auseinandersetzung kam. So entwickelt «LenaLove» schon bald eine Atmosphäre von nicht greifbarer Spannung, die Teenies und Jugendliche vor allem deshalb ansprechen wird, weil sie ein Gefühlschaos wiederspiegelt, das stellvertretend eine ganze Generation betrifft – wodurch sich der Kreis zu jener Verwirrtheit schließt, die damit verbunden ist, unser Ich mit dem Online-Ich unter einen Hut zu bringen.
So verkopft wie es nun erscheint, schaut sich «LenaLove» letztendlich aber gar nicht. Rein auf das Seherlebnis bezogen, ist Florian Gaags Film das Porträt einer Teenagerin, die einem bösen Streich auf den Leim geht. Als dieser mit fortschreitender Spieldauer immer mehr aus dem Ruder läuft, entwickelt «LenaLove» schließlich auch noch thrillerartige Züge (vor allem seine Zeit in der Münchner Graffiti-Szene kann Gaag hier nutzen, um die Gefühlslage seiner Protagonistin zu unterstreichen), wodurch das Leinwandgeschehen nie bewusst pädagogische Züge annimmt. Das Teeniedrama ist erzählerisch wie visuell absolut auf der Höhe der Zeit; ganz so, als wüsste Florian Gaag, dass er sich mit starkem Stoff nicht an das Publikum anbiedern braucht. Temporeich und pulsierend, aber mit ebenso viel Gefühl erhöht der Regisseur zudem die emotionale Fallhöhe seiner Hauptfigur, indem er sie als hochsensibel charakterisiert. Dieses Phänomen bezeichnet die stärkere Wahrnehmung sämtlicher Reize, was gerade in diesen Zeiten dafür sorgen kann, dass sich ein Mensch von der Gesellschaft ausgestoßen fühlt. Ein feiner Kniff, durch welchen sich die Geschichte auch über die Zielgruppe Heranwachsender hinaus auf jeden beliebigen Menschen übertragen lässt.

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