Hollywood ist nicht dafür bekannt, von starken Frauenfiguren überrannt zu werden. Umso eindrucksvoller präsentiert sich da nun die Schauspielersatire «Die Wolken von Sils Maria», die, inszeniert von einem ehemaligen Filmkritiker, sämtliche Erzähl- und Sehgewohnheiten auf den Kopf stellt.
In einem Zeitalter, in dem sich Hollywood immer noch schwer tut, starke Frauenfiguren zu kreieren, kommt «Die Wolken von Sils Maria» mit seiner nahezu durchgehend weiblichen Besetzung fast experimentell daher. Im Mittelpunkt stehen in der ersten Hälfte Schauspiellegende Juliette Binoche («Words & Pictures»), deren eigener Karriereweg ziemlich gut mit dem ihrer zu verkörpernden Figur Maria übereinstimmt. Binoche, die seit über 30 Jahren mit selbstverständlicher Regelmäßigkeit Filme dreht, ist nicht nur selbst eine Bank, sondern vermittelt diesen Status auch zu jedem Zeitpunkt in ihrer Rolle. Sie ist ein alter Hase des Showgeschäfts, ruhig, gelassen und mit den Erfolgsfaktoren der Traumfabrik ebenso vertraut, wie mit den Gefahren, die eine Karriere in der Öffentlichkeit zwangsläufig in sich birgt. Als Maria Enders strahlt Binoche eine angenehme Ruhe aus. Wann immer man ihr jedoch den sich ändernden Zeitgeist anhand der Nachfolgegeneration vor Augen führt, schwingt sogleich eine Spur der leisen Existenzangst mit. Ein idealer Nährboden für eine Geschichte, die sich damit befasst, dass eine Schauspielerin nach zwanzig Jahren noch einmal in dem Film mitwirken soll, mit welchem sie einst berühmt wurde. Dies ist aufgrund des buchstäblichen Rollentauschs ein Wink in Richtung menschlicher Vergänglichkeit. Gleichzeitig bleibt die Message ob des Franchise-Wahns Hollywoods nicht aus, wo selbst für sich allein stehende Charakterdramen irgendwann wieder aus der Mottenkiste herausgezerrt werden, um sich eines Remakes zu unterziehen.
Moretz hat in ihrer Rolle des umtriebigen Starlets zwar am wenigsten mit sich als realer Person zu tun. Gleichzeitig hat die als Hit-Girl bekannt gewordene Schauspielerin sichtlich den größten Spaß an ihrer Rolle. In Momenten, in welchen sich Maria und Valentine vermeintlich von Amateuren gedrehte Youtube-Videos der Skandalnudel angucken, mutiert «Die Wolken von Sils Maria» regelrecht zur Komödie und wird in derlei Szenen auch am aktivsten zur Satire. Der selbstdemontierende Aspekt der Story ist schlussendlich nur ein kleiner Faktor hinter dem qualitativen Erfolgskonzept des Dramas, dem weitaus mehr an der Psychoanalyse zweier voneinander abhängiger Frauen liegt. So eröffnet sich alsbald eine weitere Meta-Ebene: Während Maria Enders für eine Rolle probt, in welcher die gefährliche Leidenschaft zwischen zwei Frauen im Mittelpunkt steht, kristallisiert sich ebenjene Situation im fortwährenden Verlauf der Handlung auch zwischen ihr und ihrer Assistentin heraus. Wohin die Reise dieser andersartigen Liebschaft geht, soll aus Spoilergründen an dieser Stelle nicht verraten werden. Gleichwohl legt das Filmende eine solch große Anzahl an Interpretationsmöglichkeiten offen, dass nicht das „Wie“ von Relevanz ist, sondern die entscheidende Frage nach dem „Warum“.
Auch aufgrund der mit Bedacht gewählten Kulisse der Alpen versprüht «Die Wolken von Sils Maria» eine ganz besondere Atmosphäre. Hier oben in den Bergen finden die beiden Protagonistinnen nicht nur die notwendige Abgeschiedenheit, um sich mit der zu spielenden Rolle auseinanderzusetzen. Gleichzeitig fordert die Einsamkeit auch die Auseinandersetzung mit den eigenen Dämonen heraus. Assayas, der vor seiner Karriere als Regisseur als – man glaubt es kaum – Filmkritiker zuständig war, schlägt dem fachkundigen Publikum mit dem konsequenten Verweigern vor einfältigen Perspektiven immer wieder ein Schnippchen und fordert es, im Drehbuch auch aktiv so benannt, zum Einnehmen unterschiedlicher Sichtweisen heraus. Das macht «Die Wolken von Sils Maria» zwar zu einem Film, der nicht bloß angesehen, sondern akribisch genau verfolgt und gedeutet werden will. Gleichzeitig offenbart sich dem Zuschauer nur so das ganze Ausmaß der dreigeteilten Erzählung, wo jeder Abschnitt auf den jeweils anderen fußt und doch seine ganz eigene Message hat. Gerade aus diesem Grund ist Assayas‘ Werk von einer durchgehend angespannten Stimmung geprägt, die sich lange Zeit überhaupt nicht entlädt und dann so unspektakulär aufgelöst wird, dass das Unbehagen ob der fast beiläufigen Inszenierung noch viel, viel größer ist. Kurzum: Assayas gibt nichts auf gängige Sehgewohnheiten und erzählt nicht nur völlig frei von Konventionen, sondern inszeniert sein visuell unspektakulär gefilmtes Drama auch so, dass man das Gefühl für Realität und Fiktion alsbald verliert.

• Boulevard der Dämmerung • Die Wolken von Sils Maria • Maps to the Stars • The Equalizer • Twilight • Wie schreibt man Liebe • Words & Pictures
Manager Creative Productions (m/w/d)
Jungredakteur/Redakteur Casting (w/m/d)
Pflicht/-Orientierungspraktikant Redaktion (w/m/d)
Redakteur (w/m/d) oder Jungredakteur (w/m/d)
Jungredakteur/Redakteur (w/m/d)