Die Pixar Animation Studios haben mit Filmen wie «Ratatouille», der kunstvoll erzählten Geschichte einer Ratte, die Koch in einem Pariser Sternerestaurant werden möchte, oder «Die Monster AG», einer liebevollen Komödie über die hinter Kinderzimmerschränken verborgene, Energie aus Kindergeschrei ziehende Monsterwelt, bereits mehrmals „moderne Märchen“ gesponnen. Ein Märchen im herkömmlichen Sinne haben die Trickfilmzauberer aus Emeryville in ihrem ersten Dutzend abendfüllender Produktionen allerdings nicht erzählt, weshalb sie mit «Merida – Legende der Highlands» Neuland betreten. Auch wenn die im Schottland des zehnten Jahrhunderts angesiedelte Story auf keinem bereits existierenden Märchen basiert, erfüllt «Merida» viele der Anforderungen, die das Familienpublikum üblicherweise an einen Märchentrickfilm des Disney-Konzerns stellt. Gerade dieser Schritt der Pixar-Studios, sich mit ihrer neusten Produktion von ihrem gewohnten Stil zu lösen und eher ein disneytypisches Feeling anzustreben, stieß beim US-Kinopublikum sowie bei der US-amerikanischen Presse allerdings auf gespaltene Reaktionen.
Stürmisch, lebhaft und ebenso abenteuerfreudig wie sportlich - Prinzessin Merida ist der ganze Stolz ihres bärenstarken, großherzigen Vaters, König Fergus. Ihre Mutter, die besonnene Königin Elinor, kann sich Meridas unschickliches Benehmen dagegen nicht mitansehen. Mit eiserner Strenge gebietet sie ihrer Tochter, sich damenhafter zu zeigen und ihre gefährlichen Ambitionen aufzugeben. Diese traditionalistische Haltung will Merida jedoch nicht hinnehmen, sie möchte selbst über ihre Leben bestimmen und nicht das Leben führen, das ihr ihre Mutter befiehlt. Allein schon diese unterschiedlichen Wertevorstellungen strapazieren die Beziehungen im Königshaus DunBroch zu Genüge. Als Merida aber eines Tages davon Wind bekommt, dass ihre Mutter die Könige und Prinzen benachbarter Reiche eingeladen hat, um ungefragt Meridas Heirat zu arrangieren, hält es die kleine Rebellin nicht weiter aus. Sie führt das Turnier, bei dem sich entscheiden soll, wer ihrer Hand würdig ist, ad absurdum, türmt aus dem Königreich und folgt den Will O' the Wisps, kleinen Geisterwesen der Highlands, in die finsterste Ecke des Waldes. Der Sage nach sollen diese Geisterwesen Hilfesuchende zu einer Möglichkeit führen, ihr Schicksal zu ändern. Das käme Merida wie gerufen – doch ihr Wunsch zieht ungeahnte Folgen nach sich ...
Den ärgsten Stolperstein stellt die uneinheitliche Tonlage von Mark Andrews' Inszenierung dar. Dramatik und Humor zu einer einheitlichen Stimmung zu vereinen, gehört üblicherweise zu den Glanzleistungen der Pixar-Regisseure, hier hingegen scheinen die Übergänge zwischen Slapstick und ernsthaftem Charaktermoment, zwischen leichtfüßigem Märchengefühl und epischer Bandbreite nur selten wirklich feingeschliffen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Filmemacher mit dem ersten Akt Mystik, gefährliche Abenteuer und große Konflikte andeuten, auf welche sie im weiteren Verlauf allerdings verzichten. Stattdessen erzählen sie Meridas Selbstfindung als intime Familiengeschichte über eine holprige Mutter-Tochter-Beziehung weiter, die den Abenteuerdrang der Titelfigur und die implizierte Anspannung zwischen den zuvor etablierten Clans lediglich beiläufig behandelt. Aber selbst der Konflikt zwischen Merida und ihrer Mutter wird nicht konsequent zum ersten Akt des Films weitergesponnen. Anfangs wird großer Wert darauf gelegt, die Differenzen zwischen der freigeistigen Abenteurerin und der traditionsverpflichteten Königin komplex darzustellen und für beide Seiten Verständnis zu erzeugen. Eine unkomplizierte Lösung scheint zu Beginn des Films nicht denkbar, zu eingefahren sind Mutter und Tochter in ihrer jeweiligen Weltsicht.
Die Pixar Animation Studios verfügen bereits über eine erstaunlich lange Liste von Produktionen, bei denen nach Konzeption der Geschichte der Regisseur ausgetauscht wurde. Bislang führten diese personellen Wechsel zu solchen Glanzstücken wie «Toy Story 2» oder «Ratatouille», «Merida» indes wirkt erstmals wie ein archetypisches Beispiel dafür, dass zu viele Köche den Brei verderben. Ursprünglich wurde diese mit übernatürlichen Elementen gespickte Tochter-Mutter-Erzählung von Brenda Chapman («Der Prinz von Ägypten») entwickelt, aber als die Produktion unter ihrer Regieführung ins Stocken geriet, zog die Studioleitung sie von dem Projekt ab. An ihrer Stelle trat Mark Andrews, der als Regisseur auf seinem Resümme zuvor bloß den charmanten Slapstick-Kurzfilm «One Man Band» stehen hatte. Im Laufe der Produkion bekam Andrews mit Steve Purcell dann noch einen Co-Regisseur zur Seite gestellt. Wer der nunmehr drei im Abspann genannten Regisseure dem Film wie stark den Stempel aufgedrückt hat, bleibt wohl für ewig Pixars Geheimnis, dennoch wird sich «Merida» als bis dato tonal zerfahrenster Pixar-Film angesichts seiner Produktionshistorie Unkenrufen nicht verwehren können
Bei allem Negativismus: Neben seiner toll ausgearbeiteten sowie charismatischen, gleichwohl fehlbaren Heldin und der aufwändigen Optik hat «Merida» noch immer sehr clever geschriebene und überdurchschnittlich umgesetzte Einzelsequenzen zu bieten. Ob das spannende Bogenschützenturnier, Meridas Besuch bei einer ebenso schrulligen wie gruseligen Einsiedlerin oder ein schreiend komisches Frühstück im Wald – in seinen stärksten Szenen macht Pixars 13. Langfilm gewiss, dass er mit einer stringenteren künstlerischen Führung ein Spitzenfilm hätte werden können. So aber ist «Merida» ein kurzweiliger Familienfilm, der seine jüngsten Zuschauer nicht für dumm verkauft und die älteren respektiert, der allerdings seinen dramaturgischen Versprechungen nicht gerecht wird. • Merida – Legende der Highlands • Merida • Pixar • Disney
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