«Tron: Legacy». Drei Jahre hintereinander wurde er auf der San Diego Comic Con, Amerikas größter Film- und Comicmesse, beworben. Das Marketingbudget wird auf 120 Millionen Dollar geschätzt. Das Effektspektakel selbst kostete dem Studio rund 150 Millionen. Dadurch, dass die französische Elektronik-Kombo Daft Punk den Soundtrack komponierte, entstand lange im Vorfeld der Veröffentlichung ein enormer Hype um die Filmmusik. Die CD schaffte es als erstes Filmmusikalbum seit fünf Jahren in die Top 10 der US-Charts.
Ursprünglich plante Lisberger zusammen mit Geschäftspartner Donald Kushner, «Tron» als unabhängig produzierten Trickfilm zu verwirklichen, der nur für die in der Realität spielenden Buchenden aus diesem Medium ausbricht. Um diese Pläne verfolgen zu können, gründete er ein neues Trickstudio, welches vor allem in der Werbung tätig war, aber auch für den Sender NBC zwei Trickspecials produzierte, die in Deutschland als «Die Dschungelolympiade» veröffentlicht wurden. Als aufgrund des US-Boykotts der Olympischen Spiele 1980 die Ausstrahlung und somit auch die Zahlung für die Produktion aufgeschoben wurde, öffneten sich die Lisberger Studios auch Interessenten von außen. Die Entwicklung an «Tron» schritt voran und man wich vom Plan eines reinen Animationsfilm ab. Stattdessen sollte «Tron» Backlit Animation, Computeranimation und mit Schauspielern gedrehtes Material kombinieren. Unterhaltungen mit Computer- und Videospielexperten änderten unterdessen auch die inhaltliche Gestalt des Projekts. Durch Alan Kay, einem der Miterfinder des Laptops, und seine technischen Visionen beeinflusst, wurde die Thematik von «Tron» über die Videospiel-Gladiatorenkämpfe hinausgehoben. Im endgültigen Skript wurde auch der Wettstreit zwischen Großrechnern (symbolisiert durch den Bösewicht MCP) und Personalcomputern thematisiert, was die Autoren Steven Lisberger und Bonnie MacBird als den Kampf zwischen einem totalitären und einem demokratischen System deuteten. Im gleichen Maße sahen die Macher von «Tron» ihre Geschichte als eine Reflektion des damals unaufhaltsam erscheinenden Aufstrebens des Computerriesen IBM, der andere Mitbewerber und die Subkultur der Hobbyprogrammierer zu verdrängen drohte. Ein weiterer Gedanke, der in den Schreibprozess des endgültigen Drehbuchs für «Tron» einfloss, war das Konzept des digitalen Bürgers. Durch den Computer entstünde, so Steven Lisberger, ein digitales Double jeder Person, die sämtliche bürokratischen Fakten und mehr vereint. Die für die Zukunft entscheidende Frage blieb laut ihm, wer die Kontrolle über diesen Doppelgänger erhält. Ein geistreiches Konzept, welches in «Tron» jedoch, ebenso wie die meisten der angerissenen Grundüberlegungen, bloß marginal zur Geltung kam. Dies dürfte für Mitglieder der Programmiererkultur genügt haben, um in «Tron» einen nicht bloß unterhaltsamen, sondern auch relevanten Kultfilm zu sehen, womit der Grundstein für die spätere Rezeptionsgeschichte des Films gelegt wurde, hinderte «Tron» aber zugleich daran, größere cineastische Ehren zu erhalten.
Mit «Tron» kam Lisberger zur richtigen Zeit ins richtige Studio. Walt Disney Productions befand sich seit einigen Jahren in einer schweren finanziellen Krise. Anlass war, dass die Geschäftsführung nach dem Tod des Firmengründers in eine filmstilistische Starre verfiel und sich keine Experimente zutraute. New Hollywood und den ersten Blockbustern wurden konsequent altbackene Familienkomödien entgegengesetzt. Ende der 70er begann in den Disney-Studios daraufhin eine Phase des Umbruchs, hoffend, die verlorenen Kinobesucher wiederzuerlangen. Der Sci-Fi-Thriller «Das schwarze Loch» war die erste Disney-Produktion, die in den USA keine uneingeschränkte Altersempfehlung erhielt. Nicht zuletzt wegen ihres spröden Drehbuchs floppte sie. Ron Miller, Walt Disneys Schwiegersohn und einer weniger konservativen Filmproduktion gegenüber aufgeschlossen, stieg 1980 zum Präsidenten des Konzerns auf und beförderte Tom Wilhite, den damals 27-jährigen Leiter der Publicityabteilung, zum Vorsitzenden der Filmabteilung. Händeringend suchten sie nach weiteren unkonventionellen, mutigen und andersartigen Konzepten, die das jugendliche Publikum zu Disney zurückholen sollten.
In den Augen Millers und Wilhites bot «Tron» exakt das, was Disney in den frühen 80er Jahren benötigte. Weitere Unterstützung erhielt das Projekt von Harrison Ellenshaw, Sohn von Disneys renommierten Matte Painter Peter Ellenshaw und verantwortlich für die Maskenmalereien in «Star Wars», der bei «Tron» letztlich als Associate Producer tätig war und sich bei der Koordination der Effektaufnahmen behilflich zeigte. Befürchtungen, der Film könne in seiner Andersartigkeit Disneys Image ankratzen oder zu wagemutig für einen kommerziellen Erfolg sein, gab es nicht, eher herrschte die gegenteilige Mentalität. Die einzigen Befürchtungen betrafen die technischen Herausforderungen von «Tron» sowie Lisbergers Unerfahrenheit als Kinoregisseur. Das Studio gab Testaufnahmen in Auftrag, nach deren Sichtung «Tron» grünes Licht erhielt. Bloß Disneys Animatorenteam zeigte sich «Tron» gegenüber widerwillig. Viele Zeichner waren von den Möglichkeiten der Computeranimation eingeschüchtert und wollten sich nicht an der Arbeit an einem Film beteiligen, mit dem sie möglicherweise der Zeichentrickkunst das Grab schaufeln könnten. Deswegen versuchte sich zunächst Lisbergers Team im Alleingang an den Effektzeichnungen und der Backlit Animation für «Tron», welche dem Sci-Fi-Film seinen distinktives Äußeres verleihen sollte.
Doch wieso war «Tron» bloß ein sehr mäßiger Erfolg beschieden? Eine Teilschuld lässt sich, neben der harten Konkurrenz in den Kinosälen, gewiss dem Drehbuch zuschreiben: Wie bereits erwähnt, nahm die computeraffine Subkultur «Tron» mit offenen Armen auf, da er für sie relevante Themen behandelte. Mangels Konkurrenz in diesem Filmsektor ließ sich über die teils hölzerne und naive umgesetzte Reflektion über den Einfluss der Computertechnologie auf den Alltag hinwegsehen. Für das Massenpublikum, welches 1982 längst nicht so viel digitale Erfahrungen gesammelt hat, war der Informatikjargon und das generelle Thema jedoch zu abschreckend, insbesondere, da sich die Autoren nicht um massenverständliche Erklärungen kümmerten. Identifikation mit den Figuren war kaum möglich, da sie sehr schwach charakterisiert wurden und man sie ob ihres Designs schnell verwechseln konnte. In der mittlerweile legendären Lightcycle-Rennsequenz ändert sich sogar das den restlichen Film über eingehaltene Farbschema, mit dem sich die Guten von den Bösen unterscheiden ließen. Solche Kleinigkeiten distanzierten in ihrer enormen Häufung das Publikum von der Geschichte. Damalige Marktforschungen des Studios besagten außerdem, dass der Disney-Markenname weitere potentielle Zuschauer verschreckte. Somit war «Tron» wegweisend für die kurz daraufhin von der Geschäftsführung genehmigte Gründung von Touchstone Pictures, eines zweiten Filmstudios, das ohne die Disneyprägung auskam und sich auf Filme für ein älteres Publikum konzentrierte.• Tron
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