Der «Tatort» aus Franken bekommt eine neue Ermittlerin: An Fabian Hinrichs' Seite steht fortan Rosalie Thomass.
Stab
Darsteller: Fabian Hinrichs, Rosalie Thomass, Eli Wasserscheid, Leonard Scheicher, Anselm Bresgott, Jörg Witte
Musik: Dürbeck & Dohmen GbR
Kamera: Clemens Baumeister
Drehbuch: Constantin Lieb
Regie: Dustin LooseDer Travestiekünstler Elias Schaller wird in einem Nürnberger Stundenhotel brutal erstochen aufgefunden. Die Spurenlage ist unübersichtlich, die DNA zahlreicher früherer Besucher führt zunächst kaum weiter, und auch die Tatwaffe bleibt verschwunden. Was wie ein Mord im Rotlichtmilieu beginnt, entwickelt sich für Felix Voss und seine neue Kollegin Emilia Rathgeber rasch zu einer Reise in eine Landschaft, deren Name bereits eine Verheißung enthält: Gottesgarten. Dort, im Elternhaus des Toten, begegnen die Ermittler einer Familie, deren Reaktionen auf den Verlust unterschiedlicher kaum sein könnten. Mit der beschaulichen Umgebung wächst die Unruhe – und schließlich die Frage, ob Recht und Gerechtigkeit tatsächlich dasselbe meinen.
Das ist ein durchaus tragfähiger Ansatz für einen neuen «Tatort». Der Kontrast zwischen dem anonymen Stundenhotel und der oberfränkischen Heimat des Opfers eröffnet einen Raum, in dem sich gesellschaftliche Verdrängung und familiäre Loyalität begegnen können. Elias Schaller ist nicht einfach ein Mordopfer, dessen Vergangenheit die Ermittlungen mit brauchbaren Hinweisen versorgt. Sein Beruf, sein soziales Umfeld und die Reaktionen seiner Eltern verweisen auf ein Leben, das offenbar in unterschiedlichen Welten stattgefunden hat. Der Film von Regisseur Dustin Loose und Drehbuchautor Constantin Lieb deutet damit ein Thema an, das größer ist als die Frage nach dem Täter: Wer darf in einer Gemeinschaft sichtbar sein, und wer wird erst dann wahrgenommen, wenn er tot ist?
Allerdings ist ein interessanter Ausgangspunkt noch kein überzeugender Kriminalfilm. «Gottesgarten» besitzt zwar ein Gespür für die moralischen Spannungen seines Falls, lässt diese aber nicht immer organisch aus den Figuren hervorgehen. Die Ermittlungen führen von einer Spur zur nächsten, während die eigentliche Bedeutung des Geschehens allmählich freigelegt werden soll. Dabei wirkt die Konstruktion stellenweise stärker als die Menschen, die sie tragen. Manche Begegnung scheint vor allem dazu da zu sein, eine weitere Information zu liefern oder die nächste Verdachtsrichtung zu eröffnen. Das Rätsel bleibt in Bewegung, ohne dass jede Bewegung zugleich Erkenntnis bedeutet.
Der Einstand von Rosalie Thomass als neue Ermittlerin Emilia Rathgeber gerät dabei schnell zum Prüfstein. Fabian Hinrichs hat Felix Voss längst als Ermittler etabliert, dessen Eigenwilligkeit manchmal an Exzentrik grenzt. Eli Wasserscheid wiederum verleiht Wanda Goldwasser eine gleichsam verlässliche Präsenz. Thomass muss sich in dieses Gefüge einfinden, ohne zur bloßen Ergänzung eines bereits bekannten Ensembles zu werden. Rathgeber bringt dafür die nötige Eigenständigkeit mit; entscheidend ist weniger, ob sie sofort sympathisch wirkt, als ob sich aus ihrer Perspektive künftig neue Reibungen ergeben. «Gottesgarten» liefert darauf erste Hinweise, aber noch keine endgültige Antwort. Die neue Kommissarin ist hier eher ein Versprechen als eine bereits vollständig entwickelte Figur.

Gleichsam wird die oberfränkische Landschaft mit jener stillen Schönheit eingefangen, die im Krimi schnell unheimlich werden kann, ohne dass man dafür jeden Waldweg mit bedrohlicher Musik unterlegen müsste. Doch die Symbolik des Titels ist beinahe zu naheliegend. Wo ein Gottesgarten liegt, erwartet man irgendwann den Sündenfall; wo eine Idylle behauptet wird, wartet der Verdacht auf ihre Verlogenheit. Der Film nutzt diesen Kontrast wirkungsvoll, vertraut ihm aber bisweilen etwas zu stark.
So bleibt «Gottesgarten» ein durchwachsener «Tatort» über einen gesellschaftlich interessanten Fall, mit einer nicht unergiebigen moralischen Fragestellung und mit Thomass als spannender neuer Personalie. Zugleich wird seine Dramaturgie jedoch nicht immer so präzise geführt, wie es die Themen verlangen. Der Film möchte zeigen, dass hinter der Fassade einer Gemeinschaft mehr liegt als das, was sie von sich preisgibt. Das gelingt ihm besonders dann, wenn er stärker beobachtet, statt zu erklären.
Der Film «Tatort – Gottesgarten» wird am Sonntag, den 25. Oktober um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.
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