Interview

Tom Keune: ‚Arbeitszeit ist für mich zunehmend Lebenszeit‘

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In «Kanzlei Liebling Kreuzberg» spielt Tom Keune einen Hauseigentümer, der zwischen wirtschaftlichen Zwängen und sozialer Verantwortung steht. Der Schauspieler spricht über Gentrifizierung und den Umgang mit dem Erbe der Großeltern.

Herr Keune, in «Kanzlei Liebling Kreuzberg» spielen Sie Bernd Schulze, der ein Kreuzberger Mietshaus erbt und plötzlich vor der Entscheidung steht, Gewerbemietern wegen einer notwendigen Dachsanierung zu kündigen. Was hat Sie an dieser Figur gereizt?
Der Perspektivwechsel, den der Charakter vollziehen muss. Ein Mann in der Mitte des Lebens, Geschäftsführer, Handwerker, Chef, der in seinem heimatlichen Berufsumfeld schnell und souverän Lösungen parat hat, gerät in Kreuzberg an die Grenzen seiner herkömmlichen Problemlösungsmechanismen und kommt ins Straucheln. Das fand ich spannend.

Für die betroffenen Mieter sieht Bernds Vorgehen schnell nach einer Luxussanierung aus. Wie wichtig war Ihnen, ihn trotzdem nicht als klassischen Immobilien-Bösewicht zu spielen, sondern seine wirtschaftlichen Zwänge nachvollziehbar zu machen?
Na, er ist ja gar kein klassischer Immobilienbösewicht, sondern hat den Auftrag, den Werten seiner verstorbenen Großmutter, die er sehr geschätzt hat, gerecht zu werden. Er hat nicht nur ein Haus geerbt, sondern einen Auftrag. Auch deshalb, weil seine Großmutter sicher daran geglaubt hat, dass ihr Erbe bei Bernd in guten Händen ist. Seinen Spagat nachvollziehbar zu machen, ihren Werten gerecht zu werden, ohne dabei in finanzielle Schieflage zu geraten, war mir wichtig.

Lisa Liebling gerät durch Bernds Fall in eine moralische Zwickmühle, weil auch der traditionsreiche Friseursalon von Nadim Demir betroffen ist. Ist gerade dieser Konflikt zwischen dem rechtlich Möglichen und dem persönlich oder moralisch Richtigen das Spannende an der Geschichte?
Beide Figuren sind geprägt durch die Sozialisation ihrer Großeltern, deren Werte ihre Persönlichkeiten geprägt haben. Das steht für mich sinnbildlich für unsere Pflicht als Menschen, in einer sich entwickelnden Gesellschaft mit den Zeichen der Zeit zu gehen, ohne die Werte zu verraten, die uns zu dem gemacht haben, was wir sind. Erbe verpflichtet. Materiell wie geistig. Dazu gehört die stetige Auseinandersetzung mit sich und seinem Umfeld. Lisa und Bernd, zwei Menschen, die im Privaten wahrscheinlich keine Schnittmengen entdecken würden, sind wegen ihrer individuellen Situationen dazu gezwungen, in den Austausch und die Perspektive des Gegenübers zu gehen. Das ist für mich das Spannende an der Geschichte. Und vielleicht ermutigt sie ja die ein oder andere Person, den Blick über den Tellerrand zu wagen und Gemeinsamkeiten zu entdecken, anstatt auf Glaubenssätzen zu beharren.

Kreuzberg und die Frage, wem ein Stadtviertel eigentlich gehört, sind ein wesentlicher Teil des Films. Wie haben Sie Bernd verortet: Ist er selbst noch Teil dieses alten Kreuzbergs oder steht er bereits für dessen Veränderung?
Durch das Vermächtnis seiner Großmutter ist er natürlich Teil dieses alten Kreuzbergs. Gleichzeitig steht er auch für die Veränderung des Stadtteils, weil bei aller Umsicht und Verständnis für die soziale Komponente die notwendigen Sanierungsarbeiten auch aktuellen Marktpreisen wie Handwerkerhonoraren und Materialkosten unterliegen. Um zukünftig als Eigentümer bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen, müssten die Mieten natürlich angepasst werden. Denn keinem Mieter nützt ein finanziell ruinierter Hauseigentümer.

«Liebling Kreuzberg» war einst stark mit Manfred Krug und dem West-Berlin der damaligen Zeit verbunden. Die Neuauflage erzählt nun von Mietdruck, Gentrifizierung und Lebensmittelrettung. Was muss eine solche Traditionsmarke Ihrer Meinung nach verändern, damit sie nicht nur von Nostalgie lebt?
Die Ursprungsserie hat den Kreuzberger Vibe von damals für mich ziemlich authentisch transportiert. Wenn man der Traditionsmarke, wie Sie es nennen, gerecht werden will, sollte man meiner Meinung nach tunlichst vermeiden, in Vergangenheitsromantik zu verfallen, sondern ebenfalls am Puls der Zeit erzählen.

Sie standen für «Nürnberg» als Robert Ley neben Russell Crowe, Rami Malek und Michael Shannon vor der Kamera. Der Film lief auf internationalen Festivals, gewann unter anderem den Publikumspreis beim Heartland Film Festival und erhielt weitere Nominierungen. Wie haben Sie selbst erlebt, welche Resonanz der Film international ausgelöst hat?
Dazu kann ich nichts Fundiertes sagen, weil mir tatsächlich die Zahlen fehlen, wie der Film weltweit gelaufen ist und wie die Reaktionen waren. Nach den Rotten-Tomatoes- und IMDb-Bewertungen zu urteilen, kam der Film aber besonders beim Publikum sehr gut an. Mich persönlich haben viele positive Nachrichten von allen Kontinenten erreicht, aber das ist ja nur meine persönliche Wahrheit. Die mich zwar sehr freut, aber nicht das Fundament bildet, um da eine seriöse Einschätzung abzugeben.

«Nürnberg» war Ihr erster internationaler Kinofilm. Hat der Erfolg des Films für Sie persönlich bereits etwas verändert – bekommen Sie seitdem beispielsweise andere Rollenangebote oder mehr Anfragen aus dem Ausland?
Erst mal hat mir dieses Engagement ermöglicht, auf Augenhöhe mit Weltstars in einem internationalen Blockbuster zu performen und zu bestehen. Das war für mich ein großer persönlicher Erfolg, den mir keiner mehr nimmt. Und das hat schon was mit mir gemacht. Besonders, weil ich wirklich gar nichts erwartet habe. Ich war komplett im Moment und habe mich nie gefragt, was danach passieren könnte. Von daher weiß ich gar nicht, ob diese Rolle Auswirkungen auf meine Karriere gehabt hat oder haben wird. Ich habe 2026 bislang einige sehr schöne Projekte und Rollen drehen dürfen. Einige gespeist aus meinem Netzwerk von Menschen, mit denen ich schon lange arbeite, einige aber auch in tollen, neuen Begegnungen mit Produktionen und Regisseur*innen, denen ich vorher noch nicht begegnet bin. Ob das an «Nürnberg» liegt? Ich weiß es nicht, und ich finde das auch gar nicht relevant. Und ja: Es gab vereinzelt internationale Casting- und Zeitanfragen, bei denen wir aus unterschiedlichen Gründen nicht zusammengekommen sind. Sei es wegen finalen Besetzungsentscheidungen, Verfügbarkeit oder weil die Rolle nicht genug hergegeben hat. Zugegebenermaßen erfahre ich von den meisten Zeitanfragen aber eh nichts. Ich möchte erst ins Boot geholt werden, wenn ein Casting- oder Rollenangebot spruchreif wird. Dadurch hält mir meine Agentur sehr gut den Rücken und Kopf frei.

Sie haben erzählt, dass Ihnen die Entscheidung, den NS-Funktionär Robert Ley zu spielen, nicht leichtgefallen ist. Wenn ein solcher Film anschließend ein großes Publikum erreicht: Verändert das rückblickend Ihren Blick darauf, ob die Zusage richtig war?
Ganz im Gegenteil. Ein relevanter Faktor für meine Entscheidung war ja explizit die Möglichkeit einer weltweiten Präsenz. In Verbindung mit meiner historischen Verantwortung für die Figur hab ich ja erst zugesagt, als ich sicher war, mit der Regie eine gemeinsame Figurenperspektive gefunden zu haben, die ich zu 100 % unterschreiben kann. Und das kann ich nach wie vor.

Zwischen Robert Ley in einer internationalen Kinoproduktion und dem Elektrikermeister Bernd Schulze in «Kanzlei Liebling Kreuzberg» liegen schauspielerisch Welten. Ist gerade dieser Wechsel zwischen großen historischen Figuren und sehr alltäglichen Charakteren für Sie besonders reizvoll?
Die Quintessenz meines Berufes ist für mich nach wie vor die Lust an der Verwandlung. Wenn ich mich dazu entscheide, eine Figur zu spielen, bekommt die meine ganze Aufmerksamkeit. So unterschiedlich Figuren sein mögen, so existenziell sind für sie trotzdem ihre individuellen Probleme. Bevor ich halbherzig eine Rolle annehme, sage ich lieber ab. Denn sonst werde ich der Leidenschaft der Menschen nicht gerecht, die sich für die Geschichte ins Zeug legen.

Mit «Nürnberg» haben Sie erlebt, wie eine deutsche Schauspielkarriere plötzlich in eine große internationale Produktion führen kann. Hat Ihnen diese Erfahrung neue Ziele gegeben oder ist Ihnen eine interessante Figur wie Bernd Schulze letztlich genauso wichtig wie die Größe einer Produktion?
Es gibt natürlich Formate, die mich nicht interessieren und die ich tendenziell ablehnen würde. Aber wie in der vorherigen Antwort schon angemerkt: Mir geht es in erster Linie immer erst mal um die Figur. Das ist die Quintessenz für meine Entscheidung. Interessiert mich der Kampf, interessiert mich die Perspektive, interessiert mich das Figurenuniversum? Figuren, die für nichts stehen und die um nichts kämpfen, interessieren mich nicht. Und das komplett produktionsgrößenunabhängig. Und dann ist Arbeitszeit für mich zunehmend Lebenszeit. Wenn ich die Möglichkeit habe, eine interessante Figur wie Bernd Schulze zusammen mit einem Regisseur wie Christoph Schnee zu entwickeln, den ich vor einigen Jahren in einer anderen Arbeit kennenlernen durfte, dann ist diese Kombination aus Arbeit auf Augenhöhe und Figurenrelevanz reizvoller als ein verführerisch leuchtender Hollywood-Schriftzug. Es sei denn, meine Figur bekommt dort ebenfalls den Raum, um zu leuchten.

Dann hoffen wir das doch einfach. Danke für Ihre Zeit!

Das Erste zeigt «Kanzlei Liebling Kreuzberg» mit „Auf Augenhöhe“ am Freitag, 23. Oktober, um 20.15 Uhr. Der Film ist bereits seit 14. Oktober in der ARD Mediathek abrufbar.

Kurz-URL: qmde.de/176602
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