Interview

Steffi Kühnert: ‚Das kann einen in den Wahnsinn treiben‘

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Im «Usedom-Krimi» „Doppelmord“ spielt Steffi Kühnert eine Frau, die 15 Jahre unschuldig im Gefängnis saß und erneut unter Mordverdacht gerät. Im Interview spricht die Schauspielerin über die Sehnsucht nach Freiheit. Außerdem erzählt sie von ihrer ersten Zusammenarbeit mit Katrin Sass, bei der es vom ersten Moment an gefunkt hat.

Frau Kühnert, im «Usedom»-Film „Doppelmord“ spielen Sie Anja Wiesznewski, die 15 Jahre wegen des vermeintlichen Mordes an ihrem Mann im Gefängnis saß und nun wird dieser tatsächlich ermordet. Was hat Sie an dieser ungewöhnlichen Ausgangslage und an Anja gereizt?
Anja Wischniewski befindet sich in einer extremen Ausnahmesituation. Für eine Schauspielerin ist es immer eine große Herausforderung, Grenzen zu überschreiten und sich in eine solche menschliche Lage hineinzuversetzen. Es war sehr reizvoll, mich einer solchen Aufgabe zu stellen.

Anja hat 15 Jahre ihres Lebens für eine Tat verloren, die sie offenbar nicht begangen hat. Wie spielt man eine Frau, die nach einer solchen Erfahrung überhaupt noch Vertrauen in Menschen, Polizei und Justiz entwickeln soll?
Anja ist dieser Situation wirklich sehr verletzlich, sehr misstrauisch. Sie schaut, wo sie Menschen hat, denen sie vertrauen kann. Sie könnte sich auch vollständig einigeln und niemanden mehr an sich heranlassen. Antworten zu finden auf die Frage, wie sie mit ihrer Lage umgeht, das war die große Aufgabe, um die Figur Anja mit Leben zu erfüllen.

Zwischen Anja und Karin Lossow bestand während der gemeinsamen Gefängniszeit mehr als nur eine Freundschaft. Wie haben Sie diese frühere Liebesbeziehung angelegt, obwohl der Film sie offenbar eher andeutet als ausführlich erzählt?
Zwischen Anja und Karin ist im Gefängnis eine enge Freundschaft entstanden. Die beiden Frauen haben sich aneinander festgehalten, hatten sich ‚was zu sagen. Ob das eine Liebesbeziehung war, das ist, glaube ich, gar nicht so klar. Und letztlich gar nicht so sehr von Interesse. Das sind einfach zwei Frauen, die sich in ihrer Verzweiflung gegenseitig gestärkt haben. In der Situation, in der sie waren, haben sie zusammengestanden. Das Band zwischen ihnen ist nicht gerissen.

Nach all den Jahren steht Anja plötzlich wieder vor Karins Tür. Ist Karin für sie vor allem eine ehemalige Gefährtin, eine Vertraute oder vielleicht der einzige Mensch, bei dem sie glaubt, noch bedingungslosen Rückhalt finden zu können?
Anja setzt große Hoffnungen in Karin Lossow. Sie sucht ihre Unterstützung, um ihre Unschuld zu beweisen und mit ihrer schwierigen Situation fertigzuwerden. Durch die vielen Jahren im Gefängnis hat Anja praktisch alle sozialen Kontakte verloren. Karin ist ihre einzige Verbündete, ihr letzter Halt. Ob dieses Vertrauen gerechtfertigt ist oder bitter enttäuscht wird, das möchte ich nicht verraten.

Gerade weil Anja schon einmal zu Unrecht verurteilt wurde, gerät sie nach dem tatsächlichen Tod ihres Mannes erneut sofort unter Verdacht. Wie sehr prägt dieses Gefühl, dass sich die eigene Vergangenheit plötzlich wiederholt, Ihre Figur?
Anja weiß, dass sie unschuldig ist, doch niemand glaubt ihr. Was für eine grauenvolle Situation. Ein Albtraum! 15 Jahre hat sie abgesessen. Für eine Tat, die sie ja nicht verübt hat. Das kann einen in den Wahnsinn treiben, sogar in den Suizid – weil man ausweglos dasteht.

Karin stellt sich sehr entschieden auf Anjas Seite und gerät deshalb sogar mit Ellen Norgaard aneinander. Ist diese Loyalität für Anja etwas Tröstliches oder entsteht dadurch auch ein Druck, weil Karin bereit ist, für sie eine langjährige Freundschaft aufs Spiel zu setzen?
Karin ist für Anja wirklich die letzte große Hoffnung. Zwar quält es sie, dass Karin für ihre Haltung Einiges aufs Spiel setzt. Doch sie fühlt sich im Recht, und so kann sie Karins Hilfe annehmen.

Sie und Katrin Sass kennen und schätzen offenbar schon lange die Arbeit der jeweils anderen, standen für „Doppelmord“ aber erstmals gemeinsam vor der Kamera. Warum hat es eigentlich so lange gedauert und wie war dieses erste Zusammenspiel?
Endlich sind Katrin Sass und ich in einem Filmprojekt zusammengekommen. Es war ein großer Glücksfall, denn es hat sofort zwischen uns beiden „gefunkt“. Da passten Topf und Deckel gut zusammen. Was daran liegen könnte, dass wir viele Gemeinsamkeiten entdeckt haben. So haben wir einen ähnlichen Humor. Ich schätze Katrin Sass sehr als Mensch, und ich verehre sie als Schauspielerin. Diese Arbeit war etwas ganz Besonderes, etwas ganz Feines, was nicht ich nicht missen möchte.

Katrin Sass hat die gemeinsamen Dreharbeiten als „ein Fest und ein großes Vergnügen“ bezeichnet. Hat sich diese Vertrautheit zwischen Ihnen schnell eingestellt, obwohl Ihre Figuren eine gemeinsame Vergangenheit spielen müssen, die das Publikum nie gesehen hat?
Es hat mit der ersten Leseprobe, mit der ersten Begegnung sofort gepasst. Es war wirklich eine Riesenfreude, mit ihr arbeiten zu dürfen. Auch nach Ende der Dreharbeiten sind wir uns weiterhin zugetan und pflegen den Kontakt, was ich sehr genieße.

Es ist unser Beruf, Fiktives zu spielen. Wie die erdachte gemeinsame Vergangenheit der beiden Frauen. Wir konnten wunderbar miteinander agieren. Von Anfang an gab es eine große Vertrautheit, weil wir uns auch privat so gut verstanden haben. Ich glaube, es ist zu sehen und spüren, dass wenig Fremdes zwischen uns war. Wunderbar!

Der «Usedom-Krimi» lebt stark von seiner rauen, oftmals melancholischen Atmosphäre und den realen Schauplätzen. Sie haben unter anderem auf der Seebrücke Zinnowitz und am Strand von Peenemünde gedreht. Was macht diese Landschaft mit einer Figur wie Anja, die selbst so viel Vergangenheit mit sich trägt?
Ich mag das Format des Usedom-Krimis sehr. Ich liebe die Ostsee in ihren verschiedenen Facetten. Durch das Licht, das sich stets und ständig verändert, Wind, Wetter, Wolken, Sonne, entsteht ständig ein anderes, ein neues Bild.

Usedom hat eine raue, wilde Landschaft, die wunderbar zur Atmosphäre dieses Falls passt. Das aufgewühlte Meer, die Weite, der endlose Horizont – all das steht auch für die Sehnsucht meiner Figur nach Freiheit. Nach 15 Jahren im Gefängnis eröffnet sich ihr plötzlich eine neue Welt. Anja kann wieder ins Meer eintauchen, die Weite spüren und sich fragen: Was ist jetzt noch alles möglich? Diese Landschaft erzählt auf ihre Weise die Geschichte meiner Figur mit. Und das war auch für mich als Schauspielerin unglaublich bereichernd.

„Doppelmord“ ist bereits Teil einer Reihe, die inzwischen auf 30 Filme kommt und ein sehr eingespieltes Ensemble besitzt. Wie war es für Sie, mit einer so zentralen Gastrolle in diese über viele Jahre gewachsene «Usedom-Krimi»-Familie hineinzukommen?
Die Dreharbeiten mit diesem wunderbaren Ensemble haben mir große Freude gemacht. Die meisten Szenen hatte ich mit Katrin Sass, aber auch die Begegnungen und die Zusammenarbeit mit den anderen Kolleginnen und Kollegen waren herzlich, respektvoll und professionell. Dazu kam eine außergewöhnlich schöne Rolle, wie man sie als Episodendarstellerin nicht alle Tage angeboten bekommt. Eine Figur, die ich emotional und facettenreich gestalten konnte. In dieser besonderen Atmosphäre war das für mich eine rundum beglückende Arbeit. Ich freue mich sehr auf die Ausstrahlung.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

«Der Usedom-Krimi» „Doppelmord“ wird am Donnerstag, 22. Oktober, um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt. Der Film ist bereits seit 19. Oktober in der ARD Mediathek abrufbar.

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