Auffällig ist, welches Gegenprogramm dabei an Boden gewinnt. Nicht das Fitnessstudio und nicht der Verein mit festen Terminen, sondern das Paddeln auf ruhigem Wasser. Es verlangt keine Mitgliedschaft, keinen Kurs und keine Saisonbindung, und es passt in genau die zwei Stunden, die zwischen Feierabend und Sonnenuntergang liegen.
Warum ausgerechnet Paddeln
Die Einstiegshürde ist niedrig, und das ist der entscheidende Punkt. Ein ruhiger See verzeiht Anfängerfehler, die ersten Züge sitzen nach wenigen Minuten, und niemand schaut zu. Anders als beim Sport mit festem Trainingsplan gibt es kein Leistungsversprechen, das eingehalten werden müsste. Man fährt raus, dreht eine Runde, kommt zurück. Das genügt.
Dazu kommt ein Effekt, den Bildschirmarbeit selten bietet. Auf dem Wasser gibt es nichts zu scrollen und nichts wegzuklicken. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf eine einzige Sache, und das wirkt nach einem Tag voller Benachrichtigungen erstaunlich erholsam. Wer es einmal ausprobiert hat, beschreibt es meist weniger als Sport denn als Pause.
Interessant ist das auch deshalb, weil es gegen den Trend läuft. Der Abend wird eher voller als leerer, das zweite Display liegt beim Serienschauen oft griffbereit daneben, und die Angebote konkurrieren um jede freie Minute. Eine Beschäftigung, die genau das Gegenteil verlangt, nämlich für ein paar Stunden nichts weiter zu tun als zu paddeln, gewinnt gerade dadurch an Reiz.
Bemerkenswert ist dabei, wen es zieht. Es sind nicht die notorischen Sportler, sondern häufig genau jene, die abends ohnehin viel Zeit vor Serien und Streams verbringen und irgendwann das Bedürfnis nach einem Kontrast entwickeln. Der Reiz liegt nicht im Verzicht auf den Bildschirm, sondern darin, ihm etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen. Ein Ausflug aufs Wasser konkurriert mit dem Abendprogramm nicht über Disziplin, sondern über das Erlebnis, und das ist ein Unterschied, der über das Durchhalten entscheidet.
Die eigentliche Hürde war lange der Transport
Woran das Ganze früher scheiterte, war selten die Lust und fast immer die Logistik. Ein klassisches Kajak braucht einen Dachträger oder einen Anhänger, einen Platz in der Garage und im Zweifel zwei Personen, die es aufs Autodach wuchten. Für eine spontane Runde nach der Arbeit ist das zu viel Aufwand, und so blieb das Boot stehen.
Genau an dieser Stelle hat sich etwas verschoben. Packbare Kajaks lassen sich zusammenlegen, passen in den Kofferraum und sind in wenigen Minuten aufgepumpt. Damit fällt der Grund weg, der die spontane Feierabendtour bisher verhindert hat. Wer sich orientieren will, welche Boote überhaupt infrage kommen, findet einen Überblick der gängigen Modelle hier.
Was es dafür braucht
Viel ist es nicht. Neben dem Boot gehören ein Paddel, eine Schwimmweste für jede Person an Bord und trockene Wechselkleidung zur Grundausstattung. Wichtiger als die Ausrüstung ist die Wahl des Gewässers. Sinnvoll sind ruhige Binnengewässer und die Nähe zum Ufer, also Seen und langsame Flussabschnitte statt großer, offener Flächen, für die solche Boote ohnehin nicht gedacht sind.
Der praktische Reiz liegt in der Wiederholung. Wer regelmäßig fährt, entwickelt schnell eine Routine, die kaum noch Überwindung kostet. Das Boot liegt im Kofferraum, die Weste daneben, und die Entscheidung, nach der Arbeit noch eine Runde zu drehen, fällt am Ende so leicht wie die, den Fernseher einzuschalten. Dieser niedrige Aufwand pro Ausfahrt ist es, der aus einem einmaligen Versuch eine Gewohnheit macht.
Der ehrliche Haken
Ganz ohne Aufwand ist auch die packbare Variante nicht. Ein paar Minuten Aufpumpen stehen vor jeder Ausfahrt an, und am Ende will das Material erst durchtrocknen, ehe es wieder eingerollt wird. Wer es feucht in die Tasche zwingt, holt beim nächsten Mal ein muffiges Boot heraus. Das ist kein Drama, aber es gehört zur ehrlichen Bilanz dazu.
Unterm Strich bleibt ein Freizeittrend, der weniger mit sportlichem Ehrgeiz zu tun hat als mit dem Bedürfnis nach einem Gegengewicht. Der Bildschirm läuft ohnehin lang genug. Ein paar Stunden auf dem Wasser sind die naheliegende Antwort darauf, und dank des kleinen Packmaßes scheitert sie nicht mehr am fehlenden Dachträger.





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