Xavier Legrands «Nach dem Urteil» beginnt dort, wo herkömmliche Scheidungsdramen enden und verwandelt sich mit jeder Minute mehr in einen unberechenbaren Thriller, in dem vor allem Denis Ménochet brilliert.
Die erste Szene ist auch gleich eine der stärksten des gesamten Films, denn Xavier Legrand beweist hier beispielhaft, wie sich lediglich mit den richtigen Dialogen und brillanten Schauspielern eine möglichst ungreifbare Atmosphäre kreieren lässt. Wer auf den ersten Blick denkt, von Anfang an zu wissen, auf welcher Seite er bei diesem Konflikt wohl stehen wird, den belehren die anfänglichen Minuten von „Nach dem Urteil“ umgehend eines Besseren. Natürlich käme man niemals auf die Idee, eine Mutter und ihr Kind anzuzweifeln, wenn diese mehrmals die Gefährlichkeit ihres Mannes und Vaters betonen. Und vielleicht mag man gerade die Figur der resoluten Richterin dadurch schnell als herzlos abstempeln. Doch je mehr Minuten vergehen, desto mehr häufen sich die Zweifel, denn mindestens genauso überzeugend darin, Antoine für sein gefährliches Fehlverhalten zu schelten, ist Antoine selbst, der immer wieder betont, überhaupt nicht zu wissen, um was für Vorwürfe es sich hier handelt. Und wenn seine Anwältin schließlich auch noch den Verdacht äußert, Mutter Miriam wirke einfach nur ganz gezielt auf ihre Kinder ein, um Unmut gegenüber des Vaters zu schüren, dann geschieht das mit solch wohl gewählten Worten, dass man diese in Kombination mit dem wie ein Häufchen Elend auf seinem Stuhl sitzenden Antoine plötzlich auch für ganz schön plausibel hält.
So ganz ohne erzählerische Konstante wird es für den Zuschauer alsbald unbequem. Xavier Legrand benötigt nur wenige, dafür umso prägnantere Einzelszenen, um behutsam das ganze Ausmaß zu offenbaren, das die Gerichtsentscheidung mit sich bringt. Dabei steht weniger die Frage im Mittelpunkt, ob diese nun richtig (ergo: Antoine gefährlich) oder falsch (also Miriam eine Lügnerin) war. «Nach dem Urteil» handelt vor allem von der Unberechenbarkeit des Menschen, denn egal wer hier wie und warum agiert, das Skript macht immer wieder deutlich, dass sich die beiden Hauptcharaktere überhaupt nicht einschätzen lassen. Eine Szene, in der Antoine und sein Sohn Seite an Seite im Auto sitzen, treibt den Puls allein durch diese Figurenkonstellation bis in unerträgliche Höhen. Doch auch die Interaktion zwischen Miriam und Antoine fördert Erkenntnisse zutage, durch die man sich zeitweise fragt, ob das Kind überhaupt bei irgendjemandem von den beiden bleiben sollte.
Getragen wird «Nach dem Urteil» erzählerisch vom Konstrukt Familie, darstellerisch hingegen vor allem von Denis Ménochet («7 Tage in Entebbe»), der allein schon durch sein massiges Erscheinungsbild einschüchternd wirkt. Das steht von Beginn an im starken Kontrast zur von ihm eingenommenen Opferposition und konfrontiert den Zuschauer unterschwellig auch mit Vorurteilen. Schließlich muss niemand automatisch böse sein, nur weil er böse aussieht. Ménochet agiert in der Rolle des schwer einschätzbaren Antoine mal passiv, mal betont aggressiv aber gleichzeitig scheinen sich beide Facetten immer zu ergänzen. Sein lebensechtes, authentisches Spiel trägt dazu bei, dass man bei «Nach dem Urteil» tatsächlich lange Zeit nicht weiß, woran man ist. Dasselbe gilt auch für Léa Drucker («Das blaue Zimmer»), die vor allem in den letzten zehn Minuten so richtig gefordert wird. Zuvor wirkt sie die meiste Zeit ein wenig zu verhuscht für ihre eigentlich so starke Rolle, gleichzeitig nimmt man ihr die unbedingte Aufopferungsbereitschaft für ihren Sohn so sehr ab, dass auch hier der Sprung von der liebevollen Mutter hin zur überfürsorglichen Helicoptermum kein großer wäre; und so macht auch sie es dem Zuschauer nicht leicht, sie und ihr Handeln einzuschätzen. 

• 7 Tage in Entebbe • Adoration • Celeste & Jesse • Das blaue Zimmer • Nach dem Urteil • Unruhestifter
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