Die Kritiker: «Polizeiruf 110 – Sie haben Namen»

Zwangsprostitution, Menschenhandel, Mord: Der neue «Polizeiruf 110» widmet sich den Vergessenen aus dem Grenzgebiet - und will ihnen mehr zurückgeben als ihre Namen.

Stab

Darsteller: Anneke Kim Sarnau, Lina Beckmann, Andreas Guenther, Josef Heynert, Uwe Preuss, Wolfgang Michael
Musik: Johannes Lehniger und Sebastian Damerius
Kamera: Hanno Lentz
Drehbuch: Florian Oeller
Regie: Franziska Schlotterer
Manchmal beginnt ein Krimi mit einer Leiche; manchmal aber auch mit einer gesellschaftlichen Anklage, für die diese Leiche als Beweisstück dienen soll. «Polizeiruf 110 – Sie haben Namen» versucht beides miteinander zu verbinden: Eine Anglerin entdeckt die Leiche einer jungen Frau, vermutlich minderjährig, offenbar aus Osteuropa, vor ihrem Tod gefoltert. Niemand weiß, wer sie ist. Es soll um Menschen gehen, die innerhalb eines Systems wirtschaftlicher und sexueller Ausbeutung zunächst ihre Selbstbestimmung verlieren und schließlich auch noch ihre Sichtbarkeit. Der Titel verspricht, ihnen etwas davon zurückzugeben.

Regisseurin Franziska Schlotterer und Drehbuchautor Florian Oeller wählen dafür den Weg eines klassischen Ermittlungsdramas. Katrin König und Melly Böwe stoßen bei ihren Nachforschungen auf eine Feriensiedlung, die dem ehemaligen Kampfsportler, Zuhälter und Unternehmer Heiko Mischke gehört. Hinter der Fassade eines halbwegs regulären Geschäftsmodells öffnet sich eine Welt aus Abhängigkeiten, Gewalt und organisiertem Schweigen. Mit Natasha begegnen die Ermittlerinnen derweil einer jungen Frau, deren Verstrickung in das Verbrechen die vermeintlich klare Trennung zwischen Opfer und Beteiligter zunehmend infrage stellt.

Das ist die interessanteste Ebene des Films. Denn wer sich mit Menschenhandel und Zwangsprostitution beschäftigt, muss auch davon erzählen, wie Herrschaft funktioniert, ohne dass ständig jemand eine Waffe in der Hand hält. Abhängigkeit entsteht durch Geld, Angst, fehlende Alternativen und die allmähliche Zerstörung des eigenen Handlungsspielraums. Gerade Natasha, eindrucksvoll gespielt von Anastasiia Mazhara, bietet die Möglichkeit, diese Mechanismen sichtbar zu machen. Ihre Figur lässt erahnen, dass Überleben unter solchen Bedingungen Entscheidungen erfordern kann, die von außen moralisch leicht zu verurteilen sind. Hier gewinnt der Film eine Ambivalenz, die im Krimi-Genre nicht immer selbstverständlich ist.

Allerdings vertraut «Sie haben Namen» seiner eigenen Differenziertheit nicht durchgehend. Der Film möchte die Strukturen hinter dem einzelnen Verbrechen offenlegen, greift dafür aber immer wieder auf vertraute Muster des Milieukrimis zurück. Bedrohliche Männer, verschlossene Räume, einschüchternde Begegnungen: Das alles erzeugt eine durchaus wirksame Atmosphäre, wirkt mitunter jedoch so bekannt, dass die gesellschaftliche Wirklichkeit hinter den Genrebildern zurücktritt. Aus dem System der Ausbeutung wird dann vor allem eine düstere Kulisse, in der die Ermittlerinnen nach dem nächsten Hinweis suchen.

Besonders problematisch ist dabei eine unübersehbare dramaturgische Schieflage. Die namenlose Tote soll das moralische Zentrum der Geschichte bilden, bleibt aber zwangsläufig lange eine Projektionsfläche. Wir erfahren vor allem, was ihr angetan wurde, und weniger, wer sie gewesen sein könnte. Natürlich ist diese Leerstelle Teil des Konzepts. Dennoch stellt sich die Frage, ob ein Film über die Unsichtbarkeit ausgebeuteter Frauen nicht gerade dann vorsichtiger sein müsste, wenn er ihre Körper zum Ausgangspunkt kriminalistischer Spannung macht. Die gute Absicht schützt nicht automatisch vor einer problematischen Perspektive. Der einzelne skrupellose Unternehmer Heiko Mischke ist als Gegenspieler ebenfalls leichter zu erzählen als jene gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse, die sein Geschäftsmodell überhaupt ermöglichen. Der Film weiß um diesen Unterschied, findet aber nicht immer eine überzeugende Form dafür.

«Polizeiruf 110 – Sie haben Namen» nimmt sein Thema ohne Frage ernst und findet insbesondere in Natashas Geschichte Momente echter moralischer Komplexität. Zugleich bleibt der Film den Konventionen des Milieukrimis jedoch stärker verpflichtet, als es seinem gesellschaftlichen Anspruch guttut. Dieser Film möchte den Opfern ihre Namen zurückgeben – doch es gelingt ihm nicht, ihnen genügend Raum zu geben, um mehr zu sein als das, was ihnen widerfahren ist.

Der Film «Polizeiruf 110 – Sie haben Namen» wird am Sonntag, den 1. November um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.
31.10.2026 11:20 Uhr Kurz-URL: qmde.de/176980
Oliver Alexander

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• Polizeiruf 110 – Sie haben Namen • Sie haben Namen


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