Interview

Tanya Momella Mallory: ‚Dirk Trebbe ist kein Ersatz, sondern ein Störfaktor im besten Sinne‘

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«SOKO Leipzig» startet mit 24 neuen Folgen und Simon Böer als neuem Hauptkommissar. Produzentin Tanya Momella Mallory spricht über den personellen Neustart, komplexere Geschichten fürs Streaming und die Zukunft des ZDF-Dauerbrenners.

Frau Momella Mallory, mit „Das Auge“ startet «SOKO Leipzig» in 24 neue Folgen. Was erwartet die Zuschauer in dieser Staffel, und was unterscheidet sie aus Ihrer Sicht von den vergangenen Jahren?
Mit dem Staffelauftakt „Das Auge“ schlagen wir ein neues, unglaublich spannendes Kapitel für die «SOKO Leipzig», eine Produktion der UFA MITTE, auf. Die Zuschauerinnen und Zuschauer erwartet eine Staffel, die von einer völlig neuen Dynamik im Team getragen wird. Nach dem emotionalen Abschied von Jan Maybach im vergangenen Jahr dürfen wir mit Simon Böer als Hauptkommissar Dirk Trebbe ein neues Gesicht im Team begrüßen.

Was diese 24 neuen Folgen auszeichnet und von den vergangenen Jahren unterscheidet, ist die noch intensivere Verknüpfung von hochaktuellen gesellschaftlichen Themen mit moralischen Grauzonen. Wir erzählen Geschichten, die die Lebensrealität der Menschen spiegeln – von Mobbing über Obdachlosigkeit und die Pflege von Angehörigen bis hin zu modernen, digitalen Bedrohungen. Gleichzeitig entführen wir das Publikum in außergewöhnliche Welten wie die der Geheimdienste oder illegaler Autorennen.

Trotz all dieser Veränderungen bleibt das Herzstück der Serie unberührt: Die tiefe Empathie, Aufrichtigkeit und Teamstärke, mit der Ina Zimmermann, Kim Nowak, Moritz Brenner und nun auch Dirk Trebbe ermitteln. Es ist dieser Anspruch, ehrliche und bewegende Geschichten zu erzählen, der die «SOKO Leipzig» auch nach 25 Jahren so besonders macht.

Gleich zum Auftakt wird das Ermittlerteam mit einer Polizistin konfrontiert, die einen Mord gesteht, für den längst ein Täter gefunden wurde. Warum haben Sie sich entschieden, die neue Staffel mit einem derart ungewöhnlichen Fall zu eröffnen?
Wir wollten einen Auftakt, der emotional tief geht und sofort fesselt. Dass eine Polizistin einen bereits abgeschlossenen Fall aufreißt, stellt die Loyalität und das Gerechtigkeitsempfinden des Teams auf eine harte Probe. Gleichzeitig war uns dieser Fall ein wichtiges Anliegen, um den Einstieg unserer neuen Figur, Dirk Trebbe, besonders feinfühlig zu erzählen. Uns liegt viel daran, dass er nicht einfach nur eine Lücke füllt, sondern als nahbarer, empathischer Kollege ankommt, der sich seinen Platz im Team durch echtes Zuhören und gegenseitiges Vertrauen erarbeitet. Diese emotionale Extremsituation schweißt das Team sofort auf einer tiefen, menschlichen Ebene zusammen.

Mit Dirk Trebbe, gespielt von Simon Böer, bekommt das Team einen neuen Kollegen. Was war Ihnen bei der Einführung dieser Figur besonders wichtig, damit er nicht einfach die Rolle eines Vorgängers übernimmt?
Wir wollten keinen nahtlosen Übergang, sondern einen bewussten Neustart der Teamdynamik. Dirk Trebbe ist kein Ersatz, sondern ein Störfaktor im besten Sinne. Er bringt einen anderen Blickwinkel, einen trockenen Humor und eine gesunde Skepsis mit, die die alten Muster im Team aufbrechen. Simon Böer spielt das mit einer großartigen, unaufgeregten Lässigkeit, die sofort neugierig auf diese Figur macht.

«SOKO Leipzig» läuft inzwischen seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Wie schafft man es redaktionell und produktionell, nach so vielen Folgen noch Kriminalfälle zu entwickeln, die sich nicht wie Variationen bereits erzählter Geschichten anfühlen?
Indem wir die «SOKO Leipzig» nicht als starres Format, sondern als lebendigen Organismus begreifen. Leipzig verändert sich rasant, die Kriminalität wird komplexer und wir entwickeln uns mit. Wir bewahren das verlässliche Fundament, das die Zuschauer seit einem Vierteljahrhundert lieben, trauen uns aber redaktionell und visuell immer wieder, an Grenzen zu gehen und Sehgewohnheiten herauszufordern.

Die Serie verbindet abgeschlossene Fälle mit der langfristigen Entwicklung des Ermittlerteams. Wie viel Raum möchten Sie den privaten und persönlichen Geschichten der Figuren in den neuen Folgen geben?
Das Private ist für uns kein schmückendes Beiwerk, sondern das emotionale Gerüst der Serie. In den neuen Folgen geben wir den persönlichen Geschichten genau so viel Raum, dass sie den Fällen eine tiefere Dringlichkeit verleihen. Wir ermitteln nicht im luftleeren Raum – erst die Verletzlichkeit und die privaten Reibungspunkte des Teams machen die Serie so authentisch und nahbar.

24 neue Folgen sind für eine deutsche Primetime-Serie ein enormes Produktionsvolumen. Wie groß ist die Herausforderung, bei dieser Menge an Episoden einen gleichbleibenden visuellen und erzählerischen Anspruch zu gewährleisten?
Ein solches Volumen auf konstant hohem Niveau zu realisieren, ist ein kreativer und logistischer Marathon, der nur mit einem perfekt eingespielten Team und extrem präziser Vorbereitung funktioniert. Wir drehen in sogenannten Blöcken, bei denen mehrere Folgen gebündelt von einem Regieteam und einer Kamera-Crew realisiert werden. Das ermöglicht es uns, Ressourcen optimal zu nutzen, ohne bei der inhaltlichen Tiefe zu sparen. Die größte Herausforderung – und gleichzeitig unsere größte Stärke – ist die enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Redaktion, Produktion und den Gewerken am Set. Nur wenn alle Abteilungen von der ersten Drehbuchfassung bis zur Postproduktion an einem Strang ziehen, lässt sich diese Qualität über 24 Folgen halten.

Das Publikum kennt Figuren wie Ina Zimmermann inzwischen seit vielen Jahren. Wie viel Veränderung verträgt eine derart etablierte Serie und wie verhindern Sie gleichzeitig, dass die Verlässlichkeit irgendwann zur Routine wird?
Die Kunst liegt darin, den Kern einer Figur zu schützen, während man ihre Umstände und Herausforderungen radikal verändert. Eine Figur wie Ina Zimmermann ist für das Publikum eine verlässliche Konstante und ein moralischer Kompass. Aber Verlässlichkeit darf nicht mit Stillstand verwechselt werden. Wir verhindern Routine, indem wir diese etablierten Charaktere mit neuen, existenziellen Konflikten konfrontieren, die ihre gewohnten Bewältigungsmechanismen an die Grenzen bringen. Ina Zimmermann darf und muss sich verändern, weil sie auf die Welt um sie herum reagiert. Diese organische Weiterentwicklung fühlt sich für die Zuschauer nicht wie ein Bruch an, sondern wie echtes Leben.

«SOKO Leipzig» steht freitags um 21.15 Uhr, ist aber jeweils schon eine Woche vorher im Streaming verfügbar. Hat diese Vorabveröffentlichung verändert, wie Sie über Dramaturgie, Cliffhanger oder längerfristige Handlungsbögen nachdenken?
Die Vorabveröffentlichung in der Mediathek ist für uns ein enormer kreativer Gewinn. Sie gibt uns die Freiheit, horizontaler und mutiger zu erzählen. Während beim klassischen Freitags-Sendeplatz der abgeschlossene Fall im Vordergrund steht, verlangt das Streaming-Publikum nach starken emotionalen Bögen, die über mehrere Folgen tragen. Wir konzipieren die Episoden heute so, dass sie auf beiden Kanälen funktionieren: Wer freitags linear einschaltet, bekommt einen packenden, in sich geschlossenen Krimi. Wer in der Mediathek streamt, wird durch subtile, aber wirkungsvolle Cliffhanger und die persönliche Weiterentwicklung der Figuren sofort zum Weitergucken verleitet. Diese doppelte Dynamik hat unsere Drehbücher definitiv komplexer und moderner gemacht.

Der deutsche Fernsehmarkt verfügt über eine enorme Zahl an Krimireihen. Spüren Sie einen zunehmenden Druck, «SOKO Leipzig» deutlicher von anderen «SOKO»-Formaten und anderen ZDF-Krimis abzugrenzen und worin liegt für Sie heute die eigene Identität der Serie?
Der größte Unterschied liegt bereits in unserer Platzierung begründet: Als einzige «SOKO» auf dem prominenten Primetime-Sendeplatz am Freitagabend um 21:15 Uhr haben wir eine ganz andere erzählerische und visuelle Freiheit als die Vorabend-Formate. Unsere Fälle dürfen düsterer, komplexer und psychologisch tiefgründiger sein. Unser Schwerpunkt liegt auf cleveren Rätselkrimis, die wir mit der Dynamik und der hohen emotionalen Fallhöhe moderner Thriller verbinden. Die eigene Identität der Serie liegt in diesem cineastischen Anspruch: Wir wollen dem Publikum am Freitagabend einen packenden 45-Minüter bieten, der sich in puncto Look, Intensität und Relevanz vor keinem großen Sonntags-Krimi verstecken muss.

Wenn eine Serie bereits seit Jahrzehnten erfolgreich läuft, stellt sich zwangsläufig die Zukunftsfrage: Denken Sie bei «SOKO Leipzig» inzwischen eher in einzelnen Staffeln oder gibt es bereits Ideen und Entwicklungen, die weit über die jetzt angekündigten 24 Folgen hinausreichen?
Eine Serie, die über ein Vierteljahrhundert läuft, hat bewiesen, dass sie sich immer wieder neu erfinden kann. Deshalb denken wir definitiv über die aktuelle Staffel hinaus. Die Zukunftsfähigkeit der «SOKO Leipzig» in ihrer Anpassungsfähigkeit. Wir beobachten genau, wie sich die Gesellschaft, die Stadt Leipzig und auch die Sehgewohnheiten verändern. Wir haben noch viele Geschichten zu erzählen und visuelle Konzepte im Kopf, die wir in den nächsten Jahren umsetzen wollen. Für uns ist die Marke kein Auslaufmodell, sondern eine extrem starke Plattform für modernes, mutiges Storytelling, das noch sehr viel Zukunft vor sich hat.

Danke für Ihre Zeit!

Die neue Folge von «SOKO Leipzig» ist bereits seit 24. September in der ZDFmediathek abrufbar. Die lineare Ausstrahlung startet am 2. Oktober um 21.15 Uhr im ZDF.

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