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‚Der Elsewhere Express‘

von

Samantha Sotto Yambao schickt ihre Heldin Raya auf eine außergewöhnliche Reise: Der „Elsewhere Express“ fährt durch eine Welt voller Wunder.

Manchmal beginnt eine Reise genau dann, wenn man selbst nicht mehr weiß, wohin man eigentlich unterwegs ist. Genau an diesem Punkt steht Raya in „Der Elsewhere Express“ von Samantha Sotto Yambao. Eigentlich wollte sie Songwriterin werden, doch nach dem Tod ihres Bruders hat sie diesen Traum aufgegeben. Statt einer klaren Zukunft bleibt vor allem Leere zurück. Bis sie eines Tages an einem Ort landet, den es eigentlich gar nicht geben dürfte: im Elsewhere Express, einem Zug für verlorene Seelen.

Schon diese Ausgangsidee verleiht dem Roman eine besondere Atmosphäre. Der Zug ist nicht einfach ein Fortbewegungsmittel, sondern ein eigener Kosmos, in dem Wirklichkeit und Fantasie ineinanderfließen. Wer hier einsteigt, befindet sich nicht mehr in einer gewöhnlichen Welt. Der Elsewhere Express scheint vielmehr Menschen aufzunehmen, die im Leben ihre Richtung verloren haben. Damit wird die Reise schnell zu mehr als einem Abenteuer – sie wird zu einer Suche nach dem eigenen Platz.

Für Raya bedeutet das zunächst, sich mit dem auseinanderzusetzen, was sie verdrängt hat. Der Tod ihres Bruders hat nicht nur Trauer hinterlassen, sondern auch ihre Vorstellung davon zerstört, wie ihr Leben einmal aussehen sollte. Ihr Traum von der Musik ist verschwunden, weil sie sich selbst nicht mehr zutraut, ihm zu folgen. Genau hier setzt Samantha Sotto Yambao an. Der Roman erzählt nicht nur von Magie, sondern auch von Verlust, Selbstzweifeln und der Frage, wie man nach einem einschneidenden Erlebnis wieder anfangen kann.

An Rayas Seite steht der geheimnisvolle Künstler Q. Er gehört zu jenen Figuren, die zunächst mehr Fragen aufwerfen als beantworten. Gemeinsam mit ihm entdeckt Raya die besondere Welt des Zuges und die Wunder, die dort auf sie warten. Die Beziehung zwischen beiden entwickelt sich dabei nicht isoliert vom eigentlichen Thema des Romans. Vielmehr wird auch Q Teil von Rayas Suche nach Vertrauen und neuer Orientierung.

Der Vergleich mit den Filmen von Studio Ghibli liegt tatsächlich nahe. Nicht deshalb, weil „Der Elsewhere Express“ bekannte Geschichten kopieren würde, sondern weil der Roman ähnlich selbstverständlich Fantastisches und Emotionales miteinander verbindet. Das Magische wird nicht ständig erklärt oder technisch begründet. Es ist einfach da. Der Zug, seine Passagiere und die außergewöhnlichen Orte wirken dadurch eher wie Bestandteile eines modernen Märchens als wie Elemente einer Fantasywelt mit kompliziertem Regelwerk.

Gerade diese Mischung dürfte viele Leserinnen und Leser ansprechen, die Fantasy weniger wegen großer Schlachten oder umfangreicher Mythologien lesen. „Der Elsewhere Express“ setzt stärker auf Atmosphäre, Gefühl und Staunen. Die Reise führt durch eine Welt, die zugleich fremd und merkwürdig vertraut wirkt. Hinter vielen magischen Bildern stehen sehr menschliche Themen. Allerdings bleibt es nicht bei einer ruhigen Reise durch eine wundersame Zwischenwelt. Ein Fremder gelangt an Bord, dessen dunkle Macht den gesamten Zug bedrohen kann. Damit bekommt die Geschichte einen klareren Spannungsbogen. Raya muss nicht nur herausfinden, was sie selbst will, sondern plötzlich Verantwortung übernehmen. Aus einer jungen Frau, die ihr eigenes Leben kaum noch in der Hand zu haben glaubt, wird jemand, der über sich hinauswachsen muss.

Diese Entwicklung ist letztlich der Kern des Romans. Der Elsewhere Express bietet Raya keine einfache Flucht vor ihrem bisherigen Leben. Er zwingt sie vielmehr dazu, sich ihm erneut zu stellen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wohin dieser Zug fährt. Viel wichtiger ist, ob Raya am Ende bereit ist, wieder selbst eine Richtung zu wählen.

Mit 528 Seiten nimmt sich Samantha Sotto Yambao viel Raum für diese Entwicklung. Das passt zur märchenhaften Konstruktion des Romans. Die Geschichte lebt davon, dass man gemeinsam mit Raya in diese ungewöhnliche Welt eintaucht und nicht bereits nach wenigen Kapiteln wieder aus ihr herausgerissen wird. Wer sich darauf einlässt, bekommt eine Fantasygeschichte, die bewusst auch melancholische Töne zulässt.

Besonders schön ist dabei die Verbindung zwischen Kreativität und Lebensmut. Raya wollte Songs schreiben, Q ist Künstler – Kunst ist in dieser Welt nicht bloß Dekoration. Sie steht für Ausdruck, Identität und die Fähigkeit, etwas Eigenes zu erschaffen. Dass ausgerechnet eine Frau, die ihren kreativen Traum aufgegeben hat, in einen Zug voller Wunder gerät, ist deshalb kein Zufall.

„Der Elsewhere Express“ erzählt damit auch von der Frage, wie viel von einem Menschen verloren geht, wenn er seine eigenen Wünsche aufgibt. Nach einem Schicksalsschlag weiterzumachen bedeutet nicht zwangsläufig, alles Vergangene hinter sich zu lassen. Vielleicht geht es vielmehr darum, Erinnerungen und Trauer mitzunehmen und trotzdem wieder neue Möglichkeiten zuzulassen.

Die große Stärke des Romans liegt deshalb weniger in seiner äußeren Handlung als in seiner Stimmung. Samantha Sotto Yambao verbindet Fantasy mit einer emotionalen Geschichte über Trauer und Hoffnung. Wer ausschließlich rasante Action sucht, dürfte mit dem eher verträumten Ansatz nicht immer glücklich werden. Wer dagegen Bücher mag, die sich wie moderne Märchen anfühlen und ihre fantastische Welt mit persönlichen Themen verbinden, findet hier reichlich Stoff.

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