Popcorn & Rollenwechsel

Alles nochmal, nur in echt!

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Der Disney-Konzern arbeitet versessen daran all, seine Zeichentrickklassiker als Realfilm neu zu interpretieren. Was hält unser Kolumnist davon?

Disney, die Blockbustermaschine: Der Traditionskonzern verwandelte sich in den vergangenen Jahren dank seiner Erfahrung darin, seine Figuren überlebensgroß im kollektiven Bewusstsein zu verankern, zum großen Franchise-Lieferanten. Nicht alle, aber zahlreiche, Filme des Unterhaltungsgiganten gehören einer Marke an. Der Disney Trickfilm-Kanon ist sein ganz eigenes Franchise, Pixar ist trotz Patzer in der jüngeren Vergangenheit als Qualitätsmarke bekannt, dann wären da die Filme des Marvel Cinematic Universe und demnächst auch die «Star Wars»-Reihe. Und gelegentlich kommen noch Spielfilme wie die «Pirates of the Caribbean»-Saga oder die Muppet-Streifen hinzu. Kurzum: Disney hat das Blockbuster-Spiel so gut drauf, dass Branchenkenner nun anfangen, den restlichen Hollywood-Studios den Rat zu erteilen, es gar nicht erst mit Disney aufnehmen zu wollen.

Trotzdem übertreibt es Disney es mit seinem Markendenken. Erfolgreiche Reihen fortzusetzen ist zwar schön und gut, so lange sie sich inhaltlich für neue Abenteuer eignen (daher ist neuer Piratenspaß mit Jack Sparrow eine erfreulichere Vorstellung als ein forciertes «Die Eiskönigin»-Sequel), jedoch muss sich Disney an eins erinnern: Dass man nunmehr fähig ist, «Fluch der Karibik» fortzusetzen oder mit «Saving Mr. Banks» einen Film über die Vorproduktion von «Mary Poppins» zu veröffentlichen, liegt daran, dass die Studiobosse einst Risiken gewagt haben. Wenn Disney sich nunmehr dagegen unentwegt darum kümmert, bestehende Erfolge auszubauen und etablierte Marken frisch zu halten, gehen irgendwann die Möglichkeiten aus. Ein Drama über die Dreharbeiten zu «Iron Man 3» wird wohl kaum jemanden interessieren, und ebenso wenig kann Disney das an Superhelden, Fantasy und Sci-Fi desinteressierte Publikum eines Tages mit «Secretariat 2 – Die Legende galoppiert wieder» abspeisen und einen Megahit erwarten.

Kurzum: Wo nichts Neues nachwächst, gehen langfristig die wiederverwertbaren Ideen aus. Der Disney-Konzern scheint aber aktuell wie verbissen daran zu arbeiten, seinen sogenannten Meisterwerke-Kanon in Realfilme umzuwandeln. Ein «Die Schöne und das Biest»-Musicalfilm ist bereits in Arbeit, ebenso wie ein mittels Realfilm und Computeranimation verwirklichtes «Dschungelbuch». Und im Fahrwasser des Kassenerfolgs von «Cinderella» kündigte Disney innerhalb weniger Tage einen «Mulan»-Abenteuerfilm sowie eine reale «Winnie Puuh»-Fortführung an. Ganz zu schweigen von Tim Burtons «Dumbo».

Gelegentlich ergibt es einen künstlerischen Sinn, solche Filme in Angriff zu nehmen. Das «Die Schöne und das Biest»-Bühnenmusical genießt große Achtung und hat durch seine barocke Gestaltung ihre ganz eigene Charakteristik – diese auf die Leinwand bringen zu wollen, ist reizvoll. Und in der Theorie ist auch ein Realfilm, in dem ein gealteter Christopher Robin mit knuffigen animierten Versionen seiner früheren Stofftierfreunde agiert, ein charmantes Projekt. Da Disneys Trick-Winnie-Puuh aber schon so ikonisch ist und sich erst 2011 mit einem liebevollen Zeichentrickfilm aus der „Diese Geschichten sind ausschließlich für Kinder gedacht“-Falle befreien konnte, in der er sich jahrelang befand, ist es bedauerlich, dass der Konzern ihm nun interne Konkurrenz macht. Zumindest steht mit Indie-Filmemacher Alex Ross Perry ein vielversprechender Autor hinter dem Projekt.

Aber gerade Ideen wie Tim Burtons «Dumbo» oder ein vornehmlich computeranimierter «Das Dschungelbuch»-Mischfilm klingen nicht nur für sich stehend grausig, sie lassen eine ungesunde Tendenz vermuten, dass Disney stur seine Klassiker neuverwursten lässt – und weitestgehend aus dem Geschäft ausgestiegen ist, neue Klassiker zu erschaffen. Abgesehen von solchen raren Ausnamen wie «A World Beyond». Doch gerade solche Ausnahmen braucht es, denn recycelte Stoffe allein halten eine Blockbustermaschine nicht ewig am Laufen.

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