Die Kino-Kritiker

Panem am Vorabend der Revolution

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Kritik des Monats: Mit dem heiß erwarteten, dramatischen «Die Tribute von Panem – Mockingjay: Teil I» wächst die abenteuerliche Kinosaga rund um Katniss Everdeen über sich selbst hinaus.

«The Hunger Games» vs. «Catching Fire»

  • Budget: 78 Mio. Dollar vs. 130 Mio. Dollar
  • Einnahmen in Nordamerika: 408,01 Mio. Dollar vs. 424,67 Mio. Dollar
  • Einnahmen weltweit: 691,25 Mio. Dollar vs. 864,57 Mio. Dollar
  • Kinobesucher in Deutschland: 2,11 Mio. vs. 3,71 Mio.
Die zweifache Hungerspiel-Überlebende Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) verkriecht sich verzweifelt, verängstigt und verwirrt in einem nicht sonderlich einladend wirkenden Raum. Manisch spricht sie im Flüsterton mit sich selbst, erinnert sich an die wenigen Fakten, an denen sie noch festhalten kann: Sie stammt aus dem ärmlichen Distrikt 12 des diktatorisch geführten Staates Panem, zerstörte bei den letzten Hungerspielen die Arena und wurde daraufhin von den Rebellen gerettet. Doch Katniss' Versuche, sich zu beruhigen, scheitern: Obwohl ihr versprochen wurde, in Sicherheit zu sein, ist sie voll des Misstrauens – schließlich enthüllten die verbissenen Gegner des abscheulichen Präsidenten Snow (Donald Sutherland), sie als unwissende Figur in einem Schachspiel gegen die Regierung verwendet zu haben. Da es ihnen obendrein nicht gelang, Katniss' Leidensgenossen Peeta (Josh Hutcherson) aus der Gladiatorenarena zu befreien, macht sie den Rebellen und sich selbst schwere Vorwürfe.

Die Aufständischen jedoch wollen keine Zeit verlieren und warten daher gar nicht erst, bis Katniss das Geschehen verdaut und sich an ihr neues Zuhause im unterirdischen, lange zerstört geglaubten Distrikt 13 gewöhnt hat. Vor allem Medienstratege Plutarch Heavensbee (Philipp Seymour Hoffman) und Anführerin Alma Coin (Julianne Moore) möchten das Kapitol möglichst zeitnah am schockierenden Ausgang der kürzlich abgehaltenen Hungerspiele stürzen – mit Katniss als personifiziertes Symbol der Rebellion. Ob sie dazu bereit ist, diese schwere und gefährliche Bürde zu tragen, scheint niemanden zu interessieren …

Endlich wieder eine Saga, die mit ihren Aufgaben wächst


Die «Tribute von Panem»-Filmreihe ist weit mehr als einfach nur eine weitere von vielen Jugendbuchadaptionen. Dies drückt sich bereits darin aus, dass es den Produzenten Nina Jacobson und Jon Kilik gelang, drei Jahre in Folge einen neuen Teil der Saga in die Kinos zu bringen. Und sofern keine unvorhergesehenen Ereignisse die Veröffentlichung des vierten Teils hinauszögern, können sie 2015 von sich behaupten, ein jährliches Filmfranchise beendet zu haben. Trotz dieser beeindruckenden Geschäftigkeit sind die «Die Tribute von Panem»-Filme deutlich hochwertiger produziert (geschweige denn geschrieben) als die ebenfalls Jahr für Jahr ins Kino geeilten «Twilight»-Verfilmungen. Eine bedeutsame Gemeinsamkeit existiert trotzdem zwischen diesen beiden Reihen: Frei nach dem Vorbild der «Harry Potter»-Saga wird die Adaption des finalen Romans in zwei Teile gesplittet. Diese Methode, an der sich auch «Die Bestimmung» bedient, während «Der Hobbit» bekanntlich sogar gedrittelt in die Lichtspielhäuser gelangt, ist unter Filmfans, nicht ganz zu unrecht, umstritten.

Die kreativen Köpfe hinter den betroffenen Reihen begründen diesen Schritt stets damit, den Fans der Buchvorlage zum Abschied einen möglichst originalgetreuen und detaillierten Film bieten zu wollen. Jedoch zweifelt wohl niemand daran, dass es den Studiobossen allein um die zusätzliche Gelegenheit geht, das Publikum zur Kasse zu bitten. Hinzu kommt, dass sich einige Bücher schlicht nicht für eine ausführliche Verfilmung eignen, weshalb mehrteilige Romanadaptionen leicht zur Redundanz neigen. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel, und obwohl Francis Lawrences verklausuliert betitelter «Die Tribute von Panem – Mockingjay: Teil I» nach dem turbulenten Schluss des Vorgängers mehrere Gänge zurückschaltet, zählt der dritte «Panem»-Teil zu diesen löblichen Fällen.

Hinter den Kulissen einer Rebellion


Der Gedanke war, dass in Distrikt 13 eine eigene, isolierte Zivilisation entstanden ist. Sie sind völlig vom Kapitol abgeschnitten, und mit der Zeit wurde die alte Technologie durch neue ergänzt. Deshalb finden wir jetzt altmodische Schaltknöpfe neben Hightech. Dieser sonderbare Mix war voll beabsichtigt.
Produktionsdesigner Philip Messina
Das größte Qualitätsmerkmal der neuen filmischen Erlebnisse der kämpferischen Jugendlichen Katniss Everdeen ist zugleich der Aspekt, der unvorbereitete Zuschauer eingangs etwas verwundern könnte. Nach dem leichte Mediensatire und dystopisches Abenteuerfeeling vereinenden ersten Part und dem in seiner Gesellschaftskritik deutlich bissigeren zweiten Teil, der neben seiner Abenteueraction auch eine stärkere Dosis Dramatik bietet, wandelt sich die «Die Tribute von Panem»-Saga nämlich ein weiteres Mal. Und dies radikaler denn je: «Mockingjay: Teil I» ist im Grunde genommen ein sehr karges, ernstes Drama über moderne Kriegsführung – bloß im dystopischen Gewand und gerade so jugendgerecht verpackt, dass es die bisherige «Tribute von Panem»-Zielgruppe weiterhin erreicht.

Mit diesem geänderten thematischen Schwerpunkt kommt auch – schon wieder – eine neue Ästhetik daher: Produktionsgestalter Philip Messina und das Kostümdesigner-Duo Kurt Swanson & Bart Mueller setzen nahezu ausnahmslos auf dunkle Erdtöne und schlichtes Grau. Bei aller Trübseligkeit ist die Ästhetik dieser Lionsgate- und Color-Force-Produktion die bisher eindrücklichste im Franchise, was der dichten Atmosphäre und Weltbildung zugutekommt. Ob der hoch funktionale, beengende Distrikt 13, dessen Gestaltung an das verwinkelte Innere von Atomkraftwerken der 1960er und 1970er erinnert, oder die verwüsteten Überreste anderer Distrikte, die Katniss besucht: Die gesamte Filmwelt wirkt authentisch, verlebt und lässt unentwegt das Gefühl aufkommen, sich als Zuschauer in einem vor dem Umbruch stehenden, zerrütteten Staat zu befinden.

Und vor exakt dieser bedrückenden Kulisse lassen die auf Suzanne Collins' Vorlage aufbauenden Drehbuchautoren Danny Strong und Peter Craig ihre Heldin Katniss Everdeen die unangenehmen Pflichten einer Aufstandsikone durchleiden. So besucht sie ein Feldlazarett, um den Anwesenden trotz ihrer hoffnungslosen Lage Mut zu machen, lässt sich in Strategiegesprächen von Heavensbee und Coin herumschubsen und wird widerwillig zur Protagonistin aufrührerischer, pathetischer Propagandaspots gegen das Kapitol. Auch wenn vereinzelt kurze, aber umso intensivere Sequenzen erste Guerillakämpfe zeigen, liegt das Hauptaugenmerk dieses Films nicht auf Feldeinsätzen, sondern auf den medial-strategischen Aspekten eines Krieges. Und somit trifft «Die Tribute von Panem – Mockingjay: Teil I» den Nerv der Zeit: Politische Kämpfe werden dank der Fortschritte in der Kommunikationstechnik mehr und mehr über die Medien ausgetragen (Stichwort: Arabischer Frühling), und wie wichtig inspirierende Aushängeschilder für solch eine moderne Revolution sind, stellt dieses Jugenddrama erstaunlich treffend dar.

Darüber hinaus setzen die Verantwortlichen den in «Catching Fire» begonnen Ansatz fort, die zentrale Auseinandersetzung der niederen Distrikte gegen ihre hedonistischen Herrscher differenziert zu betrachten: Da in «Mockingjay» kein Sieg der Rebellen ohne herbe Verluste geschieht, die Franchis Lawrence auch drastischer zeigt als noch Gary Ross die Hungerspiel-Opfer in Teil eins, und Katniss von den Rebellen allein ob ihrer Funktion respektiert wird, fehlt der «Panem»-Reihe die in Hollywood sonst so verbreitete Glorifizierung militärischer Gewalt. Zwar lässt der in anspannender Gemächlichkeit erzählte Film keinen Zweifel daran, dass Snows Regentschaft gestürzt werden muss, gleichwohl werden die unschuldigen Opfer des Bürgerkriegs und die steten Gefahren eines blutigen Umsturzes klar. Recht anspruchsvoller Stoff, erst recht für eine primär an Jugendliche gerichtete Filmreihe.

Neue und altbekannte Akteure, die das Geschehen im Kontext der Reihe verankern
Es ist Regisseur Lawrence sowie den Autoren Craig und Strong sehr hoch anzurechnen, dass sie die 123 Minuten Laufzeit dieses „Halbfinals“ nicht nutzten, um stylisch choreografierte Actionpassagen, all zu kitschige Liebesszenen oder gar übermäßig viele Comedysequenzen einzustreuen. Viel mehr verlassen sie sich darauf, dass die treuen Kinogänger den Anspruch des neuen Teils zu schätzen wissen – immerhin stützen sich die Motive auf dem aus den Vorläufern bekannten Material. Und während im ersten Teil das obligatorische Liebesdreieck noch etwas forciert daherkam, dient es in «Mockingjay» in überschaubaren Dosen vor allem der Charakterisierung unserer Heldin Katniss. Darüber hinaus lenkt es aber auch Aufmerksamkeit auf eine weitere Frage: Ist es allein Katniss Zuneigung zu Peeta, die sie dazu bringt, weiter an seine Integrität zu glauben, obwohl er in Propagandaspots fürs Kapitol auftaucht? Oder ist es auch ohne romantische Bindung in Ordnung, daran zu Zweifeln, dass alle Kollaborateure eines Regimes die Überzeugungen der Täter teilen?

In seinen wenigen Leinwandminuten zeigt Peeta-Darsteller Josh Hutcherson einen graduellen Wandel seiner Figur, was ihm ermöglicht, durch das gebotene Material über sein in den ersten «Panem»-Teilen geliefertes, bestenfalls annehmbares Niveau hinaus zu reichen. Ähnlich ist es um Sam Claflin bestellt. Der «Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten»-Mime, der in «Catching Fire» als Finnick Odair noch schmückendes Beiwerk war, hat in diesem Part zwar erneut wenig zu tun, dafür gehört sein Monolog, in dem er sein ganzes Wissen über das Kapitol preisgibt, zu den Gänsehautmomenten dieser Großproduktion. Liam Hemsworth reicht angesichts seiner weniger dramatischen Szenen als Gale Hawthorne zwar nicht an seine männlichen Jungdarstellerkollegen heran, trotzdem verleiht auch er seiner weiterhin ausbaufähigen Figur mehr Profil als zuvor. Dies gilt auch für Willow Shields als Katniss' Schwester Primrose, die kurz vor dem letzten Akt dieses Teils leider Auslöser der einzigen bemüht wirkenden, das Material unnötig streckenden Spannungsszene ist. Woody Harrelson und Elizabeth Banks werden in ihren wiederkehrenden Rollen vom Geschehen dagegen nahezu völlig an den Rand gedrängt, wobei Banks den Vorteil hat, dass ihre affektierte Effie Trinket einen krassen, plotgestützten Wandel durchmacht und daher eine kleine, aber feine Darbietung geben darf.

Dies scheint das verbindende Element des Ensembles rund um Jennifer Lawrence zu sein: Waren vor allem im Erstling viele der Randfiguren bloße Staffage, können die Nebendarsteller in «Mockingjay» mit markantem Gestus ihren Figuren ein Eigenleben verleihen, selbst wenn der Zuschauer nur wenig über sie erfährt. Dies gilt etwa für Natalie Dormer als Cressida, die strenge, zynische Regisseurin der Propagandafilmchen mit Spotttölpel Katniss in der Hauptrolle, sowie Julianne Moore und Philip Seymour Hoffman als Strippenzieher der Rebellion. Moore ändert von Szene zu Szene subtil die innere Haltung der eigensinnigen (anfangs fast gelangweilt erscheinenden) Anführerin, Hoffman unterdessen dominiert seine wenigen Sequenzen mit einer prägnanten Mischung aus Abgebrühtheit und trockenem Humor. Es sind – zumindest in diesem Film – äußerst knapp gefasste Rollen, trotzdem spielen die preisgekrönten Akteure sie nicht lustlos herunter, sondern schröpfen das Beste aus dem gegebenen, knappen Stoff.

Die Macht des Spotttölpels


Mimisch gehört «Die Tribute von Panem – Mockingjay: Teil I» eh nahezu allein Oscar-Preisträgerin Jennifer Lawrence. Und dies, obwohl die beliebte Schauspielerin in den ersten Filmminuten ein wenig enttäuscht. Katniss' Wut und Verzweiflung brachte die 24-Jährige gegen Ende von «Catching Fire» deutlich besser zur Geltung als in den anfänglichen Passagen dieses Teils, wo ihr Spiel mehr an die Monotonie erinnert, die sie in «The Hunger Games» partiell zu Tage legte. Dies ist wohlgemerkt nicht allein Lawrences Schuld, da der Einstieg in das dritte filmische «Panem»-Kapitel nicht pointiert genug gewählt ist. Nach rund zehn Minuten gewinnen Skript und Regieführung aber an Schärfe, wovon auch Lawrence profitiert, die Katniss je nach Situation als hilflosen Spielball der Mächte oder als zielstrebige Kämpferin skizziert und vor allem die Zwischentöne überzeugend spielt.

Wenn Lawrence die unbeholfene Seite ihrer Figur wieder hervorkehrt und die ersten Propagandaclips der Rebellen verhaut, sorgt sie zudem auch für einige der wenigen, sich natürlich aus der Situation entwickelnden Lacher des Films. Zudem trägt Lawrence mit einem sanft gesäuselten Lied den Höhepunkt von «Die Tribute von Panem – Mockingjay: Teil I»: Eine eindringlich geschnittene Gegenüberstellung der „oberen“ Rebellen und des sich gegen das Regime auflehnenden Volkes. Mit übersichtlicher Kameraarbeit und die Emotionen untermalendem Schnitt (statt des Gewaltspitzen vertuschenden Schnittgewitters aus Teil eins) wächst das Franchise in dieser Szene endgültig über sich hinaus – womit das Warten auf den Abschluss im November 2015 sehr, sehr schwer fällt.

Fazit: Weniger Action, mehr Anspruch: «Die Tribute von Panem – Mockingjay: Teil I» führt die filmische Gattung der Jugendbuchverfilmungen in ungewohnte, politisch motivierte Sphären. Bravo!

«Die Tribute von Panem – Mockingjay: Teil I» ist ab dem 20. November 2014 in vielen deutschen Kinos zu sehen.

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