Hingeschaut

«Himmel oder Hölle»: Wenn Langeweile anwidert

von

ProSieben bot in seiner neuen Primetime-Show eine in vielerlei Hinsicht unbekömmliche Form der Unterhaltung an: Neben Magen und Hirn rebellierten auch schnell Ohren und Augen gegen das Format.

Jochen Schropp bei ProSiebenSat.1

  • «Jetzt wird's schräg»: Vier Folgen erzielten am Freitagabend im Schnitt gute 11,4 Prozent Marktanteil bei 1,21 Millionen Zuschauern.
  • «Himmel oder Hölle»: Drei Sendungen sind geplant, die Folgen zwei und drei haben aber noch keinen Sendetermin.
  • «Promi Big Brother»: Zwei Wochen lang täglich um 22:15 Uhr, freitags jeweils schon um 20:15 Uhr live. Start am 15. August.
Moderator Jochen Schropp wusste bereits im Vorfeld, dass seine neue Sendung «Himmel oder Hölle» nicht gerade ein Kritikerliebling werden würde und prognostizierte, es werde sein bislang kontroversestes Format. Der Schauspieler und Moderator steht bis dato für angenehmes, unaufdringliches und unschuldiges Fernsehen. Sollte also sein Ziel gewesen sein, diesen Pfad zu verlassen und Teil der televisionären Abgründe zu werden, so hat er mit seinem neuesten Engagement alles richtig gemacht. Denn die über drei Stunden lange Primetime-Show auf ProSieben ist unangenehm, schwer verdaulich und das jüngste Beispiel für die Schmerzfreiheit einiger Medienschaffenden der heutigen Zeit. Gute oder zumindest einigermaßen kurzweilige Unterhaltung bekommt der Zuschauer dennoch nicht geboten, stattdessen quält er sich durch einen nicht enden wollenden Höllenritt und schüttelt mehrfach ungläubig den Kopf.

Drei Kandidaten stellen sich in der Auftaktfolge der Mixtur aus Quiz- und Actionshow. In maximal zehn Spielrunden befinden sie sich stets zunächst im "Himmel" und bekommen eine Frage gestellt, bei der sie unter vier Antwortmöglichkeiten die richtige auswählen müssen. Schaffen sie dies nicht oder sind sich ihres Wissens nicht sicher genug, müssen sie die "Hölle" betreten. Hier wartet Co-Moderatorin Evelyn Weigert bereits mit einer unangenehmen Aufgabe auf sie, die es zu bewältigen gilt. Stellen sie sich der Tortur und überstehen diese auch unter den zuvor genannten Bedingungen, spielen sie um einen höheren Geldbetrag weiter. Weigern sie sich oder scheitern sie auch hier, sind sie vorzeitig aus dem Spiel ausgeschieden.

Eigentlich war seit der Veröffentlichung der Pläne Anfang Juni, eine solche Show produzieren zu wollen, relativ klar, dass dieses Projekt nur in zwei Richtungen gehen kann: Entweder bekommt das Publikum eine liebevoll gestaltete, aufwändige und ambitionierte Show geboten, in der sich die Redakteure mit großem Enthusiasmus in die Kreation neuartiger und spannender Spiele stürzen. Das wäre die Variante gewesen, in der sich allen voran «Schlag den Star», aber mitunter auch «Elton zockt» verdient gemacht haben. Oder aber man setzt auf die Zugkraft des Ekelhaften und versucht, seine Protagonisten mit möglichst abscheulichen und Überwindung kostenden Mutproben vorzuführen und ihnen die Zeit im Studio sprichwörtlich zur Hölle zu machen. Wenig überraschend hat man sich für letzteres entschieden.

Einen zu geringen Ekelfaktor kann man den sehr zahlreichen Spielen in der Hölle nun wahrlich nicht vorwerfen. So muss Kandidat eins unter anderem eine Art Nasenspülung mit einem Getränk durchführen und anschließend die durch die Nase entronnene Flüssigkeit aus einem Glas trinken oder seinen Kopf in einen mit Fischabfällen und vergorenen Eiern gefüllten Behälter stecken und gleichzeitig mit den Händen versuchen, einen Faden durch diverse Nadelöhre innerhalb einer gewissen Zeit zu lotsen. Die zweite Kandidatin hat die Aufgabe, ihren Kopf in einen mit Götterspeise gefüllten Behälter zu tauchen, um eine - selbstredend anschließend zu verspeisende - Chilischote heraus zu fischen. Der letzte Kandidat gibt schließlich einem fremden Mann einen 15-sekündigen Zungenkuss, nachdem sich dieser einen üppigen und nicht sehr appetitlichen Burger in den Magen gestopft hat.

Doch die Verantwortlichen von «Himmel oder Hölle» erliegen hierbei dem Trugschluss, dass die diabolische Anziehungskraft des Unmoralischen und Geschmacklosen alleine reicht, um ein abendfüllendes Konzept zu tragen. Nur oberflächlich betrachtet ist dies das Erfolgsrezept, mit dem das RTL-Dschungelcamp seit Jahren und «Joko gegen Klaas - Das Duell um die Welt» seit einiger Zeit die Massen vor die Fernsehgeräte locken. Doch mit charismatischen und sympathischen Protagonisten, abwechslungsreichen Showfragmenten, herausragenden Moderationstexten und einem stets selbstironischen Grundton gibt es in beiden Fällen Alleinstellungsmerkmale, die den Rezipienten an das Produkt binden. All dies sucht man hier jedoch vergeblich.

Was uns von der UFA Show stattdessen geliefert wird, ist ein starres und vorhersehbares Konzept, das seine gesamte Daseinsberechtigung darauf setzt, plumpe Mutproben und Ekelspielchen möglichst bombastisch in Szene zu setzen. Man muss in der Tat einige Male schlucken und schaut ungläubig auf sein Fernsehgerät, wenn man sieht, was die Teilnehmer alles für ein paar tausend Euro über sich ergehen lassen. Eine Beziehung zu den Kandidaten, eine ernsthafte Empathie mit ihnen oder der Drang danach, auch nach einer Werbepause weiter miterleben zu dürfen, wie sich die Personen im Studio anstellen, kommt zu keiner Zeit auf. Stattdessen langweilt man sich nach spätestens einer Stunde beträchtlich und nimmt nach einem Blick auf den Videotext (oder der Fernsehzeitung) schockiert zur Kenntnis, dass nicht einmal ein Drittel des Spektakels überstanden ist.

Hierzu trägt ein weiterer Trugschluss bei, dem diverse Fernsehteams heutzutage erliegen: Die Kandidaten moderner Shows müssen schlagfertig und aalglatt sein, alles kritiklos über sich ergehen lassen und minütlich einen schalen Gag auf die Meute loslassen, damit hin und wieder ein aufgenommener Lacher - möge er auch noch so übertrieben und unangebracht sein - eingespielt werden kann. Hierdurch minimiert man natürlich das Risiko unvorhergesehener Vorkommnisse und kann sich einem stringenten Show-Ablauf relativ sicher sein. Doch jeder mitdenkende und -fühlende Zuschauer bemerkt schnell die aufkeimende Distanz zwischen ihm und dem potenziellen Gewinner und baut entweder eine gewisse Gleichgültigkeit dessen Schicksal gegenüber auf oder gar eine latente Abneigung. Dieses Problem hatte schon das erst kürzlich in Sat.1 neu aufgelegte «Deal or no Deal» mit Wayne Carpendale, das allerdings immerhin nicht solch beträchtliche Längen aufwies wie Schropps neues Baby.

Der Moderator selbst kommt noch vergleichsweise gut weg, obgleich er als Quizmaster nur bedingt punkten kann. Seine prinzipiell vorhandene Spontaneität und Lockerheit spielt er recht selten aus und versteift sich die meiste Zeit zu sehr auf ständige Hinweise auf das Show-Konzept und den Umstand, dass man hier ja ganz schnell ausscheiden könne. Die Höllenspiele scheinen ihm da ungleich mehr Freude zu bereiten, er kann seinen beizeiten durch die Fassade des grinsenden Schwiegermutterlieblings durchschimmernden Sadismus ausleben und auch etwas stärker mit den Kandidaten interagieren. Leider bekommt er hier Evelyn Weigert an die Seite gestellt, die bei ihrer Show-Premiere vor großem Publikum überhaupt nicht überzeugen kann. Neben einem affektiert daherkommenden Verhalten leidet sie auch an einer leicht unangenehmen Stimmfarbe, wodurch ihre Moderationen nicht gerade zum Ohrenschmaus avancieren.

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Ganz mies, das muss ich nicht noch einmal sehen.
60,8%
Habe es (noch) nicht gesehen.
16,3%


Immerhin: Die Quizfragen sind auf einem ordentlichen Niveau, das nicht den Eindruck erweckt, dass man den Teilnehmern erst gar nicht die Chance geben möchte, ohne Stipvisite in der Hölle die nächste Runde zu erreichen. Gleichzeitig muss man allerdings auch scharf nachdenken oder ein gewisses Maß an Allgemeinbildung mitbringen, um erfolgreich zu sein. Leider ist dies allerdings auch beinahe schon der einzige lobenswerte Punkt in einer Sendung, die sich viel zu sehr darauf beschränkt, einen kalkulierten TV-Skandal herbeizuführen. Dass «Himmel oder Hölle» allerdings nicht nur unter einem Mangel an Geschmack und Moral leidet, sondern auch Abwechslung, Spannung, Authentizität und Witz zu kurz kommen, kann eigentlich von niemandem gewollt gewesen sein. Wir haben es hierbei also auch fernab der ewig gleichen Anstandsdebatte mit schlecht gemachtem Fernsehen zu tun, das letztlich an seinem Unterhaltungsauftrag kläglich scheitert.

Ob das Interesse zumindest zum Auftakt in die zunächst drei Folgen umfassende Ausstrahlung groß genug war, um ProSieben einen Erfolg zu bescheren, erfahren Sie gegen 9:00 Uhr bei Quotenmeter.de.

Kurz-URL: qmde.de/72355
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